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„Mahlers »Siebte« macht das Orchester zum Schauspieler“

Daniele Gatti: „Mahlers »Siebte« – das wird hart…“ (Foto: Oliver Killig)

Daniele Gatti, ich hörte Mahlers »Fünfte« kürzlich auf der Staatskapell-Tournee in Bukarest und war erstaunt, wie sehr es sich von der Aufführung unterschied, die ich nur eine Woche zuvor in Dresden erlebt hatte. Es war ein völlig anderer Mahler, fast wie ein anderes Werk. Was hat Ihnen die Staatskapelle denn in Sachen Mahler angeboten, und an welchen Themen haben Sie mit dem Orchester vor allem gearbeitet? Ihr Vorgänger Kurt Sanderling sagte einmal, die Staatskapelle habe einen wunderbar kultivierten Klang, könne Stücke zum Erblühen bringen. Aber sie lese selten zwischen den Zeilen und neige dazu, „zu schön“ zu spielen. In der „Fünften“, im zweiten und dritten Satz, drückt sich ja auch Sarkasmus, Bitterkeit, Ironie aus.

Auch Groteske! Ich habe darauf keine klare Antwort. Ich höre dem Orchester zu. Denken Sie daran: Es war in den Händen von Richard Wagner, Carl Maria von Weber, Richard Strauss – Komponisten, die wahrscheinlich nicht unbedingt das Groteske suchten. Die Musiker haben den Klang der „sächsischen Romantik“ perfektioniert: Mendelssohn, Weber, Schumann, Wagner, alle in der Region zwischen Leipzig und Dresden. Für mich, der ich aus dem Süden komme, schlägt das Herz der Romantik hier in Mitteldeutschland. Aber Mahler verlangt etwas anderes. All das, was in unserem Leben passiert, ist von ihm in Musik übersetzt. Die vierte Sinfonie, die Wunderhorn-Lieder: die Gefühle des Wanderers, der Natur, der Poesie, Wasser, Tiere, das Soldatenleben… Sinfonie fünf, sechs und sieben dagegen, sind anders komponiert, rein instrumentale Stücke. Er versuchte, das Leiden des menschlichen Lebens, auch groteske Momente, einzufangen. Ein Orchester, das eben noch herrlich und prächtig klingen durfte, ist nun gezwungen, theatralisch zu werden, zum Schauspieler zu werden. Ein Opernorchester wie die Kapelle verbringt natürlich viel Zeit mit diesen Dingen. Bei Mahler sind sie auf anderthalb Stunden komprimiert. 

Ich dirigiere seine Sinfonien seit vierzig Jahren, bin mit dem Klang des Concertgebouw Orchesters, den Wiener Philharmonikern, auch den New Yorkern vertraut, den drei Orchestern, die Mahler persönlich dirigierte. Sie haben sich etwas von seinem Klang bewahrt. Mit der Staatskapelle ist das ein Abenteuer für mich. Ich schlage die Partitur wieder auf und beginne – nach Paris und London – einen neuen Mahler-Zyklus. Wir entdecken diese Musik gemeinsam. 

Das erste Konzert in Dresden war das Ergebnis von drei, vier Tagen Üben. Das Konzert, das Sie in Bukarest hörten, war das Ergebnis nach einigen Tourstationen, das Orchester war viel selbstbewusster geworden. Wir erlaubten uns mehr Freiheiten. Das Orchester war auf der Bühne anders aufgestellt: in Dresden spielen die Hörner recht weit hinten im Konzertzimmer, das ergibt eine Vertikalität. Auf Tour bat ich die Hörner, direkt hinter den Bratschen zu spielen. Es wurde für sie einfacher, und für mich auch, die Gruppe klang besser zusammen. 

Nicht zuletzt – der Klang! Viele Menschen glauben, der Klang sei das Ziel, von dem man alles andere ableitet. Ich sehe es umgekehrt: Der Klang ist das Resultat einer Haltung, einer Idee. Die Interpretation bestimmt den Klang – nicht umgekehrt. Die Stimme eines Orchesters ist doch eine menschliche. Wir dürfen uns da nicht zum Sklaven einer „Originalklang-Diskussion“ machen. Der Originalklang existiert nicht. Umso besser ein Orchester ist, desto besser kann es einen Klang für bestimmte Werke und Stimmungen erzeugen. Speziell bei Mahler! Es gibt diesen Anfang des Trauermarschs. Das Thema (singt) ist kalt. In der Partitur steht das so: kein Ausdruck, kein Legato. In der Wiederholung steht aber Legato! Wer macht das anders? Am Anfang dürfen wir das gnadenlos spielen. Ohne Mitleid. Aber in der Wiederholung soll es menschlicher klingen. Wenn man der Partitur folgt, muss man das Thema beim zweiten Mal wärmer nehmen, und das Orchester muss das verstehen.

Eine banale Nachfrage. Sie haben für den geplanten Zyklus die Dresdner Aufführungen mitgeschnitten. Wäre es nicht viel besser gewesen, eine spätere Aufführungen auf Platte zu verewigen, mit dem gewachsenen Selbstvertrauen des Orchesters auf der Tour?  

Wir machen die Aufnahme, weil die Staatskapelle ja bisher nie einen kompletten Mahler-Zyklus aufgenommen hat. Und ja, wir haben nach den korrigierten Aufnahmen in Dresden auch die Live-Aufnahmen aus Prag oder Linz und können beides genießen. Sicher, es wäre toll gewesen, erst die Tour zu machen und dann in Dresden aufzunehmen. Aber – die drei Konzerte in Dresden waren wichtig, bevor wir auf Reisen gegangen sind. Das Stück ist neu, muss sich einspielen. In Dresden spielen wir für unser Publikum, und wenn wir andere Städte besuchen, können wir uns dann schon selbstbewusster präsentieren. 

Das Publikum in Dresden, Bukarest und Mailand hat sich ja sehr unterschieden.

Ja, und die Musiker sind natürlich sehr feinfühlig und stellen sich jeweils auf die unterschiedlichen Voraussetzungen ein. Als wir in Mailand spielten, wurde das Orchester so warm willkommen geheißen. Am Anfang herrschte eine heilige Stille. Und am Ende explodierte der Saal, die Leute weinten! Unglaublich.

Wir spielen ja nie in einem Vakuum. Jedes Publikum bringt seine eigene Geschichte mit – Freude, Müdigkeit, Ärger, Hoffnung. Manchmal sitzt jemand im Saal, der gerade befördert wurde oder der sein Auto beim Einparken vor dem Konzert zerbeult hat. Diese Mischung schafft eine Energie, die in die Musik zurückfließt. Darum klingen zwei Aufführungen nie gleich.

Wie bewahren Sie in diesem Wechselspiel zwischen Emotion und Kontrolle die Übersicht?

Das Konzert ist dabei der Schlüsselmoment. Es erlaubt mir, zu improvisieren, einen Raum zu schaffen zwischen dem, was geübt wurde und dem, was in unseren Köpfen live vorgeht, ein bisschen Fantasie, ein bisschen Freiheit, ein bisschen Risiko. Das macht den Moment einzigartig. Es ist bitter zu sagen, wir sind zwischen Ekstase und Kontrolle. Das ist vielleicht das Schwierigste an unserem Beruf. Ich muss drei oder vier Takte vorausdenken, während ich mitten im Moment bin. Ich darf ihn nicht zu sehr genießen! Es ist wie beim Reiten: Wenn du dem Pferd nicht vertraust, spürt es das. Und wenn du zu sehr loslässt, stürzt du.

Ich habe jetzt ein bisschen in der Geschichte der Staatskapelle gegraben. Als Myung-whun Chung vor neun Jahren in Dresden die Fünfte Sinfonie machte, waren die Kritiker begeistert. Chung war ja 2013 zum Ersten Gastdirigenten gewählt worden speziell mit der Aufgabe, einen Mahler-Zyklus zu erarbeiten. Er nahm damals die Erste, Zweite, Vierte, Fünfte, Sechste und Neunte auf. Ich habe mich gefragt, ob Sie auf dieser Arbeit aufbauen können, oder ob Sie einen komplett anderen Zugang schaffen wollen.

Ja, ich starte neu. Ich kenne diese Aufnahmen nicht. Ich gestehe, dass ich gar nicht wusste, dass Chung dieses Projekt schon begonnen hat! Ich wusste nur, dass die Kapelle mit Mahler nicht allzu vertraut war. Als Gastdirigent hat man sich meist auf Wagner oder Brahms verlassen. In Zukunft, wenn wir den gesamten Zyklus erarbeitet haben, würde ich mir wünschen, dass Gastdirigenten sich auch mal an Mahler wagen. 

Eigentlich verrückt, dass die Staatskapelle die »Siebte« noch nie aufgeführt hat.

Hören Sie sich mal um: diese fantastische Sinfonie wird heutzutage tatsächlich gar nicht so oft aufgeführt! Ich liebe sie, aber sie ist auch sehr schwer zu spielen. Und schwer zu hören! Der letzte Satz… Dieses Werk ist ein großes Rätsel, oder? Die »Sechste« ist viel klarer, aber die »Siebte« – das wird hart. 

Wenn wir auf einen anderen wichtigen Kapelldirigenten schauen, Herbert Blomstedt, dann haben Sie noch dreißig Jahre Dirigieren vor sich…

Sagen wir ruhig vierzig!

Gibt es da Ideen, Wünsche, die Sie sich noch erfüllen möchten? Welche Werke wollen Sie noch entdecken, welche Komponisten oder Komponistinnen haben Sie vielleicht noch nie ausprobiert, aber mit der Kapelle würden Sie das mal wagen?

In diesem Abschnitt meines Lebens ist einfach die Zeit, das große Repertoire mit der Kapelle zu genießen. Es kommen ja die Konzerte mit Wagner und Strauss, später Brahms, wir blicken schon auf das Beethovenjahr 2027… Ich freue mich aber auch neue Musik. Wir werden in jedem Beethoven-Konzert auch zeitgenössische Stücke spielen – und zwar jeweils zweimal. So kann das Publikum das neue Stück zweimal hören, und wir haben die Chance, es zweimal zu spielen. Das ist ein Experiment, das ich schon einmal in Frankreich gemacht habe. Vor und nach der Pause hörte man damals quasi ein völlig anderes Stück. Daneben möchte ich mit meinem Theater in Florenz auch die italienischen Komponisten des 20. Jahrhunderts wiederentdecken. Alfredo Casella, Goffredo Petrassi, Gian Francesco Malipiero. Die sind komplett vergessen. Mit der Kapelle möchte ich ein Stück für Orchester von Casella machen. Ein Meisterwerk! Vielleicht könnten wir in Zukunft da sogar etwas zusammen machen.

Ob Sinopoli jemals Casella mit der Kapelle aufgeführt hat? 

Das weiß ich nicht, aber Busoni hat er auf jeden Fall gemacht. Das ist ja auch der deutscheste Komponist, den wir Italiener haben… Daneben spielten wir ja in Bukarest auch Enescu, und ich versuchte, die Kapelle auch mal als französisches Orchester zu behandeln, wenn ich das so sagen darf… Wir machen so etwas – und dann kehren wir in unseren vertrauten Musikgarten zurück!

Vielen Dank für das Gespräch.

7. Sinfoniekonzert

Freitag, 27. Februar 2026, 19 Uhr
Samstag, 28. Februar 2026, 19 Uhr
Sonntag, 1. März 2026, 11 Uhr

Gustav Mahler (1860-1911)

  • »Kindertotenlieder«
  • Sinfonie Nr. 7

Tickets (45-82 EUR) hier.

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