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Frontsoldat der Träume

Marcus Günzel als der große Kalanag, Sybille Lambrich als Anneliese alias Gloria… Foto: Lutz Michen

Der große Kalanag verwandelt Wasser in Wein! Was hätten Sie denn gern? Ein Gläschen Roten, oder doch lieber ‘nen quietschsauren Weißen aus Meißen? Klar, Bier geht auch! Aus einer magischen Karaffe erfüllte der Zauberstar nach dem zweiten Weltkrieg seinem Publikum jeden erdenklichen Getränkewunsch. „Und das machen wir alles mit Wasser aus Indien.“ Umringt von leicht bekleideten Revuetänzerinnen bediente der gebürtige Schwabe Helmut Ewald Schreiber die Bedürfnisse der besiegten Deutschen. Ganze Autos ließ er verschwinden, für die er zugleich Werbung machte. Nicht nur in Hamburg, sondern auch in London und New York. Mit seinen opulenten Revuen füllte er Anfang der 60er, bereits im Abglanz seines internationalen Ruhms, etwa das Hallenser Steintor-Varieté und den Zwickauer Lindenhof mit seinen 1500 Plätzen. Späteren Zauberern wie Siegfried und Roy oder auch David Copperfield diente er als Inspiration für ihre eigenen Bühnenshows.

Kalanag zaubert für den Führer (Quelle: Malte Herwig, Wikimedia Commons)

Schreiber, alias Kalanag, war aber auch der Hofmagier der Nazis. Bereitwillig zauberte er für alle hohen Vertreter der Diktatur, bis hinauf zum Magier der Massen. Auf dem Obersalzberg war Schreiber ein gern gesehener Gast und unterhielt Adolf Hitler und dessen Gäste mit seinen Taschenspielertricks. Für den Propagandaminister produzierte er derweil Filme. So auch den reichsdeutschen Musicalfilm »Robert und Bertram« — musikalisch gesüßte antisemitische Propaganda. Parteimitglied war er natürlich auch. Nach dem Krieg zauberte er sich allerdings mit einem eiligen Wechsel von der amerikanischen in die britische Besatzungszone geschwind einen Persilschein – und so stand dem eigenen Wirtschaftswunder als Revuestar nichts mehr im Wege.

Die Dresdner Staatsoperette hat sich “Das magische Leben des Dr. Schreiber” als Grundlage für eine Musicalrevue auserkoren. Irgendwo zwischen Mario der Zauberer und Klaus Manns Mephisto will diese Uraufführung den schwäbischen Kleinkünstler und Großopportunisten verorten. Und so beginnt Schreiber seinen Aufstieg in Film und Zauberei im Kraftwerk Mitte in einer Revue mit doppelten Boden. Bis zur Pause reihen sich Zaubertricks und Tanzensembles entlang seiner biographischen Stationen bis 1933. Da röhren auch musikalisch die Zwanziger — von der usbekisch-australischen Komponistin Elena Kats-Chernin angefüllt mit zeittypischen Klangkolorit, zitathaft, oft an der Grenze zur Trivialität. Das Ganze ist höchst manipulativ — szenisch opulent und trickreich. Wenn Marcus Günzel als geschmeidiger Kalanag ins Publikum hinabsteigt, um seinen Karaffentrick vorzuführen, gibt er den großen Verführer und biedert sich kunstvoll an. Das Publikum lacht und applaudiert bereitwillig, den Kunststücken wie dem Glitzer. Und doch ist da auch immer der Beigeschmack.

Das Finale vor der Pause bricht mit dem unaufhaltsamen Aufstiegstaumel dieser Heldenfigur. “Ein Telegramm vom Führer!” Max — Helmuts Businesspartner und Freund — muss ins Pariser Exil fliehen und Schreiber verleibt sich bereitwillig dessen Firmenanteile ein. Musikalisch bersten die Zitate und lassen ihre ausgestellte Belanglosigkeit hinter sich, eine verzerrte deutschnationale Weihnacht überlagert sich dissonanzreich mit einem Tanztableau, in dem die einst lasziven Revuegirls sich nun bewegen wie Sportlerinnen aus Leni Riefenstahls Olympia.  Weihnachtskugeln als Gymnastikbälle schwingend bilden sie eine kopflose Choreografie der Massen. Die Revue entlarvt ihre eigenen Mittel.

Foto: Lutz Michen

Eine solch raffinierte Befragung der Gattung nach Verführung, Kommerz, Schuld und Affirmation (um den alten Teddy der Frankfurter Schule doch noch einmal aus dem Fundus der Faschismus- und Kapitalismuskritik zu kramen) scheint dem Autorenteam hier vorzuschweben. Doch scheitern sie nach der Pause an ihrem eigenen Anspruch, sowohl dramaturgisch als auch musikalisch. Es leiert alles nur irgendwie so weiter wie vorher, vielleicht etwas spitzer, etwas ausgehöhlter. Dr. Schreibers Karriere im Dritten Reich wird übersprungen, und so kann er sich auf der Bühne wunderbar herauslavieren. Die anklagenden Instanzen: slapstickartige Militärpolizisten, seine Tochter, alte Weggefährten, sein Gewissen — alle wirken unterbelichtet. Besonders schade ist dies bei Gero Wendorff, dessen gelungene Charakterisierung des Max’ mehr Raum verdient hätte. Die Revue entkommt aber am Ende weder der Affirmation noch ihrer trivialen Musikalität.

Besonders ärgerlich ist eine wohl aus dramaturgischer Unbedachtheit hinzuerfundene Szene. Der Musical-Helmut wird nicht zugelassen beim Zauberzirkel und von dessen vorsitzendem Magier Thorn abgewiesen. Kalanag gründet darauf seinen eigenen Club. Ernest Thorn, heute auf dem Alten Israelitischen Friedhof in Leipzig begraben, war Schreibers Vorbild und Mentor, und es ist historisch verbürgt, dass er ihn bei der Aufnahme im Zirkel unterstützte. Auf der Bühne indes sehen wir in der Szene der Abweisung eine getanzte Geheimgesellschaft mit langen Gewändern und okkulten Leuchtstäben. So wird unfreiwillig eine der ältesten antisemitischen Verschwörungstheorien seit den Protokollen der Weisen von Zion zitiert: die im Geheimen alles kontrollierenden Juden.

Nächste Vorstellungstermine: 24. Mai; 6., 7., 18., 19. Juni 2026