Wenn es ihn nicht gäbe, man müsste ihn dringendst erfinden, den Dresdner Kammerchor. Ein exzellentes Ensemble, was dessen Stimmqualität betrifft – und ein waghalsiges zudem, denn die Programmgestaltung des Chores ist höchst ambitioniert. Seit nunmehr vier Jahrzehnten gehört er dazu, wenn es um Musik in Dresden geht.
Ins Leben gerufen wurde der Kammerchor durch den 1965 im erzgebirgischen Schwarzenberg geborenen Kantorensohn Hans-Christoph Rademann, der seit 2013 die Internationale Bachakademie Stuttgart leitet und daselbst Chefdirigent der Gaechinger Cantorey ist, dem Dresdner Unikat aber nach wie vor verbunden bleibt. Die ein wenig abenteuerliche Gründungsgeschichte erzählt der Musiker, der einst im Kreuzchor sang und später an Dresdens Musikhochschule studierte, immer wieder gern: »Das Studium begann mit der Kartoffelernte im Elbsandsteingebirge. Die Abende dort in der Jugendherberge waren sehr öde. Ich hab dann Noten mitgenommen und mit meinen Kommilitonen abends gesungen. Später kam mir dann die Idee, ob man das nicht verstetigen kann.« Gesagt, getan, erfolgreich bis heute. Zur Bilanz des Chors zählen neben nationalen und internationalen Konzerten zahlreiche Einspielungen alter und ältester Musik, besonders hervorhebenswert die vielgelobte Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung (Carus).
Der Dresdner Kammerchor kann aber auch modern, wie er nun erst wieder in der jüngsten Fortsetzung seiner Jubiläumskonzerte »ZentralVokal« bewies. Neben beeindruckenden Kompositionen von Robert Schumann und Johannes Brahms erklang darin unter dem titelgebenden Imperativ »Preisen« die Cecilien-Hymne von Benjamin Britten. Ein strahlender Lobgesang auf die Muse der Musik, von glockenhellen Stimmen in den Klangraum der Dresdner Annenkirche gespült, auf dass sich Chor und Publikum durch erhebende Gefühle verbunden fühlen durften. Insbesondere die Soli von Fanny Lamers (Sopran), Paula Nilse (Alt), Sebastian Posen (Tenor) und Carl-Benedikt Schlegel (Bass) setzten dem Gesamteindruck noch das eine oder andere Krönchen auf.

Auch im kurzen »O sacrum convivium« von Olivier Messiaen, einem auf Thomas von Aquin zurückgehendes »heiliges Festmahl« aus dem Jahr 1937, war die berückende Brillanz des Chores unter Beweis gestellt. Eine besondere Herausforderung sowohl für die Sängerinnen und Sänger als auch für den Dirigenten dürfte jedoch die anschließende Uraufführung der eigens zum Chorjubiläum verfassten a-capella-Komposition »Von blendender Helle« gewesen sein. Wilfried Krätzschmar schuf eine komplexe Struktur aus Gesang und Gegengesang, die in- und umeinander kreisenden Stimmen bildeten sowohl musikalisches Reisen und Unterwegssein als auch ein Preisen dieser hohen Vokalkunst. »Blendend hell« waren die Stimmen der Damen und Herren, am betörendsten übrigens in den eher leiseren Momenten, die auch mal in Sprechgesang und wortlosen Vokalisen ausufern durften. Nachdem es eingangs machtvolle Verwebungen aus einem Dutzend einzelner Worte wie laudamus, gloria, in musica, in mundus und laude gab, erklangen im Mittelteil »störende« Fragen nach dem Warum und Wohin menschlichen Seins.
Diese in Töne gegossene Viertelstunde zeugte einmal mehr von Krätzschmars vielfältiger Handschrift und tonaler Strukturen, sie gipfelte in einem Preisen des Lebens, des Leuchtens und der Musik.
Kein Wunder, dass der Dresdner Kammerchor aus diesem Jubiläumskonzert nicht ohne Zugabe entlassen worden ist. Fortgesetzt werden die »ZentralVokal«-Konzerte zum 40jährigen Bestehen dieses unverzichtbaren Ensembles am 31. Mai (Annenkirche Dresden) sowie am 26. Juni (Dorfkirche Lohmen), dann unter dem Motto »Danken« unter anderem mit einer Uraufführung von Alexander Keuk.

