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Wir werden alle sterben

Das Fugenfragment auf der letzten Autographseite (Hervorhebung der fehlerhaften Rastrierung von mir). Quelle: Wikimedia Commons

Vor dreißig Jahren erregte ein neues Buch die Welt: „Der Bibelcode“ beschäftigte sich mit geheimen Botschaften, die der Autor Michael Drosnin (1946-2020) aus dem hebräischen Originaltext der Bibel herausgelesen haben wollte. Nachdem der nukleare Holocaust, den Drosnin im Nachfolgebestseller „Der Bibelcode II – Der Countdown“ exakt auf das Jahr 2006 datiert hatte, glücklicherweise nicht eingetreten war, wurde es stiller um den Autor.

Aber es bereitet uns Menschen doch immer noch großes Vergnügen, in unserer so chaotischen Welt nach machtvollen ordnenden Prinzipien zu suchen. Das ist sicherlich biologisch begründet: wer die Regeln der Natur versteht, wer etwa das Wetter oder das Verhalten von Mensch und Tier lesen und vorausahnen kann, der erntet die größeren Kartoffeln und wird selbst seltener von wilden Tieren verspeist.

Nun mag es weniger überlebenswichtig sein, in der Welt der Kunst zugrundeliegende Regeln zu suchen. Aber es befriedigt uns genauso, wenn wir regelmäßige, „harmonische“ Strukturen (oder ihr Verletzen) in Werken der Bildenden Kunst oder der Musik finden. Sofort fällt mir da die Geigerin Helga Thoene (1929-2021) ein, die zeitlebens biografische Andeutungen in Johann Sebastian Bachs Werken suchte und auch fand – einen „Bach-Code“ sozusagen, wie ich das vor einem Vierteljahrhundert bereits einmal freundlich amüsiert beschrieben habe. In Daniil Trifonov hat Helga Thoene den würdigsten denkbaren Nachfolger gefunden. Ja, gerne möchten wir Musikliebhaber verstehen, was das Göttliche in Bachs Musik ausmacht, welche metaphysischen (und vielleicht numerologisch zu entschlüsselnden) Gesetzmäßigkeiten seiner Kunst zugrundeliegen.

Da machte mich diese Woche eine Veranstaltung des Vereins der Freunde des Städtischen Klinikums Dresden im Marcolini-Palais neugierig: der Jurist, Organist und Musikwissenschaftler Meinolf Brüser war auf Einladung von Stefan Heinemann und Sebastian Schellong hin zu Gast und legte dar, was er in seinem Buch »Es ist alles Windhauch« aufgeschrieben hat: dass nämlich Bach mit der berühmten unvollendeten Fuge in der »Kunst der Fuge« quasi seine eigene Endlichkeit im Angesicht Gottes für die Nachwelt habe festhalten wollen. Er habe das bewusst in Takt soundso getan, dessen Quersumme die Zahl 14, die gematrisch bekanntlich für Bachs Namen stehe… Der Schlüssel zu dieser Erkenntnis sei die fehlerhafte „Rastrierung“ des Autographen – also die Tatsache, dass Bach für die Niederschrift der Fuge ein Blatt benutzt habe, auf dem der Rastral Aussetzer und fehlende Linien im System produzierte. Meinolf Brüser argumentiert, Bach habe diesen Tinten-Aussetzer bewusst „inszeniert“ und so quasi das Ende des eigenen Komponierens, das Ende des eigenen Lebens „metamusikalisch“ thematisiert. Es ist alles eitel! Denn: wir werden alle sterben.

Das hebräische Wort für „Windhauch“, הֶבֶל, wurde in der lateinischen Bibel als Vanitas übersetzt. Den Vanitas-Gedanken, den Bach laut Brüser der abbrechenden Fuge zugrundeliegt, hat der Autor zum Titel seines Buches gemacht. »Es ist alles Windhauch« ist im Bärenreiter Verlag erschienen und kostet 40 Euro. Es ist ein wunderbarer Anlass, sich einmal aus dem sausenden, völlig unvorhersehbar gewordenen Alltag auszuklinken und mal geduldig einer abseitigen Spur nachzugehen. Die eigenen Ideen und Vorstellungen zu schärfen, während man sich an der „juristisch“ motivierten Argumentationskette Brüsers reibt – das macht großen Spaß. Dresden dürfte gern mehr solche Abende bieten!