Alles muss klein beginnen

Foto: Anne Hornemann

Die Erinnerungen sind noch frisch an dieses Konzert in der Friedenskirche in Radebeul vor genau einem Jahr. Das Publikum, lange Monate völlig kulturentwöhnt und dementsprechend durstig, nahm das Konzert des jungen, international hochkarätig besetzten Streichquartetts nicht bloß dankbar, sondern geradezu enthusiastisch auf. Vielleicht war es in der Konzertpause im Pfarrgarten oder nach dem Konzert, bei der gemeinsamen feuchtfröhlichen Feier im Restaurant „Sonnenhof“, als sich der Geiger Albrecht Menzel und das teilweise von weither angereiste Publikum verständigten und beschlossen: das müssen wir doch wiederholen!? Jedenfalls hat der gebürtige Radebeuler in einer Zeit, da Veranstalter und Intendanten angstvoll auf maue Besucherzahlen schielen, einen radikalen Schritt gewagt – und mit Freunden ein neues Festival gegründet. Aus demselben Geist, aus dem vor dreißig Jahren Kai Vogler, Peter Bruns und Jan Vogler das Moritzburg-Festival gründeten – der Lust am Experiment, an der inspirierten Vermittlung von Kunst, am kammermusikalischen Musizieren!

Am 29. August erzählte der Maler Christoph Wetzel kurzweilig und feinsinnig über seinen wohl größten Auftrag: die Kuppel der Frauenkirche auszumalen. (Foto: M.M.)

Der musikalische Anspruch des neuen Festivals spiegelt sich im Repertoire: zwischen absoluten kammermusikalischen Klassikern von Mozart, Beethoven, Brahms und Mahler blitzten da etwa die furiosen „Fünf Stücke für Streichquartett“ op. 34 des Italieners Alfredo Casella hervor, einem Studienfreund Ravels und Enescus, die bereits vor einem Jahr für Publikumsjubel sorgten. Mit dabei sind die besten Musiker ihrer Zunft wie die Pianistin Lily Maisky, der Geiger Sascha Maisky oder der Cellist Andrei Ionita, der vor sieben Jahren den 1. Preis des renommierten Tschaikowski-Wettbewerbs gewann; daneben Stipendiaten der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung, deren Namensgeberin auch Albrecht Menzel maßgeblich förderte und mit ihm bei den Salzburger Festspielen, dem Grafenegg-Festival und auf Tourneen durch die alte und die neue Welt konzertierte. Aber auch unbekanntere, nichtsdestoweniger aufregende Namen listet das kleine, feine Programm auf: etwa den in Weißrussland geborenen Cellisten Ivan Karizna, der momentan ein Aufbaustudium an der Kronberg Academy absolviert, oder den Tabea-Zimmermann-Schüler Adrien La Marca.

Bis auf den letzten Platz besetzt war das Konzert am Montag… (Foto: M.M.)

Dabei hat sich Albrecht Menzel einige reizvolle Seitenstimmen überlegt, die die musikalischen Eindrücke ergänzen werden. So erzählte etwa beim zweiten Konzert des Festivals im Weingut Schloss Hoflößnitz, bei dem Dvořáks „Amerikanisches Streichquartett“ erklang, der Dresdner Maler Christoph Wetzel über die Ausmalung der Frauenkirche Dresden. In der Turnhalle einer Radebeuler Grundschule gaben die jungen Musikerinnen und Musiker Einblick in ihre aufregende Musikwelt, stellten ihre Instrumente vor. Und zum Abschlusskonzert in der Maschinenhalle des ehemaligen VEB Zerma Radebeul, dem heutigem Matthes Technik Center, sind die Festivalbesucher eingeladen, Kinder und Enkelkinder zum musikalischen Erstkontakt mitzubringen, neue Türen in die Musikwelt aufzustoßen. Ob diese Impulse das Publikum, das in den letzten zwei Jahren schlicht „verlernt hat, ins Konzert zu gehen“ (Philharmonie-Intendantin Frauke Roth), wieder neugierig auf die Musik machen kann, ob es anregen kann, wieder ins Gespräch über die Kunst, die Musik und den Sinn unseres Lebens zu kommen? Es wäre dem Festivalgründer Albrecht Menzel und vor allem uns, dem Publikum, so sehr zu wünschen. Und wer weiß, vielleicht können wir im Jahr 2050, wenn der Festival-Gründer längst zum Intendanten der Dresdner Musikfestspiele avanciert ist, unseren Enkeln stolz von den Eindrücken dieses furiosen ersten Radebeuler Festival-Jahrgangs berichten?

Abschlusskonzert: 04.09.2022, 16 Uhr. Ort: ehemals VEB Zerma/Matthes Technik Center
Karten: tickets@musikfestivalradebeul.de oder Tel. +49 174 2836650

Eine Textfassung des Artikels ist in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.