„Es ist eine Entdeckungsreise, ein Experiment“

Hermann Krone: Die Dresdner Synagoge (um 1858). Quelle: Deutsche Fotothek

Im Rahmen der bundesweiten Veranstaltungsreihe zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« interpretiert der Sächsische Staatsopernchor Dresden unter der Leitung seines Chordirektors André Kellinghaus am Mittwoch, dem 15. Juni 2022, in der Neuen Synagoge Dresden Werke synagogaler Chormusik. Unter dem Titel »Ma towu ohalecha/Wie schön sind deine Zelte« erklingen neben anderen synagogalen Gesängen des 19. Jahrhunderts Werke von Louis Lewandowski, Samuel Naumbourg und David Nowakowsky.

Der jüdische Gottesdienst ist traditionell vom Wechselgesang des Kantors und der Gemeinde geprägt. Die zu Gehör gebrachten Kompositionen erhellen exemplarisch die Bedeutung der einzigartigen Musiktradition in den Gottesdiensten der jüdischen Gemeinden, wenn Elemente der europäischen christlichen Musik aufgenommen und mit den jüdischen Wurzeln in Einklang gebracht werden. Für das gemeinsame Konzert mit dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden konnte der Kantor der Beth El Synagoge in Minneapolis, Ben Tisser, gewonnen werden. Tisser begann seine Laufbahn als jüngster Kantor in Los Angeles und arbeitete in der Folge für die jüdischen Gemeinden in Boca Raton, Chicago und New York. Neben seiner Gemeindearbeit gastiert er als Konzertsänger in den USA, Kanada, Europa und Israel.

Kantor Ben Tisser, Sie geben diese Woche mit einem Konzert in der Dresdner Synagoge Ihr europäisches Solodebüt. Dresden ist die Stadt Ihrer Vorfahren. Deshalb möchte ich Sie bitten, bevor wir zur Musik kommen, uns einen kleinen Einblick in Ihre Familiengeschichte zu gewähren?

Unsere Dresdner Großfamilie bestand aus 20 bis 30 Mitgliedern. Mein Urgroßvater kam nach dem ersten Weltkrieg aus Polen nach Dresden. Seine zukünftige Frau, meine Urgroßmutter, lebte schon seit ihrer Kindheit in der Stadt. Sie heirateten um 1920 und ihr erstes Kind, mein Großvater, kam 1922 zur Welt. Zwei weitere Brüder folgten jeweils im Abstand von zwei Jahren. Ihre Wohnung lag in der Nähe der Sempersynagoge und sie lebten vom Handel mit Tuchwaren.

Was passierte nach 1933?

Meine Urgroßmutter starb krankheitsbedingt um 1937 im katholischen Krankenhaus in Dresden und wurde auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Allerdings war spätestens ab 1936 klar, dass etwas passieren würde. Mein Großvater und der mittlere Bruder wurden nach Frankfurt geschickt. Sie waren Teil eines Programms, das sie darauf vorbereitete, nach Palästina zu gehen, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. 1937 kamen sie in Palästina an und mein Großvater trat zuerst in die Britische und später in die Israelische Armee ein. Nach dem Krieg arbeitet er für die israelische Fluggesellschaft El Al und starb 1955, im Alter von 33 Jahren, als sein Flugzeug über Bulgarien abgeschossen wurde. Mein Vater war gerade erst auf die Welt gekommen.

Der mittlere Bruder meines Großvaters wurde über 80 und starb vor 12 Jahren in Israel. Der jüngste Bruder wurde 1939 nach Polen deportiert. Wir haben immer noch einen Brief, den er 1939 aus Krakau geschrieben hat, und seitdem hat niemand etwas von ihm gehört. Wir können uns alle vorstellen, was passiert sein muss.

 Was bedeutet Ihnen, mit Ihrer Familiengeschichte im Kopf, das anstehende Konzert in der Dresdner Synagoge?

Außer mir und einem Großonkel ist niemand aus meiner Familie je wieder nach Dresden zurückgekehrt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl für mich, heute in der Gemeinde meiner Urgroßeltern singen zu können. Dass ich an diesem Ort stehen kann, nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem mein Großvater vor 90 Jahren seine Bar Mitzwa feierte, ist ein sehr emotionales Erlebnis. Dresden ist wirklich eine der schönsten Städte, die ich kenne. Ich liebe seine Geschichte und die historische Architektur der Stadt, es hat aber auch einen ganz besonderen ‘modern vibe’.  

Das Programm für das anstehende Chorkonzert zeigt eine beeindruckende Bandbreite jüdischer Chorliturgie. Was können Sie uns zu dieser Auswahl verraten?

Traditionell wurde jüdisch-liturgische Musik nicht schriftlich überliefert. Für zwei Jahrtausende haben wir eine Tradition, in der alles mündlich vom Lehrer an den Schüler weitergegeben wurde. Die ersten notierten Chorwerke, die wir kennen, stammen von Salamone Rossi, einem Zeitgenossen Monteverdis. Bis weit ins 18. Jahrhundert ist die schriftliche Überlieferung sporadisch. Im 19. Jahrhundert war Salomon Sulzer der erste, der sich nach christlichem Vorbild Kantor nannte. Er war Chorleiter an der Wiener Synagoge und ließ als erster eine große Orgel in seiner Synagoge einbauen. Das war eine Revolution. Juden beten traditionell ohne instrumentale Begleitung. Gemeinsam mit seinem Zeitgenossen Louis Lewandowsky an der Berliner Synagoge begründet er damit die deutsch-jüdische Chortradition. Beide Komponisten werden mit Werken im Konzert vertreten sein.

Und wie klingt das?

Vieles klingt wie die Kirchenmusik der protestantischen und katholischen Zeitgenossen. Und die zentrale Aussage scheint mir zu sein: “Hey wir haben vielleicht eine andere Religion und beten in einer anderen Sprache, aber wir sind euch eigentlich sehr ähnlich! Ihr betet zu Gott, wir beten zu Gott. Ihr habt Chöre und Orgeln, wir haben Chöre und Orgeln.”

Sie beschreiben dies als eine in Mitteleuropa verortete Tradition. Nutzen Sie die Werke der im Konzertprogramm vertretenen Komponisten auch in ihren Gottesdiensten in Minneapolis, wo Sie seit einiger Zeit die Stelle des Kantors bekleiden?

Der Großteil der Kompositionen gehören in Nordamerika bis heute zum festen Bestandteil des liturgischen Repertoires. Gerade Lewandowsky und Samuel Naumbourg singen wir in unserer Gemeinde oft und gern. Kurt Weils »Kiddush«, mit dem wir das Konzert beschließen, wurde eigentlich immer nur in New York in der Synagoge gesungen. Es war ein Auftragswerk für die Gemeinde an der Park Avenue.

Und nun singen Sie dieses Ihnen so vertraute Repertoire mit dem Chor der Semperoper. Was erwarten Sie von dieser Zusammenarbeit?  

Es ist eine Entdeckungsreise, ein Experiment. Der Chor hat dieses Repertoire noch nie gesungen. Außerdem ist in der gesamten Geschichte der Oper der Chor bisher noch nie in der Dresdner Synagoge aufgetreten. Dies ist also ein historisches Ereignis! In den Psalmen steht ‘Singt dem Herrn ein neues Lied’. Aus einer religiösen Perspektive ist es genau das, was wir tun. Wir nehmen etwas Altes und machen etwas Neues daraus. Ich freue mich sehr auf die gemeinsamen Proben mit einem der besten Opernchöre der Welt! Dass ich in der Stadt meiner Vorfahren mit dem Chor der Semperoper singen kann, ist die Erfüllung eines Traums. Nun fehlt eigentlich nur noch ein Auftritt in der Semperoper, dann wäre mein Glück perfekt! 

»Ma towu ohalecha/Wie schön sind deine Zelte« – Synagogale Chorwerke von Louis Lewandowski, Samuel Naumburg, David Nowakowsky u.a.

Mittwoch, 15. Juni 2022 um 19 Uhr in der Neuen Synagoge Dresden

Mit Kantor Ben Tisser sowie Katharina Flade, Christiane Neumann und Meinhardt Möbius. Es singt der Sächsische Staatsopernchor unter der Musikalischen Leitung von André Kellinghaus. Die Orgel spielt Johannes Wulff-Woesten.