Klänge aus einem besseren Russland

Foto: Wolfgang Nützenadel, 1987 (Quelle: Deutsche Fotothek)

Als ein Lichtblick in den gegenwärtig finsteren Zeiten wurde ein Konzert mit dem Geiger Albrecht Menzel und der Pianisten Magda Amara letzten Montag im Landesgymnasium für Musik empfunden. Der Freundeskreis hatte im Rahmen seiner Brückenkonzerte mit ehemaligen und heutigen Schülern nach zwei Jahren Pause endlich wieder einladen können und fand ein dankbares, wenn auch coronabedingt ausgedünntes Publikum.

Mit dem Radebeuler Albrecht Menzel konnte ein Solist gewonnen werden, der mit seinen dreißig Jahren bereits über viele internationale Erfahrungen verfügt, mit bekannten Solisten wie Anne-Sophie Mutter und mit großen Dirigenten und Orchestern weltweit aufgetreten ist. Nach seiner Ausbildung als Externer am Landesgymnasium bei Andrea Eckoldt studierte er in Wien bei dem ukrainisch-österreichischen Geiger Boris Kuschnir. Seine Begleiterin Magda Amara hat russisch-ägyptische Wurzeln; sie erhielt ihre Ausbildung in Moskau und anschließend ebenfalls in Wien und ist gleichfalls als anerkannte Solistin und gesuchte Begleiterin im internationalen Konzertleben zwischen New York und Moskau tätig. Beide sind bereits mit hohen internationalen Preisen ausgezeichnet worden.

Im Duo mit Albrecht Menzel war Amara eine gleichgestimmte und gleichgesinnte Partnerin, so dass man den Eindruck gewinnen konnte, hier erklinge ein Instrument. Das lag gewiss nicht nur an der Antonio Stradivari-Geige namens Lady Hallé/Ernst (Cremona 1709), die dem Solisten aus dem Fonds der „Deutschen Stiftung Musikleben“ treuhänderisch zur Verfügung gestellt wird. Damit wird jungen Musikern zu Beginn ihrer Karriere die Möglichkeit eingeräumt, auf ausgezeichneten Instrumenten zu musizieren. Der kraftvolle Zugriff auf die beiden Sonaten, Virtuosität und Kantabilität vereinend, in gleicher Weise unterstützt von der Pianistin, ließ die subtile Kunst von Brahms und Franck in jedem Moment unmittelbar deutlich werden. 

Das Programm zeichnete sich durch eine kluge Dramaturgie aus, die sich mit der Zahl Zwei verband. Im Zentrum standen zwei Sonaten für Violine und Klavier, fast gleichzeitig komponiert: Die Sonate A-Dur op.100 von Johannes Brahms, 1886 in Thun in der Schweiz entstanden, zum ersten Mal öffentlich in Wien aufgeführt, sowie die Sonate A-Dur von César Franck, 1886 durch Eugène Ysaÿe in Brüssel uraufgeführt. Zwei solche anspruchsvollen Werke zu interpretieren, nur durch ein Violinsolo von Paganini unterbrochen, bedeutet hohe Konzentration und ist nur durch außerordentliche, lang erworbene Disziplin möglich.

Eine zweite Dopplung ergab sich durch zwei offensichtliche Liebesbekenntnisse: einmal durch die für Brahms typischen versteckten Liedzitate, die der von ihm hochverehrten Sängerin Hermine Spies galten, welche er sehnsüchtig in Thun erwartete. Das neu entstandene Lied „Wie Melodien zieht es“, nach einem Text von Klaus Groth, war im ersten Satz der Sonate verwoben, und die Sängerin hatte es zudem während ihres Besuches erstmals aus dem Manuskript gesungen. Das virtuose Waltz-Scherzo op. 34 aus dem Jahr 1877 von Peter Tschaikowski war gleichfalls eine Liebeserklärung: an den jungen Violinvirtuosen Josef Kotek.

Zum Dritten glänzte die sechzehnjährige litauische Schülerin Agné Gečaité mit zwei virtuosen Beiträgen: dem Preludio aus der E-Dur-Partita für Violino solo von Johann Sebastian Bach und der »Tremolo«-Caprice op. 1 Nr. 6 von Niccolo Paganini, jenem sonderbaren Stück mit einer geheimnisvollen Choralmelodie und je 12 Vierundsechzehntelnoten unter jeder Achtelnote. Furchtlos und charmant stellte sie sich diesen beiden Aufgaben mit nie nachlassender Spannung.

Blieb noch das siebente Stück: die Romanze aus der 29teiligen »Овод«-Suite, welche der Arrangeur Levon Atovmyan von Schostakowitschs Musik zum gleichnamigen Film über den Widerstand der italienischen Bevölkerung gegen die österreichische Fremdherrschaft herstellte. Albrecht Menzel musizierte dieses eingängige Stück mit sieben Schülern, die er in einem Meisterkurs in diesen Tagen unterrichtete. Der Solist blieb bescheiden unter den jungen Streichern, als gehöre er dank seines jugendlichen Auftretens und Aussehens zu der Schülerschar.