„Mein schöner Sommertag“

Rezensionen

„Mein schöner Sommertag“

Es ist der 4. Juni 2021. Am blauen Himmel ist keine Wolke zu sehen. Später wird es bestimmt heiß. Ich bin noch ein bisschen verkatert, denn gestern Abend habe ich mit meinem besten Freund meinen Geburtstag gefeiert. Den ganzen Tag lag ich am Ostseestrand, hörte Musik mit dem Walkman, und dann bin ich zu meiner Familie zurückgerast. Wir wohnen in einem schönen neuen Haus mit Blick auf die Elbe, das wir zusammen mit unseren Freunden gebaut haben. Der eine ist ein Architekt und der andere ein Bühnenbildner. Gerade hat er in der Semperoper ein neues Bühnenbild für eine Oper von Richard Strauss vorgestellt.

Nach einer Tasse Kaffee auf der Dachterrasse habe ich unsere Tochter in den Kindergarten gebracht und bin mit dem Fahrrad auf Arbeit gefahren. Ich arbeite in der Landesbibliothek, wo ich ein eigenes Büro und einen eigenen kleinen Rechner habe, mit dem ich alle Bibliotheken der Welt durchsuchen kann. Der Erfinder des Rechners ist inzwischen der reichste Mann der Welt. Heute besuche ich die Nationalbibliothek Prag und versuche, mehr über den Komponisten Jiří Svoboda herauszufinden, nach dem meine ehemalige Schule benannt ist.

Am Nachmittag isst die gesamte Familie Kuchen. Danach flitzt mein ältester Sohn in sein Zimmer und spielt Fernschach über seinen Rechner mit Schachspielern in aller Welt. Mein mittlerer Sohn knallt sich auf das Sofa. Er hat herausgefunden, wie das elektrische Klavier automatisch spielen kann, und hört sich ein Intermezzo von Johannes Brahms an. Dazu liest er ein Buch über Computerspiele. Über unser Bildtelefon trifft ein Foto ein! Unsere 88jährige Großmutter hat es geschossen, denn mein Onkel hat heute auf Schloss Sanssouci geheiratet. Meine Oma ist mit einem neuen, elektrisch betriebenen Auto hingefahren. Alle winken auf dem Foto. Das Auto sieht schick aus.

Nun wird es Zeit, sich für das Konzert fertigzumachen! Heute Abend beginnen die Dresdner Musikfestspiele im Dresdner Kulturpalast. Der Palast ist nun schon ein halbes Jahrhundert alt, und gerade hat er einen neuen tollen Konzertsaal bekommen, in dem die Musik noch besser klingt. Der Direktor der Musikfestspiele ist der Cellist Jan Vogler. Er spielt nicht mehr bei der Staatskapelle, denn er ist nach New York umgezogen und besucht Dresden nur noch im Sommer. Der Künstler des Abends ist der Pianist Arkadi Volodos, der in Leningrad geboren wurde. Nachdem der Bürgermeister persönlich die Gäste begrüßt hat, spielt Arkadi Volodos Werke von Franz Schubert und Johannes Brahms. Der Flügel klingt rund und fein, wie ein Glockenspiel. Als erste Zugabe spielt er das Stück von Brahms, das ich am Nachmittag schon zuhause gehört habe!

Das Publikum ist begeistert und klatscht und klatscht. Fast eine Stunde lang spielt Arkadi Volodos Zugabe um Zugabe. Am Schluss klatschen alle im Stehen und jubeln. Rückzu fahre ich mit dem Fahrrad an der neuen Frauenkirche vorbei. Der Trompeter Ludwig Güttler hat sie an alter Stelle aufbauen lassen. Es ist eine warme Nacht. Überall sitzen die Dresdner an kleinen Tischen auf den Plätzen und essen und trinken. Das werden bestimmt tolle Musikfestspiele.

(Foto: Oliver Killig)

Programm der 44. Dresdner Musikfestspiele: www.musikfestspiele.com

05.06.2021Rezensionen