„Drum mach nur einen Plan…“

Bertolt-Brecht

Ab und zu ist das Leben auch in Krisenzeiten ganz normal: Ein Auf und Ab, ein Auf und Zu, ein Freuen, Hoffen und Bangen ab und zu. Die menschliche Spezies ist inzwischen darauf ausgerichtet, sich einen Plan zu machen, kurz- und / oder langfristige Lebensentwürfe von meist geringer Latenz. Die klügsten unter uns entwerfen dazu gleich noch eine Alternative, also einen zweiten Plan; wohl wissend, dass am Ende beide nicht aufgehen werden. Ein hinlänglich besungener Erfahrungsschatz.

Die daraus resultierende Weisheit hat sich seit nunmehr gut einem Jahr auch in den Künstlerischen Betriebsbüros der Orchester und Musiktheater fest etabliert. Aus erstem und zweitem Plan wurden Ersatzpläne gestrickt und Dutzende Alternativen entwickelt, von denen die meisten noch vor ihrer Veröffentlichung in diversen Mülleimern allgemeiner Unwägbarkeit entsorgt worden sind. Entsorgt werden müssen.

Positiv formuliert: Wir sind flexibel geworden. Realistischerweise ist damit freilich auch jede Menge kreativer Energie all der Planenden geradenwegs in den Orkus getreten worden. Von den Unmengen bedruckten Papiers (eingestampfte Jahreshefte und Monatsprogramme, überarbeitete Monatsprogramme, Sitzpläne, aktualisierte Monatsprogramme, aktualisierte Sitzpläne, Eintrittskarten sowie Informationen über die Rücknahme dieser Eintrittskarten …) gänzlich zu schweigen.

Schuld daran ist ein zwar klitzekleines, aber ganz fieses Virus, das manche Leute bis heute nicht wahrhaben wollen, das vielen aber gehörig Kopfschmerzen bereitet, sie heftig leiden und mitunter elendig sterben lässt. Es hält uns nicht zum, nein, es macht uns zu Narren, weil wir nun unser ganzes Leben – wenn es uns etwas wert ist – danach ausrichten müssen. Dass einige Zeitgenossen plötzlich im Kaffeesatz und in Glaskugeln zu lesen vermögen – geschenkt. Dass überforderte Politiker das tun, was überforderte Politiker immer gern tun, nämlich halbgare Sätze in diverse Medien zu schleudern – bitteschön. Dass schlagzeilenfixierte Medienleute jede einzelne dieser Wortblasen in die Öffentlichkeit setzen müssen, auch wenn das Dementi schon ante portas steht – darüber sollte mal nachgedacht werden.

Bei aller Entrüstung über Zusagen, Versprechen, Prognosen und vermeintlichen Aussichten, die in diesen Zeiten kursieren, sollten wir aber jene Menschen nicht vergessen, die trotz allem ihre Arbeit machen, weil sie an eine Zukunft glauben und darauf vorbereitet sein wollen. Die Rede ist an dieser Stelle natürlich von einer musikalischen, einer kulturvollen Zukunft. Da ist es gar nicht  verkehrt, auch mal eine Zwischenbilanz zu wagen, selbst wenn noch lange nicht an ein Resümee gedacht werden kann. Weil niemand, wirklich niemand derzeit schon weiß, wie lange uns dieses Auf und Ab und Auf und Zu noch begleiten wird.

Bei der Dresdner Philharmonie denkt man zuallererst ans Publikum, das dem Orchester erstaunlich treu geblieben ist. Auch das ist eine – durchaus gegenseitige – Form der Dankbarkeit. Schließlich ist nicht zu vergessen, dass Musik immer auch eine Form von Berufung sein sollte, nie „nur Beruf“ – und dennoch kein Selbstzweck, denn Musik zielt immer auf Adressaten, sollte alle Seiten bereichern. Geben und nehmen, senden und empfangen, das ist stets eine sämtliche Beteiligten verquickende Angelegenheit.

In diesem Zusammenhang kann die Intendantin der Philharmonie auch auf Radiokonzerte verweisen, auf CD-Einspielungen, sogar auf eine Gratisgabe für die Leserinnen und Leser der abonnierten Tageszeitung. Man hat also etwas getan, um in Verbindung zu bleiben. Man hat auch versucht, in Zeiten der (rasch vorübergehenden) Lockerungen lebendige Konzerte zu bieten, die dankbar angenommen worden sind.

Auch wenn die überregionalen Schlagzeilen, die aus dem Elbtal stammen, nun schon seit langem nicht unbedingt von einer Stadt der Kultur künden können, so sind doch Hunger und Durst nach Kunst und Kultur bei vielen Menschen hier noch immer vorhanden, wenn nicht sogar gewachsen. Dennoch ist ein Ende dieser nun schon ganzjährigen Durststrecke nicht abzusehen, braucht es immens viel Geduld und Zuversicht. Und dies umso mehr, da sich die Absagen schon wieder häufen. Da ist die – wenig überraschende – Verschiebung der Osterfestspiele Salzburg ausgerechnet in den Oktober, da sind die hoffnungsschwachen bis düsteren Prognosen für das beginnende Frühjahr, die eine weitere Fortsetzung des Auf und Ab, des Auf und Zu erwarten lassen.