Nachhörens-Wert

herreweghe

Noch ist die Sächsische Staatskapelle zum Schweigen verdammt. Immerhin, bald wird ihr diesjähriges Gedenkkonzert zum 13. Februar zum Nachhören auf CD geb(r)annt. Ansonsten war dem Orchester ja jedwede Kreativität abgesagt worden: bis Mitte letzter Woche durften die Musikerinnen und Musiker die Semperoper nicht mal zum Üben betreten, geschweige denn für eine gemeinsame Probe oder gar eine Produktion.

Anderswo wird zumindest per Stream gezeigt, dass man noch da ist, können CDs sowie Rundfunk- und Fernsehaufnahmen eingespielt werden. Der Staatskapelle bleibt nach der grandiosen Einspielung der »Gurre-Lieder« von Arnold Schönberg lediglich der Verweis auf ein paar »Essenzchen«, »Eins-zu-Eins-Konzerten« sowie jeder Menge Absagen.

Doch das Anfang März 2020 gemeinsam mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester, dem Sächsischen Staatsopernchor und dem MDR-Rundfunkchor sowie namhaften Solisten (Stephen Gould, Camilla Nylund, Christa Mayer, Markus Marquardt, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Franz Grundheber) präsentierte Schönberg-Konzert war bis auf weiteres die letzte Großtat des traditionsreichen Klangkörpers. Gewürdigt und für die Ewigkeit bewahrt wurde diese von Chefdirigent Christian Thielemann geleitete Kraftanstrengung durch das Label Günter Hänssler, das die »Gurre-Lieder« als Volume Nr. 50 seiner Edition Staatskapelle Dresden herausgebracht hat.

Just das erste nach langer Abstinenz nun wieder stattgehabte Konzert soll diese verdienstvolle CD-Serie fortsetzen – das am 12. Februar für Deutschlandfunk Kultur eingespielte und tags darauf ausgestrahlte Gedenkkonzert anlässlich der Zerstörung Dresdens im Februar 1945. Der Barockmeister Philippe Herreweghe leitete das geradezu zum Kammerensemble eingestrichene Orchester, auf dem – zwangsläufig geänderten – Programm stand nunmehr kein Großwerk wie etwa 2018, als Herreweghe Bachs »Johannes-Passion« aufgeführt hat, sondern das Kantatenschaffen des einstigen Thomaskantors Johann Sebastian Bach.

Keine zehn Menschen saßen im Saal, als die Kapelle unter dem Experten der historischen Aufführungspraxis und mit Konzertmeister Matthias Wollong am ersten Pult die Bach-Kantaten »Ich habe genug« BWV 82 und »Mein Herze schwimmt in Blut« BWV 199 aufgeführt hat. Mit Krešimir Stražanac sowie Dorothee Mields standen für diesen Mitschnitt zwei höchst renommierte Vokalsolisten zur Verfügung, die ihre Aufgaben exzellent bewältigten. Noch gibt es diese in der langen Tradition der Gedenkkonzerte gewiss herausragende Aufführung auf Deutschlandfunk Kultur zum Nachhören. Schon bald wird diese trostvolle Musik beim Label Günter Hänssler auf CD vorliegen – und damit die Klammer der orchestralen Schweigezeit eindrucksvoll schließen.