Fußball, Frühsport, Spitzentanz

Rezensionen

Fußball, Frühsport, Spitzentanz

Im Mai und Juni 1985 werden die „Tage der Kultur der UdSSR in der DDR“ gefeiert. Kurz zuvor, am 13. Februar, ist die Semperoper wiedereröffnet worden. Nun geben hier an fünf Abenden das Ballett und das Orchester des Moskauer Bolschoi-Theaters im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele Aufführungen des ersten, 1930 in Leningrad uraufgeführten Balletts von Dmitri Schostakowitsch: »Das goldene Zeitalter«. 

Leider gibt es keinen Fußball auf den Brettern der Semperoper, denn Schostakowitschs Ballett gibt es nicht mit dem ursprünglichen Libretto von Alexander Iwanowski, in dem es um eine Fußballmannschaft ging. In Dresden ersteht »Das goldene Zeitalter« in der Choreografie von Juri Grigorowitsch nach einem eigens erarbeiteten Libretto von Isaak Glikman aus dem Jahre 1980. 

Den jungen Schostakowitsch interessierte Fußball bekanntlich enorm. In seinem ersten Ballett, wegen harscher Kritik damals sofort wieder abgesetzt, gibt es als Höhepunkt ein grandioses Fußballspiel. Das dürfte es nie zuvor gegeben haben. Das Stück spielt auf der Industrieausstellung »Das goldene Zeitalter« in einer nicht näher benannten westlichen Großstadt. Hier muss sich die sowjetische, unerschütterliche, sozialistische Mannschaft der verdorbenen westlichen Angriffe, Spitzeleien, Verführungs- und Abwerbungsversuche erwehren. Auch die westliche Jugend mit ihren verderblichen Foxtrott-Tänzen kann die standhaften Spitzensportler nicht beeindrucken – und auch eine glamouröse Tänzerin, »die Diva«, die sich in den Mannschaftskapitän verliebt, kann die allseits gefestigten Klassenstandpunkte nicht ins Wanken bringen. Das überzeugt dann auch die westliche, ausgebeutete Arbeiterschaft; und zum Finale gibt es einen gemeinsamen Solidaritätstanz. Sonst geht es sportiv, akrobatisch, klassisch, parodistisch zu. Tschetschotka, Polka, Tango, Foxtrott und sogar ein Cancan werden getanzt. 

In der Fassung von 1980, die Grigorowitsch für das Bolschoi kreierte, ist »Das goldene Zeitalter« ein Schieber-Etablissement in einem sowjetischen Küstenort. Hier müssen sich nun nicht die linientreuen Spitzensportler behaupten, sondern die ebenso linientreuen Mitglieder eines Laientheaters der progressiven Arbeiterjungend. Am Ende gelingt es dem Star des Arbeitertheaters, dem jungen Fischer Boris, auch die schöne Rita auf den guten Weg und in die Richtung des Fortschritts zu bewegen, denn in der Schieberspelunke tritt sie als zwielichtige Mademoiselle Margot auf, weil es ihr Partner, der Bandenführer Monsieur Jaques, so will. Aber – er ahnt es nicht – die Kunst der Arbeiterjugend setzt sich durch. Die kriminellen Halbweltexistenzen haben keine Chance. Jaques gibt auf, Rita tanzt in den Armen von Boris. Die Gefühlsklänge der Arbeiterjugend sind geradlinig, die der anderen schmalzen als Tango oder Charleston.

Die Rezensentin der Zeitung „Die Union“, Ursula Materni, bemerkte allerdings, „daß nicht alles zu vertiefender Charakterisierung geführt werden konnte, weder im szenischen Aufbau noch im Aufbau der Figuren.“ Und sie fährt in vorsichtiger, kritischer Anmerkung fort, nun im Hinblick auf den Tanz, „Da will – und soll wohl auch – nicht alles zusammenpassen.“ Materni lobt den klassischen Fundus vor allem bei den Frauen, „kraftvolle genutzte Elemente des modernen Ausdruckstanzes und Pantomimisches“ bei den Tänzern.

Nun hatten die Moskauer für ihr Gastspiel in Dresden aber auch erste Kräfte aufgeboten. Als Rita alternierten damalige Stars, die man längst auch im Westen kannte, Alla Michaltschenko und Natalia Besmertnova. An der Spitze der Arbeiterjugend gab es Spitenzenleistungen von Juri Wasjutschenko und eben einem damaligen Moskauer Star, Irek Muchamedow. Für Wolfgang Gubisch in der Sächsischen Zeitung bot Sowjetisches Ballett brillantes Können, vor allem mit „parodistischen Effekten der Musik in skurrilen Paartänzen greller Lebensgier“. Grigorowitschs Fassung gehört bis heute zum Repertoire des Bolshoi-Ballettes, und beim Label BelAir classiques ist ein rasanter Mitschnitt einer Aufführung vom Oktober 2016 erschienen; grandios besetzt in den Hauptparten mit Nina Kaptsova und Ruslan Skvortsov. Nicht zu vergessen die Optik in der Ausstattung von Simon Virsaladze! Man wird sich immer wieder fragen: hat Schostakowitsch das wirklich alles erst gemeint, oder gibt es da nicht doch ein lustvolles, ironisches Augenzwinkern? Vielleicht wirkt Grigorowitschs Fassung da am Ende doch etwas zu linientreu. 

Das ist schon mal ganz anders in der Aufnahme des Balletts »Der Bolzen« in der Fassung von Alexei Ratmansky, die 2006 ebenfalls als DVD bei BalAir classics erschienen ist. Ratmansky folgt auch nicht ganz originalgetreu dem Libretto der Uraufführung von Wladimir Smirnow und Fjodor Lopuchow, ist aber weitaus näher am Original und sicher auch viel näher an den Intentionen Schostakowitschs, was auch in einer als Bonus mitgelieferten Dokumentation deutlich wird, die auf interessante Weise die militanten Massenchoreografien auf dem Moskauer Roten Platz mit denen des Ballett in eine Beziehung zu setzen versteht. Hier, in Schostakowitschs zweitem Ballett, das um 1930 in einem sowjetischen Großbetrieb spielt, jetzt in dieser Inszenierung sogar im surrealistischen Design mit Robotern von Semyon Pastukh, fängt alles an mit einer Exerzierstunde für die Werktätigen: Frühsport-Drill zur Steigerung der Arbeitsmoral und der Produktivität, zumal auch an diesem Tag ein neuer Abschnitt des Vorzeigebetriebes von höchsten Funktionären eröffnet werden soll.

Also nicht Gleichschritt, aber alle in Reih und Glied. Alle machen mit. Nur Dimka, der die Trennung von Nastya nicht verwinden kann, tanzt immer wieder aus der Reihe. Weil alles wie am Schnürchen gehen muss, weil alles putzsauber sein muss, das Band durchschnitten wird und die Produktion auf Hochtouren rollt, weil Dimka sich nicht einkriegt (am sozialistischen Fließband zählt nicht der Herzschlag, sondern der Paukenschlag des Fortschritts), verlässt er seinen Platz; ganz menschlich, er hat Hunger. Der Brigadier macht Meldung, Dimka wird gefeuert; Nastya, die Komsomol-Organisatorin, übernimmt zuverlässig seinen Platz. Dimka zieht es in eine verrufene Kneipe, der Brigadier will sich ihn vornehmen, Dimka schlägt zu, jetzt ist er obenauf. Sein Plan: eben einen „Bolzen“ in das sozialistische Getriebe werfen, der Straßenbengel Ivachka ist dabei, die Säufer jubeln. Dann geht es Schlag auf Schlag, natürlich auch mit Lug und Trug, Kurzschluss, organisierter Verwechslung. Ausgerechnet der linientreue Brigadier wird verhaftet, selbst Nastya zweifelt an ihm. Aber der Straßenbengel hört auf sein Gewissen. Er deckt alles auf, und Natsya und Yan, der rehabilitierte Brigadier, werden Dimka unter ihre sozialistischen Fittiche nehmen und einen linientreuen Frühsportler aus ihm machen. 

Und dann noch ein Traum. Der geläuterte Straßenbengel sieht sich als Soldat der Roten Armee und rettet deren Flotte vor dem Anschlag eines Saboteurs. Ende rot, alles rot, militanter Gleichschritt im Spitzentanz, die roten Amazonen, Pardon, die Rote Armee marschiert und Pavel Sorokin am Pult des Orchesters des Bolshoi-Theaters lässt es krachen. Das kann der Schostakowitsch ja gut in Noten setzen – und mit Ratmansky hätte er genau den Choreografen gefunden, der es auch in den tänzerischen Gleichschritt zu setzen vermag, ganz gemäß dem Motto: Im Ernst, wir tanzen das heiter. 

Inzwischen hat Alexei Ratmansky auch das dritte Ballett von Schostakowitsch aus dem Jahre 1935 für das Bolschoi bearbeitet und choreografiert: »Der helle Strom«. Leider gibts das noch nicht auf DVD, aber die Ausschnitte, die sich bei Youtube finden, die machen neugierig, besonders jene Szene mit dem knackigen russischen Tänzer, der im langen Tutu grandios auf der Spitze tanzt und einen naiven alten Tölpel total verwirrt. Na klar, da denkt man doch an die New Yorker Truppe, Les Ballets Trockadero de Monte Carlo, deren Spezialität es ist, dass nur Männer tanzen, vor allem auf der Spitze. Aber so wie es Ratmansky mit wunderbarem Augenzwinkern auf die Spitze treibt, das dürfte Dmitri Schostakowitsch schon gefallen; schreckte er doch musikalisch, wenn es angebracht war, vor keinem noch so schrägen Gag zurück. Also abwarten: wenn aller guten Dinge drei sind, dann hoffentlich bald mit den drei Balletten von Dmitri Schostakowitsch.

01.11.2020Rezensionen