Das Theater als Zauberinsel

Rezensionen

Das Theater als Zauberinsel

Das ursprünglich angekündigte Märchen ist verschoben; jetzt gibt es dafür märchenhaften Inselzauber beim Doppelabend des Musiktheaters der Landesbühnen Sachsen.

Ylva Gruen (Foto: Pawel Sosnowski)

Eigentlich sollte es mit dem Musiktheater an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul zum Jubiläum ganz märchenhaft werden. Vor 75 Jahren wurde dieses zweitgrößte deutsche Reisetheater gegründet. Coraonabedingt war es zwar nicht möglich, das geplante Großprojekt, Musiktheater, Ballett,  Figurentheater, »Preußisches Märchen«, die Ballettoper von Boris Blacher, als Erstaufführung auf die Bühne zu bringen. Dafür geht es jetzt mit der aktuellen Premiere erst mal ab auf die Insel: »Inselzauber« – so der Titel dieses Doppelabends, mit dem Operndirektor Sebastian Ritschel zwei kurze Stücke zusammenbringt, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein könnten: Jaques Offenbachs Opéra-buffe »Die Insel Tulipatan« und die Oper in einem Akt mit sieben Szenen »Trouble in Tahiti« von Leonhard Bernstein.

Da stellte sich ja schon die erste Frage: wie es Sebastian Ritschel als Regisseur und Ausstatter gelingt, diese Stücke in Bezug zu setzen und ins richtige Licht zu bringen (dafür zeichnet er nämlich auch verantwortlich). Offenbachs Spaß-Kracher wurde vor gut 150 Jahren uraufgeführt, Bernsteins melancholisch grundierte Oper vor fast 70 Jahren; kommt hier nun zu unserer Überraschung oder Verblüffung  vielleicht doch zusammen, was zusammengehören könnte?

Am Ende schon. Der Weg dahin geht aber ab mit Bravour und Stolperspaß, mit Kalauern, Klamauk, Anzüglichkeiten und schrill glitzernden Klischees, mit Konventionen, die auf den Kopf gestellt werden. Das macht Riesenspaß. Das ist der spezielle Inselzauber dieses ersten Teiles voller saftiger, süffisanter Lust des Übermuts am Tausch der Rollen und Identitäten der Geschlechter – hin in ein Finale mit zwar doch nur genrebedingtem Happy-End auf dieser Märchen-Operetten Zauber-Insel. Es ist ja nicht zu übersehen, wie die üppige Vegetation im Videodesign von Sven Stratmann die Typen zu verdrängen droht. Der Putz des Zaubers blättert, und dahinter – ja, richtig gesehen – die Sächsischen Fürsten, die auf edlem Porzellan voranschreiten, als könne nichts sie aufhalten auf ihren edlen Wegen der Rechtschaffenheit.

Wenn nach diesem Spaß dann Bernsteins Paar Dinah und Sam an der Kälte ihrer Einsamkeit zu zweit zu erfrieren drohen, dann brechen Emotionen von ungeahntem Maß auf. Dann müssen sich diese Menschen Wege ihrer Flucht suchen, ihre Wege auf die Insel finden, im flimmernden Zauber des Kinos: Überlebenskitsch, Südseeparadies, »Trouble in Tahiti« heißt der Film mit ebenso falschem Happy-End, denn die Konventionen sagen, wo es lang geht. Das Paradies – so eine der berührenden Szenen – das kann man höchstens im Koffer mit sich tragen wie die einsame Dinah, am Ende gar nur im Kopfkoffer.

Bei Offenbach geht es ja auch – und das schon vor 150 Jahren – um Identitäten der Geschlechter. Erbprinz Alexis ist eigentlich ein Mädchen, Hermosa, die sich in ihn verliebt ist ein Junge, am Ende werden sie, eben wie das in der Operette üblich ist, zusammenkommen.

Und bei allem Spaß, bei aller Überdrehtheit, bei Florian Neubauer als Hermosa, schrill und grell als Flintentyp im Rock, der gerne ballert oder kräftig das Jagdhorn bläst, bei Kirsten Labonte als zierlicher Erbprinz Alexis, mit augenblicklicher Zuneigung für diese Knallfrau: es gibt sie eben, diese Sensibilität der Inszenierung in der Gestaltung dieser Rollen mit der Frage danach, was muss hier überspielt werden? Wie sich dann die beiden zueinander bekennen, das lässt schon Töne der Wahrheit und des Herzens anklingen, im Gegenklang zum quakendem Entenkanon oder der Witzbarcarole, mit der sich wohl der gute Offenbach auch selber auf die Schippe nahm. Oder gar die Generation derer, die das Sagen haben, diese elterlichen Fürsten, oder was von ihnen noch geblieben ist? Sie haben doch ihre Kinder in die  Kleider gesteckt! Der eine, weil er einen Erbprinzen brauchte, aber nur Töchter hatte; die andere, weil sie ihren Sohn nicht den kriegslüsternen Ansprüchen ihres ansonsten nicht gerade sehr potenten Gatten überlassen wollte.   

Dafür drehen sie auf um die Wette mit tragikomischen Selbstdarstellungsattacken derer, die hier scheinbar den Ton angeben: Andreas Petzoldt als Fürst der Insel, Kay Frenzel als Großseneschall und Antje Kahn als dessen Frau, die sich alkoholisch konserviert. Für die beiden jungen Leute gibt es dann doch so etwas wie einen positiven Kompromiss: sie kommen zusammen, ganz in Weiß. In diesen Kostümen kann er sie und sie er sein, oder beide können beide sein. Alles aber unter einer drohend herabschwebenden Ananasbombe als Paradiesfrucht.

In Bernsteins Oper ist ja ganz anders; kein Spaß, kein Witz, eher tragische Melancholie der Einsamkeit, auch musikalisch. Da ist es nun sehr spannend zu erleben, wie es dennoch gelingt, diese so unterschiedlichen Werke nicht nur nebeneinander zu spielen, sondern assoziative Zusammenhänge zu inszenieren. Und siehe, was schwer vorstellbar war, gelingt. Da stellt sich die Frage, ob man Bernsteins Drama der Einsamkeit auch so tief und so emotional empfunden hätte, wenn es allen Traditionen des Theaters zum Trotz dieses grelle Satyrspiel zuvor nicht gegeben hätte?

So wie hier die Musikalität der Inszenierung, auch durch die Choreografien von Marie-Christin Zeisset, sehr schrill war, so ist sie jetzt von ganz anderer Tiefe der Darstellung bestimmt. Als erfühlten sie nicht nur ihre Töne, die Linien ihres Gesanges aus der Partitur, nein diese Sängerdarsteller (Ylva Gruen als Dinah und Paul Gukhoe Song als Sam) bringen dies auch in empfindsamen Einklang mit ihren Bewegungen. Da ist bei aller Flucht voreinander die Sehnsucht nach Nähe noch nicht ganz verloschen. Hier ist also das Happy-End: eine Vision im Flimmerversteck des Kinos, unter der Paradiesfruchtbombe. 

Und dann gibt es da noch diesen Kunstgriff. Es geht nämlich vielleicht doch zurück zu Offenbach und darüber hinaus als Vision: In Bernsteins Oper kommentiert ein Trio knapp und sachlich die sieben Stationen der Einsamkeit zu zweit. Das sind hier drei filmdivenhafte Blondinen, eine Frauenstimme und zwei Männerstimmen. Für Kirsten Labonte, Florian Neubauer und Benedikt Eder ein hör- und sichtbarer Spaß am Spiel mit der Frage, wer oder was denn nun wirklich in oder unter welchem Rock steckt. Diese Insel-Zauber-Assoziationen sind gestern Abend aufgegangen.

Nun machen sich ja wegen der coronabedingten Abstandsregeln musikalische Einrichtungen nötig. Da kann Hans-Peter Preu als musikalischer Leiter wesentlich zum musikalischen Erfolg beitragen: Er hat Offenbachs Partitur für Kammerensemble bearbeitet, mit klingenden Verbindungen zu Bernsteins Musik, für die es ja eine Kammerfassung gibt. Bei Offenbach wird voll aufgedreht, da wird auch gejazzt, wenn es auf der Bühne grell glitzert. Und die lyrische Grundstimmung der Bernstein-Oper, die hier im Gegensatz zu Offenbachs greller Stimmung ja ebenfalls eine emotionale Stimmung der Ausweglosigkeit ist, verfehlt ihre Wirkung nicht. Wenn Bernstein selbst fragte, wie man im Programmheft der Dramaturgin Gisela Zürner erfährt, warum denn die Leute nicht kapierten, dass die rührenden Stellen das Wichtigste an dieser Oper sind, dann hätte er gestern Abend vielleicht etwas davon spüren können: Hier hat es funktioniert, der Inselzauber und das Theater als Zauberinsel; gerade in Zeiten, die ja alles andere als zauberhaft sind.

Nächste Vorstellungen (bitte immer aktuell prüfen!) sind geplant für den 25. Oktober, den 12., 13. und 22. November 2020.

18.10.2020Rezensionen