Bürokraken und Grünkohlkönig

Kolumnen

Bürokraken und Grünkohlkönig

Die Welt lebt in einer Ausnahmesituation. Aber auch das muss sich erst einmal herumsprechen. In Dresdens Amtsstuben ist dieser Fakt noch nicht so recht angekommen. Das Steuer- und Stadtkassenamt (klingt mittelalterlich, heißt aber tatsächlich heute noch so) ist unter anderem für die Eintreibung (noch so ein mittelalterlicher Begriff) der Beherbergungssteuer zuständig.

Beherbergungssteuer? Dieses Wort ist ein nicht mal mittelalterliches Konstrukt. Ins Heute übersetzt müsste es, wie zahlreiche Hoteliers meinen, einfach nur Abzocke heißen. Eine Neuauflage oder eher die Fortsetzung uralter Straßen- und Stadtmauernzölle. Fürs Nächtigen in der Stadt Ewig-Gestern muss eine Abgabe entrichtet werden. Die gewählten Abverordneten der Bürgerschaft haben es so entschieden, denn das Stadtsäckel ist im feuchten Elbtal ewig klamm.

Inzwischen aber hat sich weitgehend herumgesprochen, dass irgendwo im fernen, fernen Osten unter völliger Missachtung von Vorgaben diverser Aluminiumhut-Träger (selbstredend auch der Aluhut-Trägerinnen) ein Fledermaussüppchen aufgekocht worden sein soll, das in Windeseile auf der ganzen Welt tödliche Flecken vertropft haben soll.

Dagegen protestiert der Freie Bürger erst mit Balkon- und Wohnzimmerkonzerten, inzwischen aber auch mit Spaziergängen, nach deren schwarzbraunem Montagsmaler-Vorbild man besser gar nicht erst fragen mag. Protest gegen das Unvorhergesehene, auf das mit unvorhersehbaren Maßnahmen reagiert wird? Ein Protest, der entweder das Unvorhergesehene oder die unvorhersehbaren Maßnahmen (am besten gleich beides) wegprotestieren will.

Wünsch Dir was – eine bessere Realität womöglich. Oder einfach nur bessere Aufklärung. Ein weiser Politiker hat gesagt, man soll die Dummen nicht als Dumme bezeichnen, sonst würden sie nur noch verstockter.

Also: Liebe Steuer- und Stadtkassenamtsleute, die Beherbergungsbetriebe (auch die in Dresden!) sind seit mehreren Wochen geschlossen. Das hat sich noch nicht in allem Ämtern herumgesprochen? Da werden allen Ernstes Aufforderungen zur „Anmeldung der Beherbergungssteuer für April“ an die Hotels versandt. Zwar dürften die geschlossenen Häuser bei null Euro Umsatz auch null Euro Einnahmen erwirtschaftet haben, der steuerliche Nachweis soll aber trotzdem fällig werden – anderenfalls würden „die Besteuerungsgrundlagen geschätzt (§ 162 Abgabenordnung) und / oder ein Verspätungszuschlag  festgesetzt“. Das Ganze übrigens nicht ohne derbe Drohung: „Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 10000,00 Euro  geahndet werden.“

Wenn derartiger Schwachsinn öffentlich vorgemacht wird, muss niemand sich wundern, dass auch auf der Straße die Deppen ihr letztes Stückchen Vernunft ablegen und ihre Köpfe mit Alufolie umwickeln.

Wenn beispielsweise die Dresdner Musikfestspiele hätten stattfinden können, wären Hotels und Pensionen bestens gefüllt, würden die Abgaben nur so in die Stadtkasse fließen. Aber weder die Festspiele noch sonstige Konzerte, Theater- und Opernvorstellungen sind ohne Grund abgesagt worden. Vermutlich auch nicht leichtfertig. Das werden gewiss auch stolzeste Grünkohlkönige wissen, die nicht und nicht verstummen wollen.

Aber wer, bitte, will schon Fledermaussuppe ohne Grünkohl schlürfen?

29.05.2020Kolumnen