Wieder ein Tag des Gedenkens

Kolumnen

Wieder ein Tag des Gedenkens

»Wie liegt die Stadt so wüst …« Haben sie wirklich gedacht, dass die Menschen in Guernica, Coventry, Leningrad, Rotterdam und anderswo ermordet, dass diese und zahllose andere Städte von deutschen Truppen verwüstet und zerstört werden können, dass Köln, Magdeburg, Mannheim, Halberstadt, Hamburg und viele weitere deutsche Städte von den Alliierten bombardiert werden, ausgerechnet Dresden im beschaulichen Elbtal aber nicht?

Im Nachhinein wirkt das fatal und naiv.

So naiv und fatal wie mancherlei Nachkriegs-Legenden um die Zerstörung von Dresden. Friedliche Stadt, unschuldig gar …

Das Gedenken aber wurde einerseits rasch instrumentalisiert (rein politisch und ideologisch), andererseits nach dem Ende des Krieges aber auch musikalisiert. Sollte sich nicht gerade die Musik allen politischen Ideologien entziehen?

Das »Dresdner Requiem« von Rudolf Mauersberger ist „den Toten grausigen Geschehens der letzten Jahre“ gewidmet worden. Der letzten Jahre?

Dieser aus heutiger Sicht legendär wirkende Kreuzkantor hat seiner Totenmesse zur Wiedereinweihung der Kreuzkirche am 13. Februar 1955 die Trauermotette »Wie liegt die Stadt so wüst« vorangestellt, die seitdem regelmäßig an diesem Datum erklingt. Eine Tradition des Kreuzchores, um der Opfer zu gedenken und den Überlebenden wenigstens Trost, vielleicht sogar Mut zuzusprechen. Eine Hoffnung, gespeist aus Musik?

In den Jahren bis heute wurde aus dem Erinnern und Mahnen eine besondere Form der Gedenkkultur, die sowohl von Dresdner Philharmonie und Sächsischer Staatskapelle gepflegt wird als auch von diversen Kirchen der Stadt. »Ein deutsches Requiem« von Johannes Brahms ist da ebenso erklungen wie die Requien von Mozart (Autograph nebenstehend) und Verdi. Neben „alter“ Musik gab es 1995 erstmals das »Glockenrequiem« von Johannes Wallmann als Stadtklang im öffentlichen Raum.

Was all diese Musiken an diesem für Dresden besonderen Tag bewirken, lässt sich wahrscheinlich nur ganz individuell beantworten. Hier ein Innehalten ganz allgemeiner Natur, da ein persönliches Gedenken an verstorbene Familienangehörige und / oder Freunde, dort womöglich das Erinnern des eigenen Überlebens. Spätestens mit der Aufführung des »War Requiem« von Benjamin Britten ist dieses Besinnen weniger einseitig geworden. Was haben die Deutschen den Briten angetan, welche Reaktionen haben sie damit ausgelöst?

Krieg ist immer ein Unrecht, ist immer und überall ungerecht gegenüber den Menschen. Wird aber von Menschen gemacht. Umso verwerflicher, was heutige Krieger, Militärpolitiker und -politikerinnen schon wieder so dreist wie geschichtsvergessen an Aufrüstung einfordern. Womit nicht nur, aber doch in besonderer Weise die unheilvolle Rüstungsproduktion Made in Germany sowie deren todbringende Exporte gemeint sind. Nato-Expansion gen Osteuropa, der auffallend ungehinderte Durchmarsch von U.S.-Truppen zu Militärmanövern nahe der russischen Grenzen … – was für ein Wahnsinn!

Musik hält diesen Wahnsinn nicht auf. Lässt sie ihn besser ertragen? Oder kommen wir im Gedenken an die Untaten der Vergangenheit nicht vielleicht doch auf ein paar gute Gedanken, wie die Zukunft besser – also in einem friedlichen Miteinander – zu gestalten ist? Zu gestalten sein sollte?!

09.02.2020Kolumnen