„Sprache so plastisch wie möglich interpretieren“

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„Sprache so plastisch wie möglich interpretieren“

Zum Abschluss des Heinrich-Schütz-Musikfestes erklingt am 13. Oktober um 17 Uhr die Schützsche »Lukaspassion« in der Dreikönigskirche, ergänzt durch sieben Einschübe des ehemaligen Kruzianers Torsten Rasch als Uraufführung. Die Texte für das Auftragswerk des RIAS Kammerchor Berlin liefert Helmut Krausser. Mit diesem Bezug zum zeitgenössischen Musikschaffen schließt das diesjährige Musikfest. Im Gespräch erzählt Rasch dem Dramaturgen des Heinrich-Schütz-Musikfests, Dr. Oliver Geisler, wie er vorging.

Torsten Rasch, sie haben einen im positiven Wortsinn kindlichen Zugang zu Schütz erfahren als Kruzianer. Wie blicken Sie heute selbst als Komponist auf das Schaffen des Sagittarius? Gibt es etwas an ihm, das Sie für Ihr Komponieren als vorbildhaft beschreiben würden?

Foto: privat

Ich sage sicherlich nichts Neues, wenn ich hervorhebe, dass Schütz‘ Umgang mit Sprache unvergleichlich war und bei mir – sicher unbewusst – einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Dass ich bis heute am liebsten für Stimme schreibe und Texten eine musikalische Interpretation verleihe, ist sicher darauf zurückzuführen.

Die »Lukaspassion« gehört zu jenen faszinierenden späten Werken von Schütz, die durch eine Ästhetik der Reduktion bestechen; keine Note scheint zu viel. Welche Überlegungen stellten Sie an, um doch etwas hinzuzufügen?

Eben genau wegen dieser radikalen Reduktion der Mittel in Schütz‘ Passion war mir von Anfang an klar, dass Hinzufügen dem Werk nur schaden kann und ihm viel von seiner Faszination nehmen würde. Mein Ansatz war daher, im Text der »Lukaspassion« Plätze zu finden, die einladen zum Meditieren, zum  Innehalten, ähnlich wie es z. B. Augustinus in seinen »Meditationen« tut. Als Leitgedanke diente mir dafür ein Gedanke aus dem apokryphen Buch Enoch: „Gott machte sich 7 Elemente zu Nutze, um den Menschen zu schaffen.“ Einerseits führte mich das musikalisch in ein vollkommen anderes Territorium, andererseits ist die Idee des Kreuzes – der Passion – unauflösbar mit dem Baum des Lebens – der Schöpfung – verbunden.

Kruzianer-Doppelquartett in der Heinrich-Schütz-Kapelle der Dresdner Kreuzkirche. Foto: Heinz Nagel, 1957 (Quelle: Deutsche Fotothek)

Sie nennen Ihr neues Werk »Interpolationen«. Musikalisch gesehen bedeutet dieser Begriff einen abrupten Wechsel von kompositorischen Elementen. In der Literaturwissenschaft wiederum bezeichnet es einen Eingriff in den Text, bei dem weder Umfang des Eingriffs noch eingreifender Autor kenntlich gemacht sind. Welche Lesart würden Sie für Ihren Ansatz bevorzugen?

Der abrupte Wechsel von kompositorischen Elementen ist sicherlich – ja unausweichlich – vorhanden. Aber die Interpolationen beziehen sich zuallererst auf den Text. Um noch ein Beispiel anzuführen: In der Passionszeit werden an vielen Orten Meditationen über die Stationen des Kreuzwegs durchgeführt. Von vornherein war mein Ansatz, dass diese Interpolationen für sich stehen als Kommentar zum Text der »Lukaspassion«. Während Schütz dem Text eine musikalische Gestalt verleiht, ist mein Beitrag unabhängig davon ein Pausieren an einer bestimmten Stelle des Textes, die uns in eine andere Welt mit einer anderen Sprache  – musikalisch und poetisch – entführt.

Apropos Ansatz: Wie müssen wir uns die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Helmut Krausser vorstellen, der sehr eindringliche Gedichte zur Vertonung vorgelegt hat? Zumal Krausser ja selbst auch komponiert.

Ich bin ein großer Bewunderer der Bücher Helmut Kraussers. Die Idee, sieben Gedichte über die sieben Elemente der Schöpfung im Zusammenhang mit dem Text der »Lukaspassion« zu schreiben, hat ihn zu wunderbarer Poesie animiert. Es gab für manche Texte zwei Versionen und ich habe mich immer für die entschieden, die am weitesten weggeführt hat. Dass Helmut Krausser auch selbst ein außerordentlicher Komponist ist, der weiß, wie ein Text gesungen werden kann, ist ein großartiger Bonus.

Täuscht der Eindruck oder haben Sie sich mehr als in anderen Ihrer Werke in den sieben »Interpolationen« von Schütz‘ rhetorischem Komponieren und der Bildhaftigkeit seiner musikalischen Sprache anstecken lassen?

Unbedingt! Aber wie oben erwähnt, ist es immer mein Ziel, wie Schütz Sprache so plastisch wie möglich zu interpretieren. Vieles von dem, was ich gelernt und was mir auch heute noch eine unerschöpfliche Quelle ist, kommt von ihm.


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30.09.2019Interviews