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Ein Bayreuth für die Beine

"Liebe Eltern – 8 Uhr morgens. Neben mir mein strammer Rucksack. Seit 4 Uhr morgens auf. Ich habe das Dirndl Lottens an. Das bunte Tuch um den Kopf. Flott seh ich aus! Dorle."

Als die Dalcroze-Schülerin Dorothea Wieck 1921 einen kurzen Gruß aus Hellerau in die elterliche Villa nach Davos sendet, hat die »Bildungsanstalt Jaques Dalcroze«, die die Dreizehnjährige seit drei Jahren besucht, ihre beste Zeit eigentlich schon wieder hinter sich. 

"Flott seh ich aus!" Dorothea Wieck schreibt an ihre Eltern (Repro: M.M.)

Wie ein Raumschiff von einem fremden Stern musste das 1911 von dem jungen Architekten Heinrich Tessenow errichtete Festspielhaus den Anwohnern der kleinen Stadt Hellerau erscheinen. Im Kontrast zu den kleinen Einfamilienhäusern in der von Richard Riemerschmid entworfenen Gartenstadt vor den Toren Dresdens mutete dem streng neoklassizistischen Bau etwas Unnahbares an. Vom damaligen Generalsekretär der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst, Wolf Dohrn, als »Haus für Vorträge und Festlichkeiten, für Andacht und Freude« geplant, sollte es die Reformbestrebungen der Gartenstädter krönen – und war in seiner architektonischen Kompromisslosigkeit schließlich der Grund für ein nachhaltiges Zerwürfnis aller an der Planung Beteiligten.

Für den Schweizer Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze entsprach das Gebäude dagegen »durch und durch« seinen Vorstellungen; von Dohrn eingeladen, gründete er 1911 die »Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus« und zog im November des gleichen Jahres in das noch im Bau befindliche Festspielhaus ein. Die Tänzerin Mary Wigman war damals bereits seine Schülerin. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das Institut Anziehungspunkt für Kunstkenner und -liebhaber; Gerhart Hauptmann, Stefan Zweig, Oskar Kokoschka und Max Reinhardt zählten zu den Besuchern dieser Jahre.

Dalcroze bleibt in der Schweiz, Dohrn verunglückt beim Skifahren, Tessenow zieht nach Wien – das Festspielhaus sinkt in den künstlerischen Winterschlaf… (Foto: M.M.)

Der Ausbruch des Krieges jedoch bedeutete das Ende für die Hellerauer Experimente. Dalcroze, der gerade in der Schweiz weilte, konnte nicht nach Hellerau zurückkehren; er gründete in Genf 1915 ein zweites Tanz-Institut, das noch heute besteht. Helleraus Festspielhaus dagegen sank in künstlerischen Winterschlaf. Anfangs der dreißiger Jahre noch dann und wann als Außenspielstätte für Opernaufführungen unter Fritz Busch genutzt, wurde es 1938 zur Polizeischule umgebaut. Bis 1992 diente es dann der russischen Armee als Kaserne.

»Bayreuth der Beine«

Nach und nach zogen dann in den letzten zwanzig Jahren wieder die Künste in die verfallenen Mauern ein. Dalcroze-Zeitgenossen hatten das Tanzinstitut bereits scherzhaft als »Bayreuth der Beine« bezeichnet; unter dem Intendanten des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik Udo Zimmermann sollte es in den zweitausender Jahren wieder zum »Grünen Hügel der Moderne« werden. Seit 2009 führt Dieter Jaenicke das Kunstzentrum mit dem sperrigen Titel »HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden« als Intendant an.

Zur Enthüllung des restaurierten Yin-Yang-Symbols virtuelle Freudentänze im Giebel… (Foto: M.M.)

Pünktlich zum Beginn des zeitgenössischen Musikfestivals »TONLAGEN« wurde nun – nach einem halben Jahrhundert, in dem der Sowjetstern im Giebel prangte – auch wieder das restaurierte Yin-und-Yang-Symbol enthüllt, das der georgische Maler Alexander von Salzmann für Dalcroze gestaltete. Pikant: zumindest der künstlerische Leiter des Hauses in den Nachwendejahren, Detlev Schneider, hätte das gern verhindert. "Das Yin-Yang-Symbol zu restaurieren und wieder am Festspielhaus anzubringen, ist für mich eine rührend altmodische Pose," so Schneider. "Ich hatte damit gerechnet, aber ich bin traurig, dass es nun doch so schnell gegangen ist. Ich hätte alles daran gesetzt, diesen Vorgang der Infantilisierung der Geschichte sperriger zu gestalten…"

Der ehemalige künstlerische Leiter Detlev Schneider hätte anstelle des Yin-Yang-Symbols ein schwarzes Loch bevorzugt: "damit das Haus atmen kann…" (Foto einer Performance vom September 1995)

Wie Heinrich Tessenows Bau aber in hundert Jahren genutzt wird? Die Sängerin und Regisseurin Annette Jahns, die sich in den 1980er Jahren mit der Tänzerin und Choreografin Pina Bausch und Arila Siegert, einer Enkelschülerin Mary Wigmans, Zutritt zum Kasernengelände verschaffte, hofft, dass das Haus nie wieder zweckentfremdet wird. Dieter Jaenicke ergänzt, Vorhersagen über 100 Jahre seien eine gefährliche Angelegenheit. "Aber tanzen werden die Menschen wohl noch immer, und auch Musik wird es noch geben. Wie immer die Kunst 2111 aussehen mag – ich wünsche mir, dass das Festspielhaus dann ein lebendiges Veranstaltungszentrum für die Künste ist, wo Künstler leben, arbeiten, produzieren."


HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden
Karl-Liebknecht-Straße 56
01109 Dresden

Geschichte des Festspielhauses: hellerau.org/hellerau
TONLAGEN Festival:
www.hellerau.org/spielplan/tonlagen-2011
Heinrich-Tessenow-Gesellschaft:
www.tessenow-gesellschaft.hamburg.de