Jeden Monat mit Musik

Kolumnen

Jeden Monat mit Musik

Musikalische Kalenderblätter in Farbe und in Schwarzweiß. Es klingt nicht nur, es duftet geradezu aus den Aufnahmen, die der Dresdner Fotograf Matthias Creutziger in den Gassen von Marrakesch aufgenommen hat. Keine Tourismus-Fotografie, sondern beinahe intime Zeitzeugnisse aus marokkanischer Gegenwart, die uns als Betrachter dennoch wie in vergangene Zeiten eintauchen lässt. Da sprechen die Steine, singen die Farben, scheinen die Lüfte vor Sehnsucht zu schwirren. Hier und da wohl auch voller Tristesse, nie aber in Jammertönen. Allenfalls ein schicksalhaftes Sich-Fügen in unabänderliche (?) Gegebenheiten. Da stelzt ein alter Mann um die Ecke, liegen Lederhäute zum Färben bereit, zupft ein Greis versunken auf seinem Instrument, während hinter ihm ein Motorrad zu knattern vermeint, da tragen Esel schwer an farbigen Tüchern, prangt im Basar eine ganz prächtige Fülle von Tellern und Schalen über Kleider und Tücher bis hin zu Schmuckstücken und Kitsch. Auf einem Platz wird getrommelt, in engen Gassen mögen Schritte zu hören sein, vielleicht ein Gesang von hinter den Mauern, zwischen Graffiti und Gewerbe, womöglich singt auch die Teigbäckerin oder hat die ihr zerfurchtes Gesicht stolz in die Kamera haltende Frau noch Klänge im Kopf. Überall spürbar sind in diesen großformatigen Aufnahmen die Klänge, der Hauch Schwermut, gepaart mit hitziger Schwüle, verbunden mit einer einmaligen Atmosphäre, wie sie vielleicht auch hier in Marrakesch, Fes und Sefrou nicht mehr lange besteht.

Matthias Creutziger hat all diese klingenden Zauber auf seinen Reisen eingefangen und im Kalender-Kunstwerk nun wiedergegeben, als gälte es, in Tausendundeine ganz ferne Nacht abzutauchen, wo selbst die Stille schwingungsvoll musikalisch zu sein scheint. Ansichten und Ausblicke, Eindrücke und Abbilder – Blatt für Blatt werden hier Geschichten erzählt und gesungen. Die Vorder- und Rückseiten lassen sich austauschen, sind eindrucksvoll bunt und kreativ schwarzweiß gehalten, das Kalendarium dazu kann Monat um Monat eingefügt werden und vermittelt durchweg eine opulent orientalische Symbolik. Da geht bis hin zur Wissensvermittlung, was afrikanische Sprach- und Klangbilder betrifft. Möglicherweise stammt sogar der international gebräuchliche Begriff des Jazz aus dieser Stammeswelt der Berber, deren Buchstabe Yaz für den freien Menschen steht. Bis zur Welt der freien Improvisationskunst ist es da nur ein ganz kleiner Schritt.

Bereits im vergangenen Jahr ist der in Dresden lebende und eng mit der Sächsischen Staatskapelle verbundene Fotograf für sein Kalenderprojekt »¿Que bolá Cuba?« vom Grafischen Club Stuttgart mit dem »Gregor Photo Calender Award 2018« geehrt worden. Da klangen die Bilder nicht etwa spanisch, sondern in der Tat ganz eigen kubanisch, auch wenn die koloniale Prägung kaum zu überhören beziehungsweise zu übersehen gewesen ist. Dass er nun, gemeinsam mit Thomas Walter und Ulrich Thieme auch für »Souks Inside 2019« mit dem »Gregor Calender Award 2019« in Bronze ausgezeichnet worden ist, klingt wie eine logische Fortsetzung. Die einzige Träne im Knopfloch: Es handelt sich bei dieser zu den wichtigsten Wettbewerben der Druck- und Medienbranche zählenden Ehrung ausschließlich um nicht im Handel vertriebene Werbekalender.

02.02.2019Kolumnen