Hauch will ins Ohr, Mann!

Rezensionen

Hauch will ins Ohr, Mann!

Foto: Alexander Bischoff

Es ist DAS Originalklangensemble der Stadt. Und die Rede ist ausnahmsweise einmal nicht von einem Barockorchester, das sich vergessenen Noten aus Schränken oder Schräncken (sic!) widmet. Die Tinte dieser Noten ist nicht einmal getrocknet, da verlautbart AuditivVokal schon deren klingende Essenz, an Orten, an denen man es nicht vermutet, (noch) zu passablen Konzertzeiten, aber auch in Zusammenhängen, die erst einmal erkundet sein wollen. Schon hier viel zu viel? Nicht doch, es geht auch völlig sinnlich: AuditivVokal Dresden erschließt sich über das Hören, das schon im Namen des Ensembles im Mittelpunkt steht. Und doch lohnt es sich, bei Konzerten der Vokalisten auch die Augen offenzuhalten, denn die insgesamt rund dreißig Mitglieder des vom Chordirigenten Olaf Katzer 2007 gegründeten Ensembles fliegen auch einmal – choreografiert, improvisiert oder nach Gusto des Komponisten – quer durch den Raum, tanzend, kriechend, in jedem Fall im Wortsinn etwas „von sich gebend“.

Und das hat es in sich – seit zehn Jahren! AuditivVokal Dresden hat sich sehr schnell zu weitaus mehr als einem bloßen Konzertensemble entwickelt und drängte aufgrund seiner Kreativität und Qualität auch schon bald auf die Festivalpodien zeitgenössischer Provenienz; Uraufführungen natürlich immer im Gepäck, und manches Mal dabei wirklich stimmliches Neuland erkundend, wie etwa die schon lange Zusammenarbeit mit dem Vokalkünstler und Komponisten Michael Edward Edgerton beweist. So zählen Komponisten und Veranstalter das Dresdner Ensemble mittlerweile ganz natürlich zur ersten Garde wegen seiner fachlichen Kompetenz, Offenheit und der Intensität der Aufführungen. Interaktives und Performatives gehört für die AuditivVokalen ebenso dazu wie eine von Fall zu Fall behutsame wie ungewöhnliche Vermittlungsarbeit, so etwa geschehen im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten mit einem Workshop mit dem Seniorenchor der Singakademie am Mittwoch.

Fotos (2): Christian Hostettler

Das dreitägige Mini-Festival zum Jubiläum wurde auf zeitgenössische, zeitgenüssliche Weise mit Uraufführungen, Experimenten, einer kleinen Portion Wahnsinn und überraschend erdigem Bewusstsein für die Gegenwart gefeiert. Am Dienstag fand man sich zu einem „Auditiven Roundtable“ (etwas Musik gab es auch) in der Sächsischen Landesbibliothek ein. Denn AuditivVokal versteht sich auch als Vokalschule für Sänger, in weiterer Instanz auch als ein vokales Forschungszentrum und ein Dokumentationsort für neueste Vokalmusik. In Konsequenz der Gründung dieser Neuen Dresdner Vokalschule konnte die Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) als Partnerin gefunden werden, um das bereits vorhandene und stetig erweiterte Material professionell zu archivieren und zugänglich zu machen. Ziel ist die Etablierung eines Sondersammelgebiets zur Vokalmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, zukünftig ein generelles Archiv für das zeitgenössische Ensemble- und Chormusikschaffen ab 1950. Nun ist die Diskussion auf einem Podium im Grunde auch eine Lautäußerung – allerdings seltener künstlerisch initiiert. Doch die patchworkartige, mit gut drei Stunden Dauer kürzlich-kurzweilige Veranstaltung war tatsächlich im Ansatz, im Wollen und im Ergebnis kultur-vokal-wissenschaftlich zu nennen. Groß standen da die großen Fragen an der Leinwand im Vortragssaal der SLUB: Darf Musik politisch sein? Welchen Auftrag hat Musik? Wie vermittelt man das Neue?

Im Roundtable antworteten Dr. Eva-Maria Stange (Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen), Annekatrin Klepsch (Kulturbürgermeisterin der Landeshauptstadt Dresden), die Komponisten und Performer Gerhard Stäbler und Alex Nowitz sowie Stimmforscher Prof. Dr. med. Dirk Mürbe vom Universitätsklinikum Dresden. Aufführungen von Vokalwerken von Georg Katzer und Antonio Scandello (in gewisser Weise wiesen beide Werke in der Zeit zurück, zeigten aber auch die stilistische Vielfalt des Ensembles) und Perfomancedarbietungen rundeten den Abend ab.

Am Donnerstagabend schließlich stand das im Rahmen der Konzertreihe »Hinhören« von KlangNetz Dresden e. V. stattfindende, eigentliche Jubiläumskonzert – klassisch „frontal“ inszeniert, aber relativ bald auch im Raum (auf-)gebrochen – im Hygiene-Museum unter dem Titel »Non.Sense?! Neue (Un)Sinnlichkeiten« und stellte damit den „Sinn an sich“ in seinen sinnreichen, sinnfreien, sinnlosen und sinnlichen Facetten in den Fokus. Nach einer Konzertpredigt durch Pastor i. R. und Autor Christoph Eisenhuth und einem kurzen dadaistischen Sinn-Wurf von Andy Kaufman, was sich trotz des Erwartungen weckenden Konzerttitels dann doch als einziger Beitrag einer eher irren, auch irritierenden Charakteristik entpuppte, lud Komponist Gerhard Stäbler das Publikum zu seinen »EarPlugs« ein. Erst nach diesen eher um das Ensemble vorsichtig kreisenden performativen Elementen des Abends gab es die erste Uraufführung: Peter Motzkus, seit einem Jahr auch Dramaturg der AuditivVokalen, steuerte ein neues Werk »QUINTETTO #1« bei, das als Innenhörschau der Interpreten geplant ist, somit eigentlich nicht mit einem Publikum „rechnet“, aber in der Gleichzeitigkeit dennoch ein erstaunlich geschlossen wirkendes Werk ergibt. Vermutlich sind wir die chaotische Gleichzeitigkeit von (Ent-)Äußerungen im Alltag zu sehr gewohnt, dass wir uns über die kunstvoll-unabsichtsvolle Collagierung noch sehr wundern würden.

Die Komponistin Charlotte Seither war mit »Echoes of O’s« und einem neuen Werk vertreten – beide Stücke wiesen eine karge, jedoch stringente Form auf. Verlaufen konnte man sich in diesen Stücken nicht, allerdings fehlte vor allem der neuen Komposition »Wenige Silben vom Glück« in seiner Reduzierung auf Luftgeräusche ein sinnlicher Aspekt, der in der ernsthaften, spannenden Darbietung von Anna Palimina wohl auch nicht gefragt war, das Systemartige (oder -gaukelnde?) des Stücks erzeugte Distanz. Mit Dieter Schnebels »nostalgie« für einen Dirigenten ging es wiederum ins Performative, Untergründige, ja (endlich!) Absurde: Dirigent Olaf Katzer reüssierte als – Dirigent! Und das mit voller Hingabe, Hinwurf sogar schließlich und manch ein Musiker im Publikum hatte entweder gehörig mit seinen Lachfalten zu tun oder hätte vor Schreck beinahe eingesetzt… AuditivVokales ist eben ansteckend. Bevor im wunderbaren Kunterbunt dieses Jubiläumsabends György Ligeti das Finale gehörte, hatte auch Gerhard Stäbler noch eine Uraufführung beigesteuert – seine »Gerissenen Dämpfe« bringen Literatur in eine Schräglage, aus der sie nicht mehr herauskommt – eine eher düstere Gesamtwirkung stellt sich trotz toller Klanglichkeit ein. Hier wie auch in Ligetis »Nonsense Madrigals« – die viel, viel mehr Sinn als Non ergeben, wenn sie so toll wie am heutigen Abend dargeboten werden, zeigte AuditivVokal eine Demonstration von Reife, Lust und Spaß am Objekt des Vocalen, der nicht zwingend zur vocalitas (dem Wohlklang) führen muss, aber den Zuhörer dennoch erfüllen, bereichern kann.

Schön, dass mitten in Dresden ein Ensemble so deutlich in die Zukunft denkt und agiert. Seien wir also mit ihnen neugierig und bilden als offenohriges Publikum weiterhin einen unverzichtbaren Bestandteil dieser sinnlich-genüßlichen Musikforschung – denn, so gratulierte der Schriftsteller Marcel Beyer klar und geradeheraus: „Hauch will ins Ohr, Mann!“

01.06.2017Rezensionen