Musik aus dem Gulag in Gohrisch

Kolumnen

Musik aus dem Gulag in Gohrisch

Musik ist ein Lebensmittel, hat Albrecht Goetze gesagt. Ein Überlebensmittel. Nun hat sie den unermüdliche Schaffenden zwar überlebt, so wie sie uns alle überleben wird. Seine Hinterlassenschaft aber ist sehr lebendig. Das Europäische Zentrum für Bildung und Kultur Meetingpoint Music Messiaen wäre ohne ihn nicht entstanden, es ist Goetzes Lebenswerk. Heute dienst es jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft als Ort der Begegnung mit Kunst und Kultur, mit Musik und Geschichte, vor allem aber auch miteinander.

Wo die Militärs der deutschen Nazis einst ein Kriegsgefangenenlager errichteten, in dem unermesslich viel Leid geschah, da schuf der französische Komponist Olivier Messiaen im Kriegswinter 1940/41 sein Quartett auf das Ende der Zeit (Quatuor pour la fin du temps).

Wenige Dutzend Kilometer entfernt davon und fünfzehn Jahre nach dem Ende des zweiten deutschen Weltkriegs besuchte der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch den idyllischen Kurort Gorisch, wo er die einzige Musik schuf, die nicht in seiner Heimat entstand. Das Streichquartett Nr. 8 d-Moll op. 110 zählt ebenso wie Messiaens Komposition für Geige, Klarinette, Cello und Klavier zu den exemplarischen Ausnahmewerken der Kammermusik des 20. Jahrhunderts. Bei aller Unvergleichbarkeit der künstlerischen Handschriften tragen doch beide Werke bekenntnishafte Züge in sich. Bei Messiaen eher glaubensvoll, bei Schostakowitsch sehr biografisch. Zwei Quartette, die als Lebens-, als Überlebensmittel funktioniert haben und dies wohl auch heute noch tun.

Bei den heute beginnenden 6. Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch soll ein weiteres Werk, das durchaus in diesen Kanon gezählt werden darf, erstmals als Zyklus erklingen. Dass es sich dabei um 24 Präludien und Fugen handelt, lässt an Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertes Klavier sowie an den Quintenzirkel denken. Völlig zu Recht, freilich mit der Besonderheit, dass es sich bei dieser Folge um die erste geschlossene Folge von Präludien und Fugen auf allen Grundtonarten seit Bachs Zeiten handelt! Geschrieben hat diesen Zyklus der Komponist Vsevolod Zaderatsky – im Gulag!

Selbst kundigen Musikliebhabern und Wissenschaftlern ist dessen Name – bislang – kaum geläufig. Mit Gohrisch und dem Pianisten Jascha Nemtsov wird sich dies ändern. Der hat Zaderatsky sozusagen neu entdeckt und wird dessen 24 Präludien und Fugen nun in der Konzertscheune uraufführen. Er hat aber auch die Hintergründe ihrer Entstehungsgeschichte aufgearbeitet und konnte sich dabei auf den 1935 geborenen Sohn des Komponisten stützen, der denselben Namen wie sein Vater trägt, Vsevolod Zaderatsky, und nun ebenfalls nach Gohrisch kommen wird.

Dmitri Schostakowitsch bezog sich in seinen Präludien und Fugen auf Bach und den Quintenzirkel, freilich erst nach seinem Besuch des Leipziger Bach-Wettbewerbs 1950 und in stilistisch ganz anderer Richtung. Vsevolod Zaderatsky war somit der Erste im 20. Jahrhundert, der diese musikalische Form wieder aufgriff. Und einer der Ersten, die unter denkbar widrigsten Umständen Musik als unverzichtbares Mittel zum Leben und Überleben verstanden haben.

www.schostakowitsch-tage.de

Bis nächsten Freitag? Oder bis gleich, in Gohrisch –

Michael Ernst

19.06.2015Kolumnen