Von der Partnerstadt lernen

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Von der Partnerstadt lernen

Die Oper in Wroclaw (Foto: Barbara Maliszewska, Wikimedia Commons)Die Oper in Wroclaw (Foto: Barbara Maliszewska, Wikimedia Commons)

Schon lange ist Vernetzung kein Zauberwort mehr. In beinahe jedem Lebensbereich, also auch in der Musik, stiftet es befruchtenden Austausch und sinnvolle Horizonterweiterung. Insbesondere die Neue Musik hat Netzwerke nötig. Das haben die Komponisten der sogenannten Zweiten Wiener Schule bereits vor knapp 100 Jahren erkannt. Sie gründeten im Sommer 1922 während der Salzburger Festspiele die Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM bzw. ISCM für International Society for Contemporary Music). Seitdem werden jährlich an wechselnden Orten Weltmusiktage ausgerichtet. Diesmal gab es diese World Music Days vom 3. bis zum 12. Oktober zeitgleich mit dem IV. Festival der zeitgenössischen Oper in Wroclaw.

Das renommierte Musiktheater in Dresdens polnischer Partnerstadt, es steht seit 1995 unter der künstlerischen Leitung der Dirigentin Ewa Michnik, zeigt sich höchst ambitioniert in Sachen Neuer Musik und richtet aller zwei Jahre dieses Festival aus. Im aktuellen Jahrgang wurde es mit der polnischen Erstaufführug der Oper „Angels in America“ von Péter Eötvös sehr erfolgreich eröffnet. Die von András Almási Tóth inszenierte Produktion stand unter der Leitung der Komponisten, der sich so angetan von diesem Engagement zeigte, dass er versprach, 2016 zum V. Festival wieder mit dabei zu sein. Wroclaw ist dann – gemeinsam mit dem spanischen San Sebastián – Europäische Kulturhauptstadt. Die Vorbereitungen dafür sind an fast jeder Straßenecke zu sehen. Ein gewichtiger Schwerpunkt: Der Neubau einer Konzerthalle, die als Nationales Musikforum neben einem großen Saal mit 1.800 Plätzen auch drei Kammermusiksäle beinhalten soll. Erst anfang Oktober ist im knapp 200 Kilometer entfernten Katowice die derzeti größte Konzerthalle Polens eröffnet worden. Dass beide Bauvorhaben – Wroclaw arbeitet dazu mit einem Architekturbüro aus New York zusammen – einige Jahre in Planungsverzug gerieten, dürfte mit der klangvollen Eröffnung rasch vergessen gemacht werden. Dresden hingegen wird sich noch die nächste Ewigkeit lang grämen, Initiativen für einen Konzerthausneubau voreilig vom Tisch gewischt zu haben. Aber Dresden ist ja auch nicht Kulturhauptstadt Europas. 2025 steht in den europäischen Sternen.

Zum Raum wird hier die Musik

Aber zurück zum Festival der zeitgenössischen Oper nach Wroclaw. Neben den Engeln von Eötvös wurden zwei avancierte Repertoire-Produktionen gezeigt: „Paradise Lost“ von Krzysztof Penderecki sowie „Die Falle“ von Zygmunt Krauze. Beide unter dem Dirigat von Tomasz Szreder, dem Musikdirektor des Hauses. Ihm oblag auch der von einer Uraufführung gekrönte Abschlussabend des Moderne-Festes. „Fünf Gesänge aus dem Käfig“ nannte der 1981 in Polen geborene Komponist Prasqual sein auf eine Zusammenarbeit mit dem im April diesen Jahres gestorbenen Dichter Tadeusz Rózewicz zurückgehendes Stück. Prasqual lebt heute in Köln, war Schüler unter anderem von Yörk Höller und Manfred Trojahn sowie – unüberhörbar – von Karlheinz Stockhausen. Seinen Künstlernamen trägt er mit Stolz und betont gern dessen zweite Silbe: Voller Qual sei manchmal die Arbeit an der Musik, zumal wenn man sie als Architektur verstehen und Instrumente nur als dafür notwendige Metaphern sehen will. Zudem ist der schwer auszusprechende polnische Familienname einer internationalen Karriere wenig zuträglich. Und die hat Prasqual ganz offensichtlich im Blick.

Seine „Fünf Gesänge“ sind ein fulminantes Erlebnis gewesen. Nur sehr selten vergehen 80 Minuten mit moderner Musik so sehr wie im Fluge. Eingestimmt wird das Publikum mit durch den Raum schwingenden Klängen, darein werden mal lautmalerisch silbenbetont, mal klar verständlich Worte gesetzt, von Flötentönen umschwirrt, bis die tiefen Streicher und Bläser geradezu fundamentale Schichten einbauen. Da wird zementiert und werden in spannungsvoller Akkordik Brücken gebaut, eine Mezzosopranstimme und ein Bariton wetteifern mit dem Sprecher, von links und rechts tönen aus den zwei Etagen der Bühnenlogen Bläserstimmen und Schlagwerker. Mit teils bizarrer Rhythmik stürmen Hand-Werker an Klangholz und Xylofon mal zeitleich, laufen dann auseinander und finden sich wieder. All diese räumlich erlebbaren Schichtungen aus Klang und Struktur, die zudem mit elektronischen Einspielen gewürzt sind, verlangen eine enorme Hingabe der beteiligten Musikerinnen und Musiker.
Wie überzeugend Tomasz Szreder das alles mit dem Orchester der Oper Wroclaw sowie mit der Sängerin Jadwiga Postrozna und dem Gast Mariusz Godlewski hinbekam, verdient höchsten Respekt. Im einzigen szenischen Moment schritten die beiden Solisten zu einem mit Wasser gefüllten Klangbecken und ließen es lustvoll bedächtig plätschern. Jerzy Trela als Altmeister der polnischen Schauspielkunst erwies sich als Grande mit seinen Zitaten. Ein Leuchten klang aus den „Fünf Gesängen“, ein Leuchten nicht nur aus dem vermeintlichen Käfig heraus, sondern tief in die Architektur des von Prasqual intendierten Lichtklangs hinein.

Meister Stockhausen dürfte sich über einen so gelehrigen Schüler, dem er Impulse gab, die nun deutlich weiterentwickelt worden sind, zu Recht freuen. Und die Veranstalter, Stichwort Vernetzung, machten das Beste daraus, indem sie für die World Music Days mit Schulen kooperierten und junge Menschen zu Aufsätzen über Neue Musik angeregt haben. Die „Fünf Gesänge aus dem Käfig“ werden nun also, schon einen Tag nach der gefeierten Uraufführung, zum Schulstoff.

Die Stadt als Türöffner für Neues

Wroclaw durfte während dieser Tage im Herbst durchaus wieder einmal als Vorreiter gegolten haben. Türöffner für Neues, Kooperationspartner für Netzwerke und Generationen. Die Traditionen jedoch lässt man dort nicht aus dem Auge: Mitte Dezember wird das Richard-Strauss-Jahr mit einer Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ gekrönt. Der Komponist ist bekanntlich mehrfach zu Gast im damaligen Breslau gewesen, erstmals 1900, hat immer wieder eigene Werke dirigiert und kam dann zur „Reichsdeutschen Uraufführung“ von „Schlagobers“ und seiner Ballettmusik „Heiteres Tanzspiel“ im Jahr 1924 gern zurück.

Bei allem Blick nach vorn in eine gesamteuropäische Zukunft bleibt die Vergangenheit ohnehin unübersehbar in der modernen Kultur- und Universitätsstadt Wroclaw. Gleich neben dem 1841 von Carl Ferdinand Langhaus errichteten Theaterbau empfiehlt sich das Hotel Monopol als äußerst geschmackvoll eingerichtete Unterkunft nicht nur für die Gäste der Oper. Wer es unvorbereitet betritt, darf über die Historie des 1891/92 in neobarockem Stil errichteten Hauses durchaus staunen: Ausgerechnet hier entwarf Pablo Picasso 1948 zum „Weltkongress der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens“ seine berühmt gewordene Taube als Symbol für den Frieden. Genau zehn Jahre, nachdem ein wahnsinniger „Führer“ vom eigens zu diesem Auftritt dem Hotel vorgesetzten Balkon zu „seinen“ Schlesiern sprach. Undenkbar, damals, dass ein so gezeichneter Ort gerade auch durch die Neue Musik mit dem künstlerischen Weltgeschehen Vernetzung findet. Ein heute wieder sehr wichtiger und durchaus hoffnungsvoller Aspekt.

14.10.2014Allgemein, Rezensionen