»Weniger Probleme, als ich befürchtet hatte«

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»Weniger Probleme, als ich befürchtet hatte«

Jan Michael Horstmann, Sie bekleiden an den Landesbühnen eine Doppelfunktion als Operndirektor und Musikalischer Oberleiter, also quasi Chefdirigent. Zuerst die Frage an den Operndirektor: wie zufrieden sind Sie mit der künstlerischen Ausrichtung des Hauses?

Jan Michael Horstmann (Foto: Martin Reißmann)Jan Michael Horstmann (Foto: Martin Reißmann)

Ich beobachte die Landesbühnen ja schon lange. Vor zehn Jahren hatte ich schon einmal das Angebot, hierher zu kommen. Ich war damals relativ frisch in Freiberg und wollte nicht schon wieder mein ganzes Leben ändern. Programmatisch hat das Haus eine Öffnung in Richtung einer größeren Publikumsschicht gemacht. Es gibt allerdings auch mehr Ausgrabungen, mehr Neue und Alte Musik. Wir haben ein breit gefächertes Publikum, spielen ja nicht nur in Dresden, sondern auch mal in Wunsiedel, Eisleben oder Villach. Sicher, die Landesbühnen waren schon immer ein Haus, das Uraufführungen gemacht hat. Das war etwas eingeschlafen, wir wollen diesen Zweig unbedingt wiederbeleben.

Die Landesbühnen als Forum für Neue Musik?

Ja, die Oper »Passage« von Eckehard Mayer war die letzte Uraufführung. Zugegeben, das ist ein paar Jahre her. Aber in Hellerau planen wir demnächst spannende Sachen. Warten Sie mal ab! Wichtig ist: das gesamte künstlerische Leitungsteam ist auf einer Wellenlänge. Der Intendant hört zum Beispiel auf mich, wenn ich sage: das sehe ich als schwierig an, wir sollten da einen Gang zurückfahren und das Stück zur Seite legen. Das ist eine gute Arbeitsatmosphäre.

Muss ein Intendant nach so einer schmerzvollen Neuausrichtung nicht erst einmal auf Sicherheit gehen? Wie viel Spielraum ist da für Experimente, für die Sie beide nicht zuletzt in Freiberg bekannt waren?

Manuel Schöbel ist ja eher mutig. Er hat uns die möglichen Zwänge nach der Fusion nicht spüren lassen. Klar, wenn man Operntitel anbringt – und meine Fantasie ist da grenzenlos! –, da gibt es auch Zwänge. Aber einen Streichel-Spielplan zu machen, um dem Schrecken der Fusion entgegenzuwirken: nein, das haben wir nicht gemacht. Ich finde es dabei übrigens nach wie vor wichtig, Wagner und Strauss auch an diesem B-Haus zu machen. Jeder Mitwirkende wächst an diesen Werken. Ich weiß, dass da einige anderer Meinung waren, aber unsere »Ariadne« hier kann sich absolut sehen lassen. Wir haben leider das Problem am Radebeuler Haus, dass die Akustik extrem schlecht ist: dumpf und matt. Als wir in Bad Elster spielten, kam das noch mal anders zum Tragen.
Aber um auf Ihre Frage zu kommen, wie zufrieden ich bin: Manuel Schöbel hatte mich geholt, um den Regiebereich, der ja nicht mein primärer ist, mehr zu öffnen. Er wollte sicherstellen, dass man, solange es keinen GMD gibt, jemanden an der Spitze des Musiktheaters hat, der eine musikalische Kontinuität gewährleistet. Dass man mit den Regisseuren dann immer mal Glück hat und mal weniger. Ich nenne etwa Anja Sündermann, der der »Figaro« glaube ich einfach nicht so gelegen hat; mit anderen Produktionen bin ich szenisch glücklicher.

Vor zwei Jahren nannte der Vertreter der Deutschen Orchestervereinigung die Fusion der Neuen Elbland Philharmonie mit dem Orchester der Landesbühnen „eine Niederlage für die Kultur in Sachsen“. Wenn Sie heute zurückblicken: war es im Nachhinein doch eine gute Entscheidung, oder hat die Fusion mehr Probleme geschaffen, als Sie erwartet hätten?

Meiner Erfahrung nach spart so eine Fusion immer viel weniger, als sie Nutzen bringt. Sie hat dennoch weniger Probleme bereitet, als ich befürchtet hatte. Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich war es wesentlich weniger problematisch als angenommen: ich kenne Orchester, wo sich die beiden Konzertmeister-„Hähne“ noch zehn Jahre nach dem Zusammenschluss beharken. Zwischen unseren beiden Gruppen gibt es inzwischen ein fantastisches Zusammenspiel. Ein gewachsenes Orchester ist natürlich schneller zu Höchstleistungen zu bringen, als wenn man Unwägbarkeiten in die Proben einkalkulieren muss.

Ihr Vorgänger übte mit dem Orchester oft einen energischen, kraftvollen, dynamischen Musizierstil. Was sind Ihre eigenen Wünsche und Ziele, den Orchesterklang betreffend?

Ich konnte auf Michele Carullis Stil gut aufbauen. Wir sind uns im Energetischen sehr ähnlich. Bei mir ist der Orchesterklang repertoireabhängig. Ich versuche, meine musikalische Bandbreite von Monteverdi bis Oliver Korte breit zu fächern, und da muss man für jeden Bereich seinen Stil finden. Bei Richard Strauss versuche ich eher, auf Mischklänge zu hören, große Bögen zu finden, viel Atem in die Musik zu bringen. Wenn es um Verdi geht, versuche ich mit viel Energie und klarer Artikulation zu arbeiten. Dirigentisch musiziere ich Musik eher aus dem Blickwinkel dessen, was davor war – also Mozart eher aus der Sicht Händels als aus der Sicht Beethovens. Vielleicht bin ich da durch meine vielfältige Beschäftigung mit der Alten Musik geprägt. Ich hinterfrage gern Tempi, Instrumentalbehandlung usw. Bei Mozart ergibt sich dadurch eine große Energie. Ich pflege ja einen eher rauen Mozart-Klang und bevorzuge manchmal schnellere Tempi, die Streicher machen mehr Abstriche als üblich.

Wie lassen sich die Musiker auf solche Vorstellungen ein?

Das Orchester hat bei diesen Vorschlägen fantastisch mitgezogen. Es gibt einige Musiker, die Barockinstrumente spielen, und die wissen sofort, was ich meine. In der letzten Saison haben wir angefangen, die Besetzung nicht immer wieder zu mischen, sondern den »Figaro« mit einer doppelten Mannschaft einstudiert. Ich weiß dann: jeder, der da sitzt, hat diesmal auch das ganze Stück ausreichend geprobt. Ich kann nicht nachvollziehen, dass das Orchester in der Presse öfter negativ erwähnt wird, bei der letzten Opernkritik einmal überhaupt nicht, einmal nur mit einem Satz erwähnt. Es hätte es mehr verdient!
Besonders toll fand ich beispielsweise bei »Medea«, dass zwei Kollegen aus dem Orchester auf mich zukamen. „Wie sieht’s aus, so viele von uns spielen Barockinstrumente; vielleicht kriegen wir ein kleines Barockensemble zusammen?“ Die Streicher, die solche Instrumente hatten, haben sich dann Bläser von der Leipziger Hochschule geholt, und alle meinten: wenn wir die »Medea« machten, wäre es toll, sie historisch zu spielen. Das zeigt, dass das Orchester auch etwas will, dass es nicht in Panik retardiert und glaubt: jetzt sind wir erst mal lahmgelegt. Der Intendant hat sich dafür eingesetzt, Instrumente zu leihen, zu versichern, weitere Musiker heranzuholen. Dass wir das Stück dann mit 415 Hz gespielt haben, hat Sänger und Zuhörer begeistert. Hoffentlich können wir das wiederholen!

Karrieretechnisch legen Dirigenten oft lange Wege zurück, man beginnt in Assistenzpositionen, an kleinen Häusern wie Freiberg, dann arbeitet man sich sozusagen immer weiter und höher. Auf welchem Abschnitt dieses Weges sehen Sie sich?

Ich sehe natürlich immer: oh, da und dort ist eine interessante Stelle ausgeschrieben, vielleicht sollte ich mich da bewerben? Aber das Team hier am Haus funktioniert gut. Ich muss keine Brände löschen, sondern kann mich kreativ betätigen, Regie führen… Das ist eben einfach schön. Mein Vater war Schauspieler, meine Mutter Balletttänzerin; ich wollte immer schon so ein bisschen dazwischen arbeiten. Es schwebte mir zum Beispiel immer schon vor, ein Stück aus Mozart-Briefen zu machen, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn einmal zu untersuchen. Jetzt machen wir dieses Dreipersonenstück, und es ist eine neue Erfahrung für alle. Man muss von null auf mit dem Text beginnen und sich alles selber erarbeiten. Dazu kommt: ich wohne in Altkötzschenbroda, habe das schönste Haus gefunden, bin auch privat glücklich… Klar gibt es immer mal Stimmungsschwankungen. Aber das war auch einer der Gründe, warum ich hierher nach Radebeul kam: wenn es ein Intendant schaffen kann, dieses Haus zu fördern und weiterzuführen, innovativ zu sein, eine konstruktive Arbeitsatmosphäre herzustellen, dann ist das Manuel Schöbel.
Besonders froh bin ich auch über Carlos Matos. Ich bin sehr geprägt durch das Wuppertaler Tanzensemble. Es war sehr schwer, für den „Everybody’s Darling“ Reiner Feistel einen Ersatz zu suchen. Aber dann ging alles ganz schnell: Carlos Matos kam ins Zimmer, hat ein bisschen erzählt, und wir sahen uns an und wussten: der ist es! Es ist eine fantastische Atmosphäre. Ich bin froh, dass es diese Farbe am Haus gibt.

Das klingt, als sei in Radebeul nach den Jahren der Wut und der Unsicherheit erst einmal wieder Ruhe eingekehrt. Aber gibt es auch Aspekte, an denen das Haus noch feilen muss?

Noch nicht zufrieden bin ich mit der Arbeitsatmosphäre, die innerhalb des Opern-Ensembles herrscht. Es wird von einigen zu wenig die Chance gesehen, die so eine Verbreiterung des Repertoires mit sich bringt. „Das war doch früher anders, warum müssen wir denn nun auch noch Barockoper machen?“, höre ich manchmal. Da kann man den Künstlern noch so oft die Lobeshymnen der Presse unter die Nase halten. Da könnte es uns insgesamt helfen, wenn man positiver zusammenarbeitete. Es wird zu oft festgehalten an den Dingen, die man kennt.

Vielen Dank für das Gespräch!

10.10.2014Allgemein, Interviews