Dreiklang mit Quarte

Rezensionen

Dreiklang mit Quarte

Zum 30. März hatte das Sächsische Vocalensemble zunächst vor das Steigenberger Hotel de Saxe eingeladen, an dem die vierte von voraussichtlich sieben Plaketten angebracht wurde, die die Wege von Clara und Robert Schumann aus deren Dresdner Zeit 1844 bis 1850 nachzeichnen wollen. Im Sächsischen Vocalensemble war 2010 anlässlich der 200. Wiederkehr von Schumanns Geburtstag eine Idee geboren worden, wichtige Stationen dieser sechs Jahre in einem „Robert und Clara Schumannn-Gedenkweg“ zu markieren mit Plaketten, die der Dresdner Künstler Einhart Grotegut (s. zweites Foto) gestaltet hat. Der Vereinsvorsitzende Steffan Itzerott wies denn auch bei der Begrüßung auf die Kontinuität der jährlichen Schumann-Pflege durch das Ensemble hin, hin und wieder untersetzt von originalem Straßenlärm der 1840er Jahre, den vorbeirollende Pferdekutschen auf dem Neumarkt kostenlos hinzugaben.

Diese verdienstvolle Aktion verdankt sich nicht nur der allzeit ideenreichen Projektkoordinatorin Anita Brückner, sondern auch dem allbekannten Kuriosum, dass Dresden noch nie einen Konzertsaal mit Kammermusiksaal hatte, so dass nicht nur das Ehepaar Schumann, sondern viele andere Künstler wie Mozart 1789 im Saal des Hôtel de Pologne auf der Schloßstraße mit Sälen in Hotels vorliebnehmen mussten, wenn sie Kammermusik und sinfonische Werke zu Gehör bringen wollten. Die Preise von 1-2 Taler, so war zu hören, waren indes nicht gering, etwa im Vergleich zur neuen Eisenbahnfahrt von Dresden nach Leipzig, die in der 3. Klasse (im offenen Wagen) 1 Taler kostete. Schumann benutzte das neue Transportmittel häufig, wenn er nach Leipzig reiste.

Fotos: Brückner

Neben dem Coselpalais, das schon eine Plakette trägt, (wie auch das Palais im Großen Garten sowie das Schloss zu Maxen, wo Schumanns das befreundete Ehepaar Serre trafen), war das Hôtel de Saxe vor der Zerstörung 1945 ein beliebter musikalischer Ort, in dem am 4. Dezember 1845 Schumanns a-Moll-Klavierkonzert mit Clara als Solistin und Mitgliedern des Orchesters der Abonnementskonzerte unter Ferdinand Hiller zur Uraufführung kam. Die drei Musiker versuchten im höfischen Dresden, neben der tonangebenden Hofkapelle, so etwas wie ein bürgerliches Musikleben zu etablieren, wie sie es von Leipzig gewohnt waren.

Ingrid Bodsch, Leiterin des Schumann-Netzwerkes Bonn sowie Kulturbürgermeister Ralph Lunau betonten in ihren Grußworten die Initiative des Sächsischen Vocalensembles, in der Musikstadt Dresden, in der so viele berühmte Namen zu nennen sind, gerade an Clara und Robert Schumann auf so sinnfällige Art hinzuweisen. Im Festsaal des Hotel de Saxe gaben Peter Rösel, der vorgab, jetzt Clara Schumann zu sein, als Solist, und Christian Kluttig am 2. Flügel, der das Orchester ersetzte, einen Eindruck des poetischen Musizierens, das Schumanns Werk so deutlich von den längst vergessenen Virtuosenstückchen seiner Zeitgenossen abhob, wie Kluttig in seiner kurzen, instruktiven Vorrede betonte. Das Spiel an zwei Klavieren war übrigens eine der Aufführungs-Varianten, mit der man sich früher klassische Werke erschloss.

Den zweiten Ton stimmte Uta Dorothea Sauer an, die in Vertretung des Herausgebers einen eben im Verlag Dohr, Köln, erschienenen Sammelband „Clara und Robert Schumann in Dresden – Eine Spurensuche“ vorstellte. Eine studentische Autorengruppe vom Lehrstuhl Musikwissenschaft der TU Dresden hatte sich unter Anleitung von Hans-Günter Ottenberg 2008 die Aufgabe gestellt, verwehten Spuren der Schumanns in Dresden nachzugehen und damit auch wissenschaftliche Voraussetzungen für die Schumann-Ehrung 2010 zu schaffen. Dazu gehören u.a. Untersuchungen zum Freundeskreis, zum Alltag und Familienleben, zum kompositorischen Schaffen, zu den Konzertunternehmungen und zum Fortwirken von Schumanns Werken in Dresdner Konzerten bis 2010. Ferner wurde eine Umfrage über die Bekanntheit von Clara und Robert Schumann in Dresden ausgewertet sowie Interpreten nach ihren Eindrücken beim Spiel Schumannscher Werke befragt.

Die beiden Pianisten Christian Kluttig (li.) und Peter Rösel

Den Dreiklang zu komplettieren, stimmte am Abend in der Annenkirche das Sächsische Vocalensemble ein Programm zwar ohne Schumann, aber die Elbe auf und ab an, ergänzt durch Lesungen des Autors Uwe Rada aus seinem Buch: „Die Elbe – Europas Geschichte im Fluss“. Unterstützt durch Dietlind Baumgarten (Orgel) und Bernhard Hentrich (Violoncello) erklangen zum Teil recht selten zu hörende geistliche Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, deren hohe Expressivität einen Eindruck von dem vermittelte, was in diesem Jahr anlässlich seines 300. Geburtsjahres zu erwarten ist, ferner Kompositionen von Telemann aus Hamburg, von Johann Heinrich Rolle aus Magdeburg, von Luther, Tobias Michael und Johann Walter aus Torgau bzw. Wittenberg und von Schütz und Homilius aus Dresden.
Matthias Jung, seine Sängerinnen und Sänger blieben den Werken nichts schuldig, stellten sich jeweils auf die unterschiedlichen stilistischen Anforderungen aus drei Jahrhunderten ein und erfüllten sie mit großer Musikalität und Leidenschaft. Kraftvoll sangen die 23 Vokalisten doppelchörige Motetten von Schütz oder Homilius dar und stellten sich ganz in den Dienst der Vermittlung protestantischer Kirchenmusik.

Ein vierter, allerdings nicht öffentlicher Teil sollte hier Erwähnung finden: Die Sitzung des Schumann-Netzwerkes am folgenden Tag, einer Vereinigung von Forschungsinstituten wie dem Robert-Schumann-Haus Zwickau, dem Schumannhaus Bonn, dem Heine-Institut Düsseldorf, ferner von Einrichtungen, Gesellschaften, Vereine etc. mit relevantem Schumann-Bezug aus Baden-Baden, Berlin, Bonn, Düsseldorf, Dresden, Frankfurt, Jena, Kreischa, Leipzig, Maxen, Wien und Zwickau. Hier werden die kommenden Aktivitäten koordiniert. Dass das Sächsische Vocalensemble, das ja kein Forschungsinstitut ist, auch als Mitglied anerkannt wurde, spricht für seinen Einsatz einer kontinuierlichen Schumann-Pflege. Anita Brückner stellte in Aussicht, dass die fünfte Plakette an der Kirche in Kreischa angebracht werden wird, wo die Familie Schumann nach den Wirren des Maiaufstandes 1849 „im lieblichen Thale zu Kreischa“ Zuflucht gefunden hatte.

04.04.2014Rezensionen