„Seit wann sind wir so hasenfüßig geworden?“

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„Seit wann sind wir so hasenfüßig geworden?“

Bis Samstag findet in Dresden – nach über fünfzig Jahren Pause! – wieder einmal die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Musikforschung statt. Symposien mit den Themen „Filmmusik und Narration", „Klang und Bedeutung / Semantik in der Musik des 20. Jahrhunderts" und „Interpretationsforschung. Historische Aufführungspraxis am Scheidewege?" wechseln sich mit circa fünfzig freien Referaten ab. 
Musikhochschulrektor Ekkehard Klemm begrüßte die angereisten Musikwissenschaftler heute Abend mit einer funkensprühenden Rede, die »Musik in Dresden« hier in Auszügen wiedergibt.

Foto: HfM

"Sehr geehrte Damen und Herren aus Nah und Fern,

ganz herzlich begrüße ich Sie alle hier in Dresden! Sie betreten diesen Tagungsort in einem besonders spannenden Moment: Was in München die Nachrichten über den Fußball und die Wies'n, sind in Dresden jene über die Kultur. Gerade die letzten Tage hatten wieder viel Interessantes im Gepäck: Die Eröffnung der Schlosskapelle mit dem bedeutenden "Schlingrippengewölbe", dessen komplizierten Namen alle Redner hart trainieren sollten; ein neuer Intendant für die Semperoper steht ante portas; das Schauspiel feierte seinen Hundertsten mit Brittens King Arthur, wobei die Regie sich sogar so weit vor den Sachsen verneigte, dass sie im Finale die Braut Emmeline nicht Arthur sonder Oswald zuwies; die Musikfestspiele künden bereits 2013 die Goldenen Zwanziger an (so das Motto des nächsten Festival-Zyklus); ein veritables Kunstspektakel fand gegenüber im Kraftwerk Mitte statt, Kunst und Kreativwirtschaft buhlen um das Gelände, die Musikhochschule bezieht demnächst provisorisch neue Räumlichkeiten auf dem Areal zur Profilierung und Erweiterung der Ausbildung von Musiklehrerinnen und –lehrern; die Staatsoperette, fast wage ich zu sagen, Dresdens mögliche künftige 'Komische Oper', wird ebenda ihr neues Domizil beziehen, daneben das Theater der Jungen Generation, welche Stadt baut gleichzeitig zwei Theater und versucht gleichzeitig auch noch, der heimischen Philharmonie endlich ein gediegenes Zuhause zu verschaffen?

Das sind für eine Stadt mit einer reichlichen halben Million Einwohnern – Wachstum und Babyboom inbegriffen – durchaus erfreuliche Botschaften, die nur selten von umherfliegenden ferngesteuerten Drohnen gestört werden (erst kürzlich beim Besuch der Kanzlerin auf dem Neumarkt – sie hatte gut Lächeln, dem Verteidigungsminister wird ein grimmiges Gesicht nachgesagt…). Vielleicht sollte man ein solches Flugobjekt einsetzen, um endlich einer der "Hufeisennasen" ansichtig zu werden, jener Fledermausart, die beinahe die Waldschlösschenbrücke verhindert und das UNESCO-Weltkulturerbe erhalten hätte. Zur Strafe müssen nun alle Autos mit Einbruch der Dunkelheit auf 30 km/h herunterdimmen, was sie merkwürdig brav und dem drohenden Blitz entgehen wollend auch tun, während ein etwas zu gleißend geratener Lichtstreif die Elbe überspannt und die Hufeisennase derweil vielleicht am Blauen Wunder ihr Unwesen treibt…

Sie sehen, wir haben viel zu bieten! Doch nicht nur die Hüllen verdienen Erwähnung – sie sind ja ohnehin nichts ohne Menschen, die sie füllen oder eben als Protagonisten vornan stehen. Die hochgelobten Dresdner Dirigenten und Weltspitzenensembles von Staatskapelle, Philharmonie, Kreuzchor oder Kammerchor können wir an dieser Stelle dabei getrost mal links liegen lassen – nein: Es existiert in Dresden durchaus auch eine lebendige Szene neuer und neuester Musik und Kunst. Dafür stehen nicht nur Hellerau, die Ostrale oder der neu gegründete Verein KlangNetz Dresden, dafür stehen auch Namen, etwa die beeindruckende Liste der capell-compositeure der letzten Jahre, die uns auch repräsentative Uraufführungen von Rebecca Saunders, Bernhard Lang, Johannes Maria Staud, Isabell Mundry, Lera Auerbach, Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm beschert haben. In ihren eigenen Reihen gratuliert die Hochschule in diesen Tagen nicht nur den ehemaligen Kompositionsprofessoren Jörg Herchet, Lothar Voigtländer und Udo Zimmermann zum 70. Geburtstag, mit Franz Martin Olbrisch, Manos Tsangaris und Mark Andre wirkt z. Zt. eine neue Generation wichtiger Avantgarde-Vertreter in Dresden – genug Stoff sozusagen für die Musikforschung der nächsten Jahre und Jahrzehnte und ein Beweis dafür, dass die Musikgeschichte an der Elbe nicht nur von Schütz bis Strauss reicht…

Dennoch: Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Geisteswissenschaften und die Musik ganz im Besonderen müssen harte Bandagen anlegen, um in einem Kampf zu bestehen, der gegen die Windmühlenflügel der Rechnungsprüfer und Finanzjongleure nicht zu gewinnen ist. Ich darf den Präsidenten der UdK Berlin zitieren, der in einem Statement dieser Tage zusammenfasst:

Es geht um die Frage, was Künste, aber auch Wissenschaften, autonomes Denken jenseits ökonomischer Logik also schlechthin, in dieser Gesellschaft für ei nen Stellenwert haben, ob wir uns in hochschulischen Formaten offen, bewahrend wie innovativ intelligent verhalten, ob die Tradierung von Fähigkeiten und interpretatorischer Differenziertheit in ihrem Eigenwert einem Publikum noch zu vermitteln sind. Es geht auch um das Gewicht unserer auswärtigen Kulturalbeit und ihrer Grundsätze seit 1945, um die Anliegen und Verdienste des DAAD, ob wir die gleichen lemminghaften Bewegungen in der Studiengebühren-Frage wie im Bologna-Prozess machen sollten, ob unser Beitrag zu einer globalen Gesellschaft nicht vielleicht finanziell offensiv niedrigschwelliger als im Bildungsbusiness der Neuzeit üblich sein sollte. 

Und es geht um die Gestaltung der Gesellschaft insgesamt und die Reflektion ihrer Zukunftsentwürfe. Mag ja sein, dass es in Deutschland zu viele Rechtsethiker, Oboisten, Wasser­ bauingenieure oder Medienkünstler gibt, wenn man sie an der Zahl der offenen Stellen misst, und nur solche Maßstäbe unterstelle ich einer Rechnungshofbetrachtung. Aber seit wann sind wir so hasenfüßig geworden, dass alles, was unserer Kultur zugrunde liegt – inklusive einer weit über Einzeldisziplinen hinaus funktionierenden, lebendigen Diskursivität – so nolens volens und ohne jeden Aufschrei zur unsinnigen Ausgabe und zum Standortnachteil erklärt werden kann? Wo, wenn nicht in den Universitäten und Hochschulen, aber auch Parlamenten eines Landes kann denn eine solche Reflektion von Zukunftsentwürfen stattfinden?

Wo, wenn nicht in hier und heute! Die Dresdner Hochschule für Musik hat neben ihren jährlich etwa 400 Veranstaltungen deshalb auch eine Offensive auf dem Gebiet des wissenschaftlichen, pädagogischen und künstlerischen Diskurses ausgerufen, im letzten Jahr z.B. mit der Tagung zum Thema Musiker 3.0, bei der der Musikerberuf als solcher im Mittelpunkt stand, zuletzt mit einer neu etablierten Reihe von interdisziplinären Meisterkursen, nun fortgeführt von Ihnen und Ihren hochinteressanten Vorträgen, Diskussionen und Veranstaltungen der nächsten Tage. Gleich danach gibt es die XII. Rhythmikwerkstatt Dalcroze 2013, im Frühjahr folgen die Europäischen Streicherpädagogen und der Bund Deutscher Gesangspädagogen.

Meine Damen und Herren – in diesem Sinne begrüße ich Sie also ganz herzlich! Wir sind in freudiger Spannung und Erwartung auf das, was uns in den kommenden Tagen in geboten und begegnen wird. Willkommen in Dresden!"

17.09.2013Allgemein