Hommage in 18 Sätzen

Kolumnen

Hommage in 18 Sätzen

So viele waren es noch nie. Achtzehn junge Tänzerinnen und Tänzer haben es geschafft. Nach drei Jahren haben sie die Abschlussprüfung im Bachelor-Studiengang Tanz bestanden. Eine eigene Choreografie, ein Solo oder ein Duo, auf jeden Fall müssen sie aber selber tanzen, gehört dazu. So gab es bei der öffentlichen Präsentation letzten Samstag im Hellerauer Festspielhaus ein richtiges Festival, 18 Choreografien an sechs Orten, alle in Bewegung, bewegte Momente, gute Stimmung, freundliche Kommunikation in den Pausen.

Es sind aber in erster Linie Tänzerinnen und Tänzer, mag sein dass manche sich auch als Choreografen bewähren werden, die große Überraschung gab es auf diesem Gebiet noch nicht. Es ist offensichtlich gar nicht so einfach, eine Choreografie beginnen zu lassen und auch einen Schlusspunkt zu setzen, aus dem Dunkel zu kommen, das Licht angehen zu lassen, einen Schatten zu werfen, nach einer gewissen Zeit abzugehen oder mit einem Black zu verschwinden reicht nicht in jedem Falle aus.
Eine Beziehung einzuführen, dem Mit- oder Gegeneinander Dynamik oder Entwicklung zu geben, erweist sich als schwierig, wobei gerechterweise gesagt werden muss, dass daran mitunter auch große Kolleginnen und Kollegen scheitern können.

Bis auf wenige Ausnahmen spielt die Sprache in den Choreografien der Absolventen keine Rolle, sie vertrauen der Bewegung und dem Klang. Ich sage bewusst Klang, denn bevorzugt werden elektronische Sounds oder Klangflächen, bis auf einen Dialog mit einem selbst agierenden DJ, in Form von Zuspielungen. Insgesamt aber überzeugt dieser tänzerische und choreografische Marathon durch die persönliche und direkte Art in der sich die Absolventen ausnahmslos präsentieren, und dieser Mut mag ja mitunter am Beginn einer Entwicklung mehr bedeuten als der momentane Erfolg bei Übernahme bewährter Muster oder gar Klischees. Daher erscheint es angemessen, den 18 choreografischen Versuchen mit dem Versuch einer Hommage in 18 Sätzen wenigstens in Ansätzen gerecht zu werden.

Anja Beier interessieren Menschen und ihr Kommen und Gehen im Leben, sie wählt dafür mit Larissa Potapov momentane Situationen, Assoziationen, Ankunft und Abschied in öffentlichen Räumen, etwa einer U-Bahn Station, Titel „Zufall oder Schicksal“ Lester René nennt seine Arbeit „Unique Seasons“, gemeinsam mit David Lukas Hemm interessiert ihn die Kraft der vier Elemente und beide überwinden im Tanz, der immer wieder vom Boden in die Höhe strebt, zu eindeutige gendermäßige Zuschreibungen. Alexandre Gilbert bewegt sich mit Jean Baptiste Plumeau in „Lightness of Being“ aus Verknotungen der Contact-Improvisation in aufrechte Bewegungen tänzerischer Emanzipation mit leichten Springvarianten. Annika Wagner tritt aus der Begrenzung eines Lichtkreises in einen vorsichtigen Dialog mit Philipp Knapp; beider Wege hinterlassen Spuren, die Frage bleibt: „Any_way you want…,is what you need?“ Kirill Kalshnikov nennt sein Solo „Life is a Boomerang“, mit neoklassischen Qualitäten bei musikalischem Pathos spannt er einen Bogen von kindhafter Entdeckerlust zu jugendlich-tänzerischem Höhenflug, Absturz und Enttäuschung eingeschlossen, fast religiös grundiertem Abgang und Verlöschen. Stefanie Beyer nennte ihre Arbeit „Pusteblume“; mit Tarah Malaika Pfeiffer gestaltet sie Tanzminiaturen in schwarz-rot und schwarz-weiß, unterlegt mit eingesprochenen und projizierten Begriffen wie „Angst“, Einsamkeit“, „Schuld oder Wut“ und steht am Ende einsam im erfrischenden Regen. Alicia Varela Carballo fragt auf kleiner Fläche, wie es möglich ist in verschiedenen Lebensphasen mit der Welt zu interagieren, DJ Thomas Jährling liefert nicht nur den Sound sondern steht ihr auch an den Begrenzungen ihrer kleinen Welt gegenüber. Leonidas Thiel steigt zunächst per Videoinstallation in „Intangible Perception“ mit seinem Tanzpartner Valerio Vacca eine Treppe hinauf, betritt ein Zimmer, um dann in so aktivem wie temperamentvollem Dialog tänzerisch räumliche Grenzen aufzubrechen. Larissa Potapov, zunächst gefangen vom eigenen großen Schatten, begibt sich in „Infinity 2.0“ auf den Weg zu ihrer Tanzpartnerin Jana Blume, die sich aus realen Fesseln befreit, es folgt eine Begegnung aus Kampf und Zartheit, Angleichung in gegenseitiger Vereinnahmung mittels schwarzer Farbe. Katrin Lerner tanzt in „Melodie der Gegenwart“, Robin Jung sitzt und wartet ab, legt dann ein aufreizendes Solo hin, sie steigt in die roten Schuhe, wir erleben eine momentane Illusion von Gemeinsamkeit. Lidia Melnikova wagt zur Musik von Antonio Vivaldi in „The Princess an the Pea“ gemeinsam mit Lester René fröhliche Sprünge in den Humor der Commedia dell´arte. Gabrune Sablinskaite spürt mit Mathieu Chayrigues in „Sensitive Dependence“ den möglichen Folgen nach, die durch kleinste Veränderungen in Gang gesetzt werden und initiiert tänzerische Butterfly-Effekte. Jossia Clement zeigt in ihrem Solo „Mouton de Panurge“ zunächst tragikomische Körperhaltungen, gelangt dann aus liegenden Haltungen auf eigene Füße und in heitere, springende Varianten, gemäß dem Untertitel „And the sheeps follow…BAAAHH…and the sheep follow“. Hans Maria Simons „Infiltrate/Illusion“ gehet der Frage nach, was ein Traum ist und er gelangt mit Peter Lerant über die Anklänge abstrakter Tanzformen in sublimierte Bereiche mit Elementen aus Break- und Street-Dance-Formen. Yamile Anaid Navarro springt in „In Nirulgenrewop…in la Nada“ krachend an gegen mediale Elemente hochhackiger Weiblichkeit, dieweil ihr Partner Jean-Baptiste Plumeau gelassen mit Farben hantiert, bis beide in heiteren Glücksmomenten sinnlich-bewegt die Farbfacetten gemeinsamer Körperlichkeit erfahren und sich fragen ob das ein Traum war. Madoka Kariya tanzt in ihrem „Fragment“ auf Spitze, Lidia Melnikova auf der Sohle, zwei Seiten, immer wieder Kongruenzen, spannende Varianten, synchron oder nicht, aufblitzenden Momente von Gemeinsamkeit im Tanz scheinbarer Gegensätze. Max Taubenheim fragt mit Alexandre Gilbert in „One Soul“ wie eine Freundschaft entsteht und setzt dabei auf die Annäherung bewegter Gegensätze, er selbst in heiterer Lässigkeit, sein Partner exakt in klar strukturierter Macho-Allüre, für Akteure und Publikum ein erfrischend sinnliches, Tanzabenteuer.

Nach dieser Abenteuerreise mit ihren 18 Stationen kann man das Festspielhaus eigentlich nur in heiterer, gelöster Stimmung verlassen. Die 18 Absolventinnen und Absolventen, größtenteils bereits engagiert oder mit festen Plänen für die Zukunft, hinterlassen auf jeden Fall ob der Kraft und der Talente ihrer tänzerischen Präsenz gute Eindrücke. Jetzt geht es darum, die persönlichen Choreografien ihrer weiteren Wege zu finden, denn darum geht es doch in dieser Kunst, die einzig durch die Ausdruckskraft der Körper etwas vermittelt von der Lust am Chaos und den spannenden Möglichkeiten des Umgangs mit dieser kreativen Unsicherheit.
Herzlich, bis Montag, Boris Gruhl

16.07.2012Kolumnen