Lunatscharskis Klavier perdu

Rezensionen

Lunatscharskis Klavier perdu

Es war wohl der Wunschtraum Michail Bulgakows, es seinem Kritiker Lunatscharski, der zu den einflussreichsten sowjetischen Kulturkommissaren zählte und ihn öffentlich lächerlich machte, auf eine besonders satirische Form heimzuzahlen. In seinem Roman „Der Meister und Margarita“ zertrümmert Margarita, als Hexe gesalbt, Wohnung und Klavier des Kritikers Latunski, und in der Bühneneinrichtung des Romans von Felicitas Zürcher, die am 11. Februar im Staatsschauspiel Dresden in der Regie von Wolfgang Engel Premiere hatte, wird das Klavier vor den Augen des Publikums krachend zerlegt.

Foto: Matthias Horn

Dabei spielt ein Klavier in diesem Stück eine große Rolle. Die ganze skurrile und gefährliche Truppe mit dem Teufel Voland (Matthias Reichwald), dem ellenlangen Korowjew (Philipp Lux), dem kleinen Kater Behemoth (Stefan Hanushevsky), Asasello (Dominik Schiefner) und Hexe Gella (Pico von Grote) rollt jedesmal mit einem Klavier, unter Absingen bekannter russischer Stücke, in die Szene, um im Moskau der 20er Jahre böse Verwirrungen zu stiften und andererseits dem verkannten und unterdrückten Schriftsteller, seinem abgelehnten Roman über Jesus und Pilatus sowie seiner Geliebten Margarita eine Wiedergutmachung verschafft.

Die Bühnenmusik ist fester Bestandteil der Inszenierung, gibt den betreffenden Szenen das Tempo vor und schafft z.T. eine eigene theatralische Ebene, wenn die Klänge des bekannten Walzers aus der Jazzsuite von Schostakowitsch für Volands Tanz mit Margarita während seines Frühjahrsballs durch allmähliches Verfremden mit gesampelten Frauenstimmen die teuflisch-erotische Atmosphäre immer deutlicher machen und den körperbetonten Tanz musikalisch herausfordern.

Thomas Hertel, von 1974 bis 1982 Leiter der Schauspielmusik am Staatsschauspiel und 1985 aus der DDR ausgereist, bringt gewisse Erfahrungen im Umgang mit der DDR-Diktatur mit.Er hat diese intelligente szenische Musik montiert, die u. a. mit bekannten sowjetischen „Schlagern“ spielt wie dem Säbeltanz, dem Walzer aus „Maskerade“ von Aram Khatchaturian oder dem Marsch aus der „Liebe zu den drei Orangen“ von Prokofjew. Man hört aber auch das bekannte Marschthema aus Schostakowitschs Leningrader Sinfonie. Mit Triola, Tuba oder Trompete (S. Hanushevsky) und Dominik Schiefner am Klavier klingen diese Sachen höchst verquer und untermalen den satirischen Grundton der bitterbösen Politparabel auf das stalinistische Russland und auf die durch Korruption, Machtmissbrauch und Unterwürfigkeit geprägte sowjetische Gesellschaft, in der Ansätze für die Herausbildung des „neuen Menschen“ nicht erkennbar sind.

Nicht verwunderlich, dass ein solcher Autor auf höchstes Misstrauen stieß, in übelster Wiese von den Drittrangigen verleumdet und beschimpft wurde, so dass er als Dramatiker keine Chancen hatte. Im sehr instruktiven Programmheft sind überdies zwei erschütternde Briefdokumente abgedruckt, in denen Bulgakow die Regierung der UdSSR und Stalin anfleht, ihn arbeiten zu lassen oder ihm die vorübergehende Ausreise zu genehmigen, was natürlich abgelehnt wurde. Immerhin verstarb der Autor, im Gegensatz zu manch anderen Künstlern, 1940 zwar eines natürlichen Todes, doch sicher an gebrochenem Herzen.

Wer noch in der DDR-Ausgabe des Verlages Kultur und Fortschritt von 1968, also unmittelbar nach dem Ersterscheinen 1966 in der Sowjetunion, in der auch für die Bühnenfassung verwendeten eindrucksvollen Übersetzung von Thomas Reschke das Nachwort liest, wird über die Beziehungen des Romans zur Stalin-Diktatur kein Wort lesen können. Da ist mehr von Dostojewskis, Gorkis oder Alexej Tolstois Romanfiguren und den „Faust“-Bezügen die Rede – aber vielleicht wäre die deutsche Fassung sonst auch nicht genehmigt worden; wer weiß.

 

Nächste Aufführungstermine: 21. Februar; 1., 9., 16., 24. März 2012

Besetzung:

Der Meister: Benjamin Höppner
Margarita: Nele Rosetz

Voland, der Satan: Matthias Reichwald
Korowjew: Philipp Lux
Behemoth, ein Kater: Stefko Hanushevsky
Asasello: Dominik Schiefner
Gella, eine Hexe: Picco von Groote

Michail Berlioz, Redakteur der MASSOLIT: Thomas Eisen
Iwan Besdomny, Lyriker: Thomas Braungardt
Der Kritiker Latunski: Sascha Göpel
Redaktionssekretärin: Vera Irrgang
Dwubratski, Schriftsteller: Dominik Schiefner
Steuermann George, Schriftstellerin: Vera Irrgang
Sagriwowa, Schriftstellerin: Picco von Groote
Verkäuferin: Vera Irrgang

Pontius Pilatus, Prokurator von Judäa: Matthias Reichwald
Jeschua Ha-Nozri, wandernder Philosoph: Thomas Braungardt
Levi Matthäus, ein Schreiber: Benjamin Höppner
Zenturio Marcus Rattenschlächter: Sascha Göpel
Afranius, Chef des Geheimdienstes: Thomas Eisen

Dr. Strawinski, Psychiater: Thomas Eisen
Oberschwester Praskowja Fjodorowna: Vera Irrgang

Jekaterina Bossowa, Hausverwalterin: Vera Irrgang

Bengalski, Conférencier: Sascha Göpel
Partschewski, ein Zuschauer: Thomas Eisen
Seine Frau: Franziska Hauer / Annabell Schmieder
Der vom ersten Rang: Marcus Horn / Steffen Liebscher

Kantinenwirt: Sascha Göpel

Ein Hausmädchen: Vera Irrgang
Ein Junge: Picco von Groote

Regie Wolfgang Engel
Bühne Olaf Altmann
Kostüm Michael Sieberock-Serafimowitsch
Musik Thomas Hertel
Dramaturgie Felicitas Zürcher
Licht Michael Gööck

15.02.2012Rezensionen