„Gisela!“ – merkwürdig, denkwürdig, besuchenswert

Rezensionen

„Gisela!“ – merkwürdig, denkwürdig, besuchenswert

Nein, man muss wirklich nicht Gisela heißen, um Gefallen zu finden an „Gisela!“ Ein Besuch dieser jüngsten Inszenierung an der Semperoper lohnt sich auch so. Wer hingeht, bekommt als Gegenleistung die neueste Oper von Altmeister Hans Werner Henze zu sehen, obendrein in der originären Dresdner Fassung, die erst kurz vor der Premiere fertiggestellt worden ist. Bis in die Endproben hinein soll der Maestro via E-Mail noch Hand angelegt haben. Zudem ist in der jahreszeitlichen Tristesse ein wohltuendes Stück Italianità zu erleben, das ganz von der Sehnsucht nach Schönheit und Süden geprägt ist.

Sehnsucht nach Schönheit und Süden – Nadja Mchantaf

Erst Ende September ist dieses gemeinsame Auftragswerk von Kulturhauptstadt Europa Ruhr.2010 und Sächsischer Staatsoper Dresden in der einstigen Maschinenhalle Gladbeck uraufgeführt worden. Dort war die Oper Bestandteil eines großen Henze-Porträts der Ruhrtriennale. Knapp zwei Monate danach zeigt nun die Semperoper ihre Version. Hans Werner Henze hat dazu noch nach der Generalprobe Details komponiert, gestrichen, ergänzt. Zur Premiere genoss er das Resultat mit sichtlicher Freude. Immerhin ist ihm gelungen, ein und derselben Oper gleich zwei Uraufführungen zu bescheren. Gravierender Striche und Änderungen sei Dank!

Italianità im grauen Sachsen

„Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“. Was für ein sperriger Titel! Und andererseits: Welche Leichtigkeit, sowohl im Sujet, in der Handlung, als auch in der Musik. Hans Werner Henze hat dieses Stück gemeinsam mit Michael Kerstan und Christian Lehnert verfasst, er zitiert sich darin auch selbst und bearbeitet Bach, um ein schillerndes Klangbild zu schaffen, dass der Glückssuche nachzuspüren vermag. Allein mit der Namenswahl seiner Protagonisten legt der Komponist eine Menge Spuren, um sie sogleich wieder zu verwischen. Die Titelheldin Gisela ist Kunstgeschichtsstudentin und kommt eben in Neapel an. Man denkt an Ingeborg Bachmann, aber auch an Henze selbst, der eine Zeitlang dort gelebt hat. Giselas Nachname ist Geldmeier – Henzes Mutter hieß Geldmacher, ein im Ruhrgebiet sehr verbreiteter Name – und sie kommt aus Oberhausen. Henze wurde 1926 in Gütersloh geboren und hat die Nähe zum Ruhrpott nie vergessen. Auch wenn er seit 1953 in Italien lebt, inzwischen in Marino nahe bei Rom, wo er längst heimisch geworden ist.

Gisela will glücklich sein (Fotos: Matthias Creutziger)

Ob seine Gisela je Heimat und Glück findet, bleibt in der Oper erst einmal offen. Sie reist mit ihrem Verlobten Hanspeter – also nicht etwa Hans Werner – nach Neapel und will glücklich sein. Das will auch Hanspeter, Student der Vulkanologie – als Abbild deutscher Tiefgründigkeit? –, der „seine“ Gisela am Golf von Neapel in den Hafen der Ehe führen will. Doch dazu kommt er nicht, denn die schwärmerische Frau ist längst dem Fremden(ver-)führer Gennaro Esposito erlegen, der nach Neapels Schutzpatron (Januar) benannt ist und dem Namen nach zudem auf die klösterliche Tradition der „Ausgesetzten“ verweist.

Also nur eine klassische Dreiecksgeschichte? Gisela, die junge Frau, zwischen zwei Männern, zwischen deutscher Beständigkeit und italienischer Leichtigkeit? Das wäre zu kurz gedacht. Hier geht es zwar auch um Menschen mit Sehnsüchten, die ihnen teilweise selbst noch unbekannt sind, Sehnsüchten ins Fremde, ins Offene hin. Aber es geht wohl auch um die Lebensgeschichte des Komponisten, die für ihn jetzt im Dreieck Marino – Gladbeck – Dresden gipfelt. Nicht nur der Text lässt derartige Ausdeutung zu, auch die Musik schwingt zwischen Bach-Bearbeitung, Selbst-Zitat und altersweisem Neu-Satz. Vielleicht zeichnet dieser zeitlebens so enorm produktive Komponist seine eigenen merk- und denkwürdigen Wege vom Glück hier noch einmal nach?

Gisela wird sich zum Schluss nicht binden, nicht binden lassen. Womöglich hat diese Konfrontation aus Sehnsucht und Fremdheit sie erst einmal emanzipiert, auf dass sie nun bereit sei, das wirkliche Glück zu suchen. Was auch immer das sein mag.

Sehnsuchtsort Flughafen (Gala El Hadidi, Ilhun Jung)

Die junge Regisseurin Elisabeth Stöppler und ihre Bühnenbildnerin Rebecca Ringst haben dafür sehr schöne Bilder gefunden. Sie wandeln die Semperoper zum Flughafengebäude. Stewards am Empfang, Stewardessen an Garderoben und Saaltüren. Fehlen nur Maizières Maschinenpistolen. Lautsprechergesäusel zum Einlass, eine riesige Abfertigungshalle dann auf der Bühne. Dahinter per Videoprojektion tatsächlich das Treiben eines Flugfelds.
In der Gladbecker Maschinenhalle hat ein Bahnhof herhalten müssen, das hätte Dresden auch passieren können, denn beide Inszenierungsteams haben sich nicht abgesprochen. Aber Stöppler sah in einem Flughafen nun mal den größeren Sehnsuchtsort – und Henze schien ergriffen, als er die Dekorationen erblickte. Dem Weltgereisten dürfte das Ambiente ja bestens vertraut sein.

Wie sinnvoll der Aeroporto Napoli als Ausgangspunkt von Giselas merk- und denkwürdigen Glückswegen ist, erweist sich vom ersten Augenblick an und vermittelt der pausenlos gespielten Oper von knapp eineinhalb Stunden Dauer ein gehöriges Maß an Dynamik. Dass dabei auch die Poesie nicht zu kurz kommt, ist Henzes Rückgriff auf die ihm nach wie vor sehr nahestehende Commedia dell’Arte zu danken. Und ohnehin dem Thema Glück und Liebe, das dieses Musiktheater prägt.

Farbenprächtig kostümiert und geschminkt (Kostüme. Frank Lichtenberg) wirbelt eine fantastische Artistengruppe die Touristentruppe der Teutonen auf und bespielt die kalte Geschäfts- und Werbewelt mit Schalk und Magie. Dem geben sich die deutschen Reisenden widerstandslos hin. Insbesondere Gisela und Hanspeter verfallen dem Bühnenzauber, freilich mit unterschiedlichster Konsequenz. Während er nicht für möglich halten will, dass ihm seine Traumfrau abhanden kommt, bangt sie um die Beständigkeit ihres Glücksgefühls. Beängstigende Traumszenen mit einer eruptiven Erwachensmusik à la Strawinskys „Sacre“ stellen für sie den eigentlichen Bezug zum Realen wieder her. Stimmungsvolle Videoeinspiele zeigen sie mit Gennaro im „Siebenten Himmel“, ein abgehobenes Kosen und Schmeicheln und Toben erfüllt sie. Den Boden dazu bereitet ausgerechnet die musealen Industrielandschaft von Ferropolis als konkreter Bezug zum Kohlerevier. Doch auch der gewaltige Bagger, saurierhaft, dient als Sinnbild für das Ausschöpfen von Vergänglichem.

Nadja Mchantaf und Giorgio Berrugi, beide recht neu im Ensemble, spielen sich ungezwungen jugendfrisch durch diese Szenen, Markus Butter als der gehörnte Vulkanologe Hanspeter bricht nicht etwa aus, sondern bezwingt seine brodelnden Gefühle in deutscher Kühle. Dass er ebenso wie sein Italo-Widerpart hingerissen ist von Gisela, macht neben ihrer natürlichen Ausstahlung nicht zuletzt der in jeder Lage unangestrengte Sopran von Nadja Mchantaf nachvollziehbar. Markus Butter überzeugt da nicht minder, ist in Spiel und Gesang mal deklamatorisch, mal völlig verzweifelt. Giorgio Berrugi spielt komödiantisch den Pulcinella, sein Gennaro ist draufgängerisch als Verführer und dann doch glaubhaft gebrochen, weil die emotionalen Wege und auch die zwischen Neapel und Oberhausen eben so merkwürdig sind. Sein Tenor strahlt vor Frische und zeigt starke Gestaltungsgabe.

Dieses Dreigespann gibt dem Abend inneren Sog, doch auch die weiteren Solisten sowie Staatsopernchor und Staatskapelle haben sich diesen Henze-Erfolg redlich verdient. Musikalisch geleitet von Erik Nielsen, einem erstaunlich jungen Dirigenten, der aus den USA stammt und derzeit in Frankfurt/M. Seine Karriere anstimmt, gelang hier eine überzeugende Dresdner Uraufführung.


Weitere Termine: 27., 28.11., 4.12.2010

Alle Giselas und Gieselas haben am 28. November um 20 Uhr freien Eintritt. Namensvetterinnen der Protagonistin sind eingeladen, eine Begleitperson mitzubringen, die eine Karte zum halben Preis erwerben kann. Karten gibts in der Schinkelwache am Theaterplatz unter dem Stichwort »Gisela! Tag«.

25.11.2010Rezensionen