Engagiert und lustvoll: Die letzte Semperopern-KOOP mit Dresdens Kunsthochschulen

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Engagiert und lustvoll: Die letzte Semperopern-KOOP mit Dresdens Kunsthochschulen

Kommt ein Fernseher zum Reitstall und sagt, er sei ein Auto. Niemand lacht. Die Pferde stärken den Witz, bis der Psychiater in den Sattel des 3. Programms gehievt wird. Absurd? Vielleicht hat ja nur jemand vergessen, den Stecker zu ziehen …

Zugegeben, dieser Einfall ist sehr abstrakt und kam bei der recht obskuren Doppelpremiere von „Dinner For One“ und „Der Narr im Waisenhaus“ am vorletzten Freitag Abend in der kleinen szene. Dieses Projekt war das wohl letzte KOOP-Vorhaben, das im Rahmen von KlangNetz Dresden die Staatsopern-Spielstätte auf der Bautzner Straße mit den Hochschulen für Musik und Bildende Künste sowie der Palucca Schule verbindet.

Gleich zwei Kammeropern zum Schluss! Künftig werden ähnliche Unterfangen, wenn überhaupt, im bislang gastronomisch genutzten Zweckbau am Zwingerteich abgehandelt. Einen Platz für solche Experimente sollte unbedingt erhalten bleiben, er steht der Musikstadt gut zu Gesicht und dient den Studiosi als Testlauf vor öffentlichem Publikum.

Zurück zum Fernsehapparat. Der bringt die Gäste einer WG-Party auf die Idee, den silvesterlichen Bestseller „Dinner For One“ in eigener Besetzung nachzudrehen. Varianten hat das britische Kultstück um Miss Sophie und Butler James schon viele erlebt, hier nun erneut eine Version mit dem im Original schon verblichenen Personal. Da kann die alte Dame den einstigen Draufgängern beim Dinner noch einmal begegnen, nur der dumme Diener sieht bald nicht mehr durch. Wer ist echt, lebt noch und will mit Sherry, Weißwein und Champagner bedient sein? Wo schlürft er lieber selbst am Glas oder über den unvermeidlichen Tiger? Das Stück ist so krude, dass aus dem gehäuteten Vorleger ein Plüsch-Elch geworden ist, der dem Durcheinander hoffnungslos ausgeliefert bleiben muss.

Nach der Pause –  der Film ist abgedreht und aller Spaß vorbei – wird das Tohuwabohu keineswegs geringer. Da gerät nämlich ein Mann ohne Eigenschaften, der auch noch seinen Namen vergessen hat, ausgerechnet in eine Klinik für kaputte Roboter. Er müsste eher in die Psychiatrie und besteht darauf, Mensch zu sein, in der Technikabteilung also nichts verloren zu haben, doch das sagen hier alle. Ein überarbeiteter Buchhalter, das ist schon komisch. Aber in einer Irrenanstalt zu behaupten, gesund zu sein, ist ganz und gar unglaubwürdig. Die Farce „Der Narr im Waisenhaus“ bewegt sich scharf zwischen köstlichem Klamauk und menschlichem Ausgeliefertsein in einer diktierenden, einer diktatorischen Welt. Die Motive zu diesem Libretto stammen vom heute fast vergessenen Autoren Gerhard Branstner.

Beide Kammeropern wurden von Martin Hecker verfasst. Der junge Komponist wurde beim „Dinner“  von seinem Lehrer Jörg Herchet betreut (dessen „Zueinander“ vor Jahresfrist am selben Ort erklang), die Mentorenschaft über „Der Narr“ übernahm Adriana Hölszky. So unterschiedlich die Themen, so variierte auch die Klangsprache. Nonverbale Laute verbinden beide Stücke, verdeutlichen die Identität der Protagonisten und konterkarieren das Orchestermaterial. Dort finden sich kaum Melodiebögen, sondern mehr Überblendungen, wie um den Inhalt zu charakterisieren. Einleuchtend, dass Miss Sophie eher von szenischen Akkorden und die Roboter stärker elektronisch geprägt sind. Eine erkennbar eigene Handschrift wird sich Hecker noch suchen.

Unter Paul-Johannes Kirschner und mit Instrumentalisten des Hochschul-Sinfonieorchesters wirkte die Premiere intensiv studiert. Gastregisseurin Mascha Pörzgen fand sowohl für das Ensemble als auch für die knappe Spielfläche raumgreifend Ideen, um die beiden Kurzopern ohne Spannungsabfall am Laufen zu halten. Vor allem im „Dinner“ gelangen Slapsticks (ein wunderbares Wiedersehen mit Maik Hildebrandt als schussliger James, der auch mal wie ein Kentaur über die Szene gerät) und nahtlos Stimmung. Auf dieser Höhe konnte es im Waisenhaus nicht weitergehen, obwohl die jungen Sänger-Darsteller und Mimen allesamt höchst engagiert und lustvoll zu Werke gingen. Sie bewegten sich in der Ausstattung von Felicia Schick und Lilith-Marie Cremer spielerisch und sangen wohlpräpariert.

Ob dem Buchhalter die neuerliche Menschwerdung gelang, soll hier nicht verraten werden. Bei der Frage „Sind denn hier alle verrückt?“ schließt sich der Kreis. Die treffsichere Idee der WG-Party klammert das Doppelprojekt, das am Donnerstag zum letzten Mal aufgeführt wird, alle Rätsel aber gewiss gar nicht lösen will.
 
Letzte Aufführung: 18.3.2010, 20 Uhr
kleine szene, Bautzner Str. 107

Eine Textfassung des Artikels ist am 8.3. in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

15.03.2010Allgemein