Vox humana – Matthias Brauer war mit dem Choeur de Radio France in Dresden zu Gast

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Vox humana – Matthias Brauer war mit dem Choeur de Radio France in Dresden zu Gast

Der Choeur de Radio France zu Gast in der Frauenkirche (Foto: A.W.)

Mit einer kleinen Besetzung (34 Sänger) des Choeur de Radio France war der frühere Chordirektor der Semperoper, Matthias Brauer, in seiner Geburtsstadt zu

Gast. Ob das fantastisch anspruchsvolle Programm die Konzertbesucher abschreckte? Das Mittelschiff der Frauenkirche war nicht ausverkauft, die Seitenschiffe blieben leer, auch auf den Emporen ungewohnt viele freie Plätze. Das anwesende Publikum bewies sich und dem Chor freilich zwei Stunden lang herzlich, fast trotzig Präsenz; trotz einer freundlichen Bitte der Veranstalter wurde fast nach jedem Satz, nach jedem Lied sofort geklatscht. Überhaupt deutete das allgemeine Lautstärkelevel – Gläser fielen um, Türen schlugen – vielleicht auf eine inhaltliche Überlastung des Publikums hin? Tatsächlich erforderten die Werke Gounods, Poulencs oder Thierry Escaichs ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, wollte man wenigstens einen Teil der Worte verstehen. Der sehr weiche Chorklang, die hörbar vibrierenden Frauenstimmen, die in der Höhe bisweilen etwas eng zu werden drohten, waren vielleicht zuerst gewöhnungsbedürftig für manche kreuzchorgestreichelte Ohren.

Höhepunkt der klugen Dramaturgie des Abends waren vier Motetten über gregorianische Themen (Komponist: Maurice Duruflé), zwischen denen der Versailler Organist Christophe Henry ausgreifend improvisierte. Die atemberaubend plastischen Klangkaskaden griffen jeweils noch einmal auf die lateinischen Motettentexte zurück, bereicherten und kontrastierten die Ausdruckskraft der Chorstimmen um Streicher- und Bläserregister. Das „Amen“ des »Tantum ergo sacramentum« pulste wie ein zeitloser Herzschlag durch die blutschwere letzte Improvisation: herrlich!

Als ob es dann nach Maurice Duruflés vertrackter „Toccata“ für Orgel solo einfach nichts mehr zu sagen gäbe, schickte sich das Publikum an zu gehen. Widors „Tu es Petrus“ hörte es schnell noch in Hut und Mantel stehend an, auch eine vom Chor brillant artikulierte Zugabe wurde noch gegeben – dann zerstreute man sich zur Erholung in die benachbarten Etablissements.

Anders Winter

(Eine Textfassung des Artikels ist am 10.3.2008 in der Sächsischen Zeitung erschienen. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

12.03.2008Allgemein