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„…und es kommt der Tag, da wir dich kennen werden…“

Zum Tod des Komponisten Lothar Voigtländer (1943 – 2026)

Foto: PR (Quelle: www.lothar-voigtlaender.de)

Zum Tod des Komponisten Lothar Voigtländer (1943 – 2026)

Der oben zitierte Satz des französischen Dichters Eugène Guillevic in der Übersetzung von Paul Wiens bezieht sich auf die Erde, in „die wir eintreten dürfen uns dir zu vermählen“. Aber: „Unser Gesang weiß mehr als wir von der Erde, vom Tod… – und er wird sein unser Gesetz.“

Die Worte finden sich und sind zentraler Bestandteil des Oratoriums »MenschenZeit« von Lothar Voigtländer, uraufgeführt 2007 von der Singakademie und Sinfonietta Dresden und nochmals erklungen und auf CD produziert im Jahr 2014 mit Ensembles der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden und wiederum der Singakademie, beide Aufführungen standen unter Leitung des Autors dieser Zeilen.

Wie aus der Familie des Künstlers mitgeteilt wurde, ist Lothar Voigtländer am gestrigen Abend, dem 4. Juli 2026, nach langer Krankheit in seiner Wahlheimat Berlin verstorben.

Geboren am 3. September 1943 in Leisnig, war der Komponist von 1954 bis 1962 Mitglied und Chorpräfekt im Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger, der ihn bereits erste eigene Kompositionen musizieren und dirigieren ließ. Von 1961 bis 1968 schloss sich ein Studium des Dirigierens bei Rolf Reuter und der Komposition bei Fritz Geißler an der Leipziger Musikhochschule an. Kurz danach wirkte er als Chordirektor und Kapellmeister am Theater der Altmark in Stendal. Von 1970 bis 1972 war er Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR bei Günter Kochan.

Seit 1973 arbeitete Voigtländer freischaffend in Berlin, gründete verschiedene Kammermusik- und Konzertreihen, deren Titel bereits die avancierten Ideen hinter den Aktivitäten verraten: „Lange Nacht der elektronischen Klänge“; „Time-Code“; „Zeit-Klänge“. Multimediale Performances, die Zusammenarbeit mit Malern, Bildenden Künstlern und Choreographen in multimedialen Projekten prägten diese in einer Zeit restriktiver Kulturpolitik aufrüttelnden Initiativen. Gemeinsam mit Georg Katzer gründete er 1984 die Gesellschaft für elektroakustische Musik. In diese Zeit fallen auch Studien elektro-akustischer Musik in Bratislava und Budapest, die Arbeit in diversen internationalen Studios auf Festivals in Bourges, Zürich, Basel, Hilversum und Freiburg (WDR) sowie an der Akademie der Künste in Berlin. 1992 erhielt er eine Gastprofessur an der Universität von Paris, war von 1990 bis 1996 Vorsitzender des Komponistenverbandes Berlin, Mitglied des Bundesvorstandes des Deutschen Komponistenverbandes und Stellvertretender Vorsitzender des Werkausschusses der GEMA. Seit 2001 hatte Voigtländer eine Honorarprofessur für Komposition an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden inne und war von 2006 – 2016 Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA. 2015 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Voigtländer hinterlässt ein umfangreiches Œuvre, darunter drei Sinfonien und ebenso viele »Orchestermusiken«. Unmittelbar vor und nach den Ereignissen von 1989 entstanden zwei Sinfonien. Während die „Dritte“ von Radio Bremen bestellt und tatsächlich 1990 als ein wichtiges Statement der Moderne aus dem Osten von Klaus Bernbacher, dem Organisten Zsigmond Szathmáry sowie dem Philharmonischen Staatsorchester Bremen uraufgeführt wurde, musste die »Harfensinfonie«, ein Auftrag des heutigen Konzerthausorchesters, für deren damalige Solo-Harfenistin Katharina Hanstedt geschrieben und noch vor dem Mauerfall entstanden, über 35 Jahre auf eine Realisierung warten. Innerhalb der Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik erklang das Stück mit der Harfenistin Alma Klemm, der Elbland Philharmonie Sachsen unter Leitung des Autors, der zu dieser Zeit Chefdirigent des Orchesters war.

Bedeutende Impulse hat Voigtländer sowohl im kammermusikalischen Bereich hinterlassen, den er immer wieder neuen Medien wie der Elektronik öffnete. Aber er vermochte es ebenso, singbare Chormusik zu schreiben, darunter drei Bände »Trällerlieder« für Kinderchöre, deren Notenmaterial beim Verband der Deutschen KonzertChöre VDKC in Weimar liegt.

Voigtländer liebte die grellen Farben ebenso wie die pastellenen Töne. Dunkle schwarze Löcher wechseln sich ab mit aufflammenden Eruptionen, oft entsteht der Eindruck des Vegetativen, die Struktur ist manchmal nur zu ahnen, kantig und rau das Material, dann wieder voller Zartheit. Das Publikum ließ sich von dieser Art zeitgenössischer Musik jederzeit mitnehmen! Nach der Uraufführung von »MenschenZeit« brach aus einer begeisterten Kehle ein „Boah!“, deas den Eindruck entstehen ließ, da habe jemand über 45 Minuten die Luft angehalten.

Nicht vergessen werden dürfen seine Studierenden, zu denen in Dresden u. a. Tomaz Bajzelj, Nana Forte, Michael Jordan, Nina Šenk, Vito Zuraj und Karoline Schultz zählten. Albrecht von Massow in Weimar und Matthias Herrmann in Dresden haben inzwischen umfangreiche Monografien und Materialien über den Komponisten vorgelegt. Sein kompositorischer Nachlass wird in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrt.

Wir werden Lothar Voigtländers kreative, vegetativ strukturierte Emotionalität nicht vergessen!

„Va, fleur, avance!“ (E. Guillevic)