Von Rapperswil nach Dresden und zurück

Unterhalb des Alpenpanoramas erhebt sich das Städtchen Rapperswil mit Burg und Kirche auf einem Felsen aus dem Zürichsee (Foto: Christoph Münch)

Text und Fotos: Christoph Münch

Eine Burg, ein Kloster und eine Pfarrkirche. Darunter eine idyllische kleine Altstadt mit Terrassenrestaurants. Beim Apéro kann man den Blick auf die kleinen Yachten und die Linienschiffe schweifen lassen, die vor dem eindrucksvollen Hintergrund der schneebedeckten Alpen warten, um auf dem Zürichsee ihre Bahnen zu ziehen. Das schmucke ruhige und gleichzeitig geschäftige Rapperswil, das seit seiner Zusammenlegung mit dem Nachbarort Jona insgesamt rund 27.000 Einwohner zählt, ist historisch eng mit Dresden verbunden. Das dreitägige Franz-Curti-Festival vom 29. April bis 1. Mai 2022 machte dies mehr als deutlich.    

Drei Tage feierten die feine Gesellschaft von Stadt, Kanton Sankt Gallen und den Nachbarorten, bis hin zum Abt des in der Nähe gelegenen Klosters Einsiedeln, sowie Musikfreunde aus der Schweiz und auch aus Deutschland einen Musiker, der einerseits in Rapperswil seine familiären Wurzeln hatte, aber in Dresden den Großteil seines Lebens verbrachte und hier alle seine bedeutenden Werke schuf. 

Franz Curti in Dresden

Franz Curti (1854-1898) kam bereits als 7-Jähriger nach Dresden. Sein Vater, Anton Curti, hatte es geschafft, Sänger des Dresdner Hoftheaters zu werden und sogar an der Uraufführung des »Tannhäuser« von Richard Wagner mitgewirkt. Bei allen Lebensstationen waren Rapperswil und Dresden, wo er sich 1880 als Zahnarzt endgültig niederließ, die Orte, die ihn am stärksten prägten. Er heiratete die Tochter des Dresdner Kunsthistorikers Friedrich von Bötticher. In Dresden wurden auch die vier Kinder des Paars geboren. Zunächst wohnte die Familie in der Johannstädter Rietschelstraße 1. Auch sein pensionierter Vater wohnte in Dresden, wo er noch als Gesangslehrer tätig war: in der nur fünf Minuten entfernten Schulgutstraße 9 und zwei Jahre später in der nicht mehr existierenden Serrestraße 1 nahe dem Pirnaischen Platz. 1887 zog Curti mit seiner Praxis in die Moritzstr. 17. 

Das Dresdner Adressbuch von 1889 bezeichnet ihn erstmals als „Zahnkünstler a[uch].Komponist“. Denn in Altenburg hatte er mit der Uraufführung seiner Oper »Hertha« einen solchen Erfolg, dass er vom dortigen Herzog mit einem Orden ausgezeichnet wurde, was auch in Dresden nicht unbemerkt blieb. Dennoch, der Dresdner Tonkünstlerverein verwehrte ihm die Aufnahme: Zahnärzte könnten kein Mitglied der ehrenwerten Musikinstitution werden…

Franz-Curti-Straße in Oberloschwitz (Foto: Christoph Münch)

Am ersten April 1892 verlegte Curti seinen Wohnsitz in die Prager Straße 14. und 1895 in die erste Etage der nicht mehr existierenden Marschallstraße 8 – heute steht auf genau dieser Stelle der Wohnblock Steinstraße 1. Etwa gleichzeitig erwarb er die kleine Villa Friedau, Malerstraße 13 in Oberloschwitz. Hier entstand seine Oper »Lili-Tse«, in der Curti – vier Jahre vor Puccinis »Madama Butterfly«- den Aufprall von westlicher und japanischer Kultur thematisierte. Sie war sein vielleicht größter Erfolg und wurde auch an der Metropolitan Opera in New York, in Boston und Chicago aufgeführt. In Loschwitz vollendete er auch seine Oper »Das Rösli vom Säntis«, die im Rapperswiler Festival nach vielen Jahrzehnten erstmals wieder zum Erklingen gebracht wurde.

Die Uraufführung am Züricher Stadttheater erlebte Curti nicht: er verstarb wenige Tage zuvor an einer Lungenentzündung, die er sich in Oberloschwitz bei der Gartenarbeit zugezogen hatte.  Die Dresdner Nachrichten widmeten ihm einen Nachruf: „Mit ihm ist ein reiches Talent erloschen, ohne die redlich verdiente Anerkennung gefunden zu haben, denn leider zählte er zu jenen seltenen Künstlern, denen es nicht gegeben ist, um die Gunst hoher Protektoren zu betteln und um den Beifall der Menge zu ringen. […] Bedeutend waren seine sinfonischen Arbeiten, von denen einige die Auszeichnung erfuhren, in den Sinfonie-Concerten der Königl. Kapelle aufgeführt zu werden, und ganz hervorragend war Curti auf dem Gebiete der Chorkomposition.“ Der Rezensent würdigte den Musiker, in dessen „Opern-Partituren mehr Talent und Musik steckt, als in mancher sogenannten Musiktragödie. Und dabei mußte der beklagenswerthe Künstler das tägliche Brot auf ganz anderem Gebiete suchen und verdienen, denn als Komponist hätte er leider nicht annähernd die Mittel gefunden, seine zahlreiche Familie zu ernähren. So war er des Tages über als Zahntechniker fleißig und thätig und nur in der übrigen Zeit, meist Nachts, konnte er seiner über alles geliebten Kunst dienen. Sein Tod wird die Dresdner Künstlerkreise schmerzlich berühren, denn er war nicht nur ein wirkliches Talent, sondern auch einer der liebenswürdigsten, ehrlichsten und rechtschaffendsten Menschen!“

Das Medaillon, das einst Curtis Grab auf dem Tolkewitzer Friedhof zierte, ist nun am Rapperswiler Fischmarktplatz angebracht (Foto: Christoph Münch)

Nach Curtis Tod, erreichte seine Frau, dass ein nahe der Villa Friedau gelegener Weg „Franz-Curti-Straße“ benannt wurde. Der Dresdner Bildhauer Richard Daniel Fabricius schuf das Medaillon für Curtis Grab auf dem Tolkewitzer Friedhof. Als dieses aufgelöst wurde, verwahrten es die Nachkommen. Seit April 2022 schmückt es die Wand eines mit der Familie verbundenen Hauses auf dem Rapperswiler Fischmarkt. Der Blick des Dresdner Musikers, der in seinem Herzen immer ein Rapperswiler war, ist auf den Zürichsee gerichtet, auf dem man eine Insel erkennen mag, die Curti 1898 in seiner Mittelalter-Oper »Reinhard von Ufenau« musikalisch würdigte. Nur wenige Schritte sind es zum Curti-Platz, an dem eine Tafel an weitere Persönlichkeiten aus der einst aus Mailand in die Schweiz eingewanderten Familie erinnert.

Die Curti Pflege

Nach Angaben der NZZ vom 21.12.1906 ging der Curti-Nachlass weitgehend an den Musikverlag Josef Günter. Dieser Verlag war bis 1939 in der Ziegelstraße nachgewiesen. Ab 1940 steht in den Adressbüchern der Musikalienhändler Franz Bartl. Es ist anzunehmen, dass Josef Günther im Rahmen der Arisierung seinen Verlag verloren hat. Das Gebäude und wahrscheinlich auch das Verlagsarchiv wurden am 13. Februar 1945 vollständig zerstört. Die musikalisch interessierten Nachkommen Curtis konnten sich nicht damit abfinden, dass das Werk Ihres Vorfahrens in Vergessenheit geriet. Vor allem Jean Marie Curtis sammelte die erhaltenen gedruckten Werke in Bibliotheken und dirigierte 2008 auch ein großes Konzert. 

Einige Originalhandschriften und Druckausgaben wurden in einer kleinen Curti-Ausstellung gezeigt (Foto: Christoph Münch)

Das Festival

Der erste Abend des Festivals in dem stimmungsvollen Saal der Rapperswiler Burg mit Blick auf den Zürichsee machte die Bedeutung Curtis für die Schweizer Musikgeschichte und auch die Verbindungen nach Dresden deutlich. Die Musikwissenschaftler Basil Vollenweider und David Schwarb moderierten lebendig und im Wechsel zwischen Schwytzerdütsch und Hochdeutsch durch das Leben und Werk Curtis. Die Rapperswiler Sängerin Sybille Diethelm brachte mit ihrem schlanken Sopran einige Lieder zu Gehör – mit dem notwendigen romantischen Gestus, ohne dabei je ins allzu Sentimentale abzugleiten.

Über die Hälfte seines Schaffens hatte Franz Curti Männerchören gewidmet. Dass vieles davon auch heute noch wert ist, gesungen zu werden, zeigte der Männerchor Alpstee Brülisau im Anschluss. Schließlich wurde, ebenfalls begleitet von der Pianistin Fabienne Rober, eine moderierte Kurzfassung der Oper »Reinhard von Ufenau« gegeben, ein Werk, das aufgrund seines Librettos von der damaligen Kritik zerrissen wurde. Während sich die bisweilen an Richard Wagner erinnernden Melodielinien und musikalische Dramatik Zeugnis von Curtis kompositorischer Intuition und Meisterschaft abgaben, so musste sich der Zuhörer die Farbigkeit des Orchesterklangs hinzudenken.

Umso stärker wurde dies bei der konzertanten Aufführung der Oper »Das Rösli vom Säntis« deutlich, zumal Patrick Froesch in seiner Doppelrolle als Pianist und Co-Dirigent – neben dem künstlerischen Leiter Jean-Marie Curti bei der Ouvertüre wenig Gestaltungswillen zeigte und diese daher sehr blass wirkte.

Überzeugend war die Sängerbesetzung, vor allem Yanis Benabdallah als Franz. Sein Freiheitsgesang geriet zur mitreißenden Suggestion, sein Liebesduett mit Rösli zu dramatischer Leidenschaft italienischer Manier. Die lyrische Sopranistin Anne-Cécile Laurent als Rösli konnte ebenfalls stimmlich überzeugen. Mit warmen Timbre gestaltete sie bestens die Facetten der Rolle vom unschuldigen, gehorsamen und verstoßenen Mädchen zur leidenschaftlich Liebenden. Ein besonderer akustischer Genuss war Sara Gos in der Rolle von Röslis Bruder Hansel. Ihr Soubrettensopran entfaltete sich besonders in der Szene, als Hansel im Säntisgebirge nach seiner Schwester sucht, jodelnde Rufe nur auf das dreifache Echo stoßen und er sich mit einem heimatlichen Lied Mut macht, bis er schließlich auf Rösli trifft.

Curtis Oper greift das Flair der rauen, einsamen Schweizer Bergwelt auch musikalisch auf. Mit Hörnern, Glocken und Zithern wird die Musik folkloristisch unterstützt, dazu ein Leitmotiv, das mehrfach erklingt und dem Zuhörer noch über die Veranstaltung hinaus im Ohr bleibt. Die fehlende Bühnenaktion wurde im Rahmen des Festivals kongenial durch Jean-François Baudé ersetzt, der life mit Kohlestiften Bühnenhintergründe und Szenen entwarf, verwischte, veränderte und neugestaltete, was live auf einen großen Bildschirm übertragen wurde. Aufgrund der Länge des Werks und des späten Beginns des Konzerts wurde leider die Schlussszene kurzerhand gestrichen. Wie erst müsste diese Oper wirken, wenn sie mit vollem Orchester in der Bergkulisse der Felsenbühne Rathen aufgeführt würde! 

Die Mitwirkenden der Aufführung von Curtis Oper „Das Rösli vom Säntis“. Rechts Nachkomme und künstlerischer Leiter des Festivals Jean-Marie Curti (Foto: Christoph Münch)

Den Abschluss des Festivals bildete die Aufführung der dramatischen Kantate »Die Gletscherjungfrau«. Die Handlung ist eine Schweizer Version der Tannhäuser-Geschichte. Über 130 Mitwirkende drängten sich unter der musikalischen Leitung von Grégoire May und Jen-Marie Curti in den Kreuzsaal Jona. Leider konnte der Rezensent diese Aufführung nicht besuchen. Eine existierende Aufnahme der des ersten Teils, die Jean-Marie Curti 2005 in Genf eingespielt hat, deckt Schönheiten wie Schwächen des ersten dramatischen Werks von Franz Curti auf: noch wechseln sich hier in der Komposition übertriebenes Pathos und zu starke Leichtigkeit ab.  

Insgesamt bot das Curti-Festival auch mit den reduzierten Fassungen der großen Opern einen hervorragenden Eindruck vom Werk dieses Dresdner Komponisten, der seine Schweizer Heimat immer im Herz bewahrte. Es machte deutlich, wie wichtig es wäre, das Werk Franz Curtis in dessen zweiter Heimat Dresdens neu zu entdecken.

Der Rapperwiler Hauptplatz mit Franz Curti Ehrung (Foto: Christoph Münch)