Der Fotograf ohne Aluhut

Kolumnen

Der Fotograf ohne Aluhut

Wer sich noch nie einen Knochen gebrochen hat, mag durchaus dem Glauben anhängen, das menschliche Knochengerüst sei unzerbrechlich. Doch es wäre zumindest unfein, dies in Gegenwart eines frisch bandagierten Zeitgenossen zu äußern. Und auch, wer  sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen (bei Treppen auf die Stufen achten, das Geländer nutzen, Glatteis nicht als Dauerlaufbahn nutzen …) einen bis dahin unglaublichen Beinbruch zugezogen hat, würde doch dann nicht unbedingt gegen die dann eingeschränkte Bewegungsfreiheit protestieren, oder?

Mitunter ist es erstaunlich, welch simple Analogien uns doch die Augen öffnen können. Denn just bei einer ganz offensichtlichen Pandemie gibt es Tendenzen ausgeprägten Nicht-Wahrhaben-Wollens. Mitunter werden die sogar auf öffentlichen Plätzen verbreitet. Bei solchen Aufmärschen immer wieder gern missbraucht: die Semperoper als wohlfeile Kulisse. Dort war der Dresdner Fotograf Matthias Creutziger viele Jahre lang so gut wie zu Hause. Er hat Opern und Konzerte fotografiert, Porträts von Künstlerinnen und Künstlern, folgte seiner Leidenschaft vor allem auch für den Jazz und fotografierte auf fast allen Kontinenten der Welt. Entstanden ist ein künstlerisches Konvolut der Zeitzeugenschaft von einmaligen Momentaufnahmen.

Nach einer Covid-19-Erkrankung im vergangenen Jahr arbeitet er wieder. Muss jedoch auch zur Kenntnis nehmen, dass Corona mitunter negiert wird, leichtfertig abgetan oder gar absichtsvoll verklärt. Obwohl der Fotograf – verständlicherweise – über etwas derart Privates wie seinen wochenlangen Krankenhausaufenthalt nicht öffentlich reden wollte, hat er es doch getan, um auf die realen Gefahren des Virus aufmerksam zu machen. Denn mit Zynismus, Verdrängung oder gar Verleugnung ist dem nicht beizukommen. Matthias Creutziger begegnet solchen Ansichten sehr ernsthaft, allerdings auch mit Humor: „Wenn ich gewusst hätte, dass ein Aluhelm reicht, um sich vor Corona zu schützen, hätte ich das natürlich gemacht. Aber auf diese Idee bin ich nicht gekommen.“

Jetzt ist über seine Erfahrungen ein Feature des MDR entstanden, das nicht zuletzt angesichts der äußerst hohen Infektionszahlen auch aufklären soll. Die Erstsendung der Produktion »Nach Corona begann für mich ein neues Leben – Protokoll einer Krankheit« gibt es am 23. Januar um 9.05 Uhr im Programm von MDR Kultur. Nachzuhören ist dieses Stück auch in der ARD-Mediathek.

22.01.2021Kolumnen