Weichenstellungen in Dresden

Kolumnen

Weichenstellungen in Dresden

Naja, Inzest und Blaublut wünschen wir uns nun ganz bestimmt nicht zurück. Auch wenn sich selbst im 21. Jahrhundert immer noch mehr als genug Menschen als possierliche Hofschranzen schier adelsgeil gebärden und gar nicht devot genug zu Kreuze kriechen können. Dresden ist und bleibt nun mal die Stadt des ewigen Gestern.

Dennoch werden in diesen Tagen Weichen gestellt für die Zukunft. Die Intendantin der Dresdner Philharmonie beispielsweise darf sich freuen, für weitere sechs Jahre in ihrem Amt zu verbleiben. Den derzeitigen Chefdirigenten des Orchesters, der diesen Klangkörper gerade mal wieder recht unermüdlich durch schwierigen Zeiten begleitet, dürfte sie damit – mit wem auch immer an ihrer Seite – im Amt überdauern. Und auch der Musikfestspiel-Intendant Jan Vogler hat vor einigen Tagen seine Vertragsverlängerung mit der Stadt unterzeichnet. Bis 2026 wird er den 1978 gegründeten Festspielen nun vorstehen.

An der Sächsischen Staatsoper sieht die – vorerst nur kurzfristige – Weichenstellung ein wenig anders aus. Da wird bis Ende Oktober geplant, sind nun 45 überwiegend konzertante und auf 90 pausenlose Minuten eingekürzte Vorstellungen festgezurrt worden. Die Karten dafür, jeweils maximal 330 Menschen dürfen der sogenannten „Semper Essenz“ beiwohnen, werden seit 7. Juli verkauft. Für November hofft man auf eine Rückkehr zum normalen Spielbetrieb. Notfallvarianten (vielleicht kommt die zweite oder dritte Vitamin-C-Welle ja doch) seien schon in der Schublade, versichert der Intendant.

In der freien Szene sieht das ein wenig anders aus, denn da kennt man sich seit vielen Jahren mit dem Notfall und den Varianten bestens aus. Doch just in den aktuellen Nöten dürfen ausgerechnet ein Grünkohlkönig und zwei Event-Entertainer darüber entscheiden, wie Dresdens Kultursommer ausschauen und sich anhören darf. Selbstherrlich undemokratisch wie zu augustäisch-saxonischen Zeiten wurden die damit verbundenen Gelder – wie einst vom dickwanstigen Blaublut – vergeben und darüber entschieden. Aufgebracht freilich wurden sie von der arbeitenden Bevölkerung.

Dafür soll es nun ab morgen täglich von 13 bis 18.30 Uhr Häppchenkost in der Stadt geben. Sie wird somit von der sächsischen Kunst- und Kulturmetropole zur angehäuften Eventinsel mit weißen Pagoden mutieren. Ein steuerteuer bezahlter Schrumpfungsprozess. Doch wer dem König am lautesten zu hofieren versteht und kräftig nervend in Ohren liegt, wird schließlich am ehesten bedient. Schließlich will auch ein Kronenkopf gerne mal seine Ruhe haben.

Mit fatalen Folgen: Kunst für umsonst vorm Kulturpalast – wer geht da noch in die Herkuleskeule? Süßes Naschwerk mit Unter-Haltung stillt dann womöglich den Heißhunger auf satte Kunst und Kultur. Prost Mahlzeit.

Die Staatskapelle hingegen besann sich auf ihre Wurzeln als Königlich-Sächsische Hofkapelle, zog gleich ganz in die Musensohn-Tempelanlage ein und krönte ihr Abschlusskonzert der coronösen Spielzeit mit einer Übertragung aus der Semperoper in den Zwinger. Der Landesfürst höchstpersönlich eröffnete den Beethoven-Reigen.

22.07.2020Kolumnen