Ein Text ohne das C-Wort

Kolumnen

Ein Text ohne das C-Wort

Wer das böse C-Wort nicht mehr hören und lesen mag, soll hier ein klein wenig getröstet sein: Dieser Text verzichtet auf den virulenten Begriff, versprochen! Um die Folgen dieser kleinstteiligen Massenware aus dem mehr roten als gelben Lande mit C kommen wir allerdings nicht herum, so gerne wir würden.

Die Spielzeit 2019/2020 geht als eine gestrichene Spielzeit in die Geschichte ein. An immer mehr Häusern ist sie das schon: Geschichte. Ungehörte Geschichte! Unerhört obendrein. Saisonende mitten im Frühjahr, das gibt’s ja nicht mal im angelsächsischen Raum. Nun aber nahezu weltweit. Weltweit und zeitgleich, Globalisierung hatten wir uns deutlich anders vorgestellt.

Kein »Don Carlo« in Dresden, kein konzertanter »Fidelio«, die Musikfestspiele sind abgesagt und nicht einmal Winnetou wird vor den Toren der Stadt herumreiten. Wo die Leuchttürme erloschen sind, können sich die Bojen und Baken nicht einmal mehr selber bespiegeln. Lichtlose Stille allüberall.

Doch nein, ein paar aufrechte Musikmenschen lassen nicht locker. Sie streamen, was das Zeug hält, aus Wohn- und Badezimmern, mit Vogelkäfig und Kindergeschrei. Einige streamen solistisch, andere gar im Verbund. Da entstehen ganz neue Klanggebilde und Netzwerke. Andere bleiben nach wie vor dem Live-Modus verbunden und musizieren an offenen Fenstern, von Balkonen und Dachterrassen herab. Selbst einige Straßenmusikanten wagen sich zaghaft wieder aus dem verordneten Schweigen hervor und nutzen beispielsweise den Hall unter alten und neuen Flussbrücken, um abstandsvoll lauschenden Elbtalbewohnern die die mehr oder minder ausgegorenen Früchte ihres Könnens zuzuwerfen. Der weisen Erfindung des Echos sei Dank.

Doch nun mal ehrlich: Auch wenn die sächsische C-Partei nur einen Tag nach dem die bundesweite Einheit beschwörenden Machtwort der C-Kanzlerin wieder Alleingänge startet, wobei offiziell natürlich von keinerlei Dissonanzen die anschwellende Rede sein darf – allmählich geht uns die tonlose Disharmonie doch schwer aufs Gemüt. Oder nicht?

Da nützt aber keinerlei Kaffeesatzleserei, auch der Blick in Glas- und Kristallkugeln ist zwecklos; hier hilft nur Geduld. Kein Herumposaunen von möglichen Auswegen, nicht die Trompeten von Jerichow, um nun den Oberen Protest zuzuflöten, schon gar kein teutonischer Trommelwirbel auf Straßen und Plätzen, der eines mehr als verzehnfachten Polizeischutzes bedarf.

Nein: Geduld und Ruhe und das Besinnen auf die eigene Stimme. Die kann ein Stück Hausmusik zelebrieren, das geht ganz harmonisch, wenn nur der richtige Ton getroffen wird. Wer jetzt bereut, beim Klavier-, Geigen- oder Triangelunterricht zu früh das Handtuch geworfen zu haben, darf sich der eigenen Stimmkraft erinnern. Sollten bei einer derartigen Gelegenheit die Vermieter auf Eigenbedarf, die Nachbarn auf Räumungsklagen oder die Liebsten gar auf Liebesentzug drängen, dann bleibt immer noch der Griff ins eigene Schallplattenregal. Wer hat sie noch, die guten alten Rillenträger aus Vinyl? Zumindest ein paar Compact-Disks dürfte es ja wohl noch geben, die eingelegt werden können, um professionell für ein Stück Ewigkeit produzierten Kunstwerken zu lauschen.

Um all diesen Medien wieder einen Sinn zukommen zu lassen, empfiehlt Ihnen Musik in Dresden in diesen Tagen und Wochen in unregelmäßiger Folge herausragende Aufnahmen. Das können mal legendäre Einspielungen aus der Vergangenheit sein, mal Referenzaufnahmen, mal Neuerscheinungen, die den Markt bereichern und / oder nur austesten wollen.

Daher sagen wir nicht ab, sondern: auf bald.

24.04.2020Kolumnen