Ruf aus Amerika

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Ruf aus Amerika

Man müsste mit Blindheit geschlagen sein, wenn man meinte, alles Gute käme aus Amerika. Wer in dieser Aussage ausschließlich die von den U.S.A. über die Welt gebrachten Segnungen meint, dem sei ein Blick in Geschichts- und Geografiebücher empfohlen.

Doch auch die These, das einzig Gute aus den U.S.A. sei der Jazz, entspricht nur einer eingeschränkten Wahrnehmung. Schließlich ist der Jazz ohne seine afrikanischen Wurzeln nicht denkbar.

Wo aber können sich die unterschiedlichen Ansichten treffen?  Vielleicht beim morgigen Dresden-Konzert des großen amerikanischen Pianisten und Komponisten Frederic Rzewski! Der kommt tatsächlich zu »Tonlagen«, den aktuellen Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik nach Hellerau und wird im dortigen Festspielhaus eigenhändig sein wohl bekanntestes Werk »The People United Will Never Be Defeatd!“ aufführen.

Allein, das Thema dieses Variationszyklus’ geht auf ein chilenisches Protestlied zurück, auf das zum Symbol gegen die Pinochet-Diktatur gewordene »El pueblo unido«. Womit wir ja wieder bei den U.S.A. wären …

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 200jährigen Bestehen der Vereinigten Staaten von Amerika wurde der bekennende Weltbürger Frederic Rzewski – er wurde 1938 in Massachusetts geboren, studierte unter anderem in Harvard und Princeton sowie in Italien bei Luigi Dallapiccola, lebte und lehrte in seinem Heimatland, in Belgien, Deutschland und in den Niederlanden – mit einem Kompositionsauftrag bedacht. Entstanden ist dieser Anfang 1976 im Kennedy Center von Washington uraufgeführte Zyklus, ein deutliches Bekenntnis gegen die Politik der blutigen Einmischung seines Landes in die Souveränität anderer Staaten. Mit dieser ihm eingeschriebenen Haltung ist »The People United« ein leider sehr aktuelles Stück Musik geblieben.

In den 36 Variationen zitiert Rzewski aber nicht nur dieses bis heute höchst populäre Protestlied, zu hören sind auch Anklänge aus dem »Solidaritätslied« von Hanns Eisler, an »Bandiera Rossa« sowie selbst an Henry Purcell, Jazz und Pop. Spieltechnisch ist das rund einstündige Opus eine permanente Herausforderung, der sich bisher nur relativ wenige Pianisten meisterlich gestellt haben. Erinnert sei beispielhaft an Igor Levit, der aus einem engen Kontakt zu Frederic Rzewski heraus eine ebenso virtuose wie kenntnisreiche Interpretation beherrscht und dies bei Sony auch auf CD eingespielt hat.

Dass nun der inzwischen 80jährige Rzewski persönlich mit seinem weltbekannten Werk nach Hellerau kommen wird (zuvor wurde er damit in Berlin erwartet), verspricht eine besondere Begegnung zum Festival »Tonlagen«, der man unbedingt mit weit offenen Augen und Ohren folgen sollte.

23.3.2019, 22 Uhr

22.03.2019Kolumnen