Ein Schlagzeuger, ein Percussionist, eine Legende

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Ein Schlagzeuger, ein Percussionist, eine Legende

Fragen Sie mal auf einem x-beliebigen Jazzfest nach Günter Sommer, Sie werden in Falten gelegte Stirnen und ungläubige Blicke ernten. Günter Sommer, wer soll denn das sein?! Fragen Sie aber irgendwo nach Baby Sommer, dann gibt es erhellende Blicke aus geweiteten Augen. Ja freilich, Baby Sommer, ganz große Klasse, der Mann!

Foto: Matthias Creutziger

Dieser Klasse-Mann feiert heute, am 25. August, seinen 75. Geburtstag. Man mag es kaum glauben, denn erstens ist der aus Dresden stammende und seit langem in Radebeul lebende Jazzer fast permanent unterwegs und zweitens ist er, wo auch immer er gerade auftritt, von geradezu überquellender Energie und Spielfreude beseelt. Dabei hat er als junger Mann, damals noch ohne den verjüngenden Zusatz im Namen, mal ganz andere Wege eingeschlagen, die ihn dann aber doch irgendwie geradlinig in seine Spur führten. Tanzmusik hat er gemacht, Akkordeon sollte er lernen, sogar die Trompete hatte es ihm einst angetan. Die spielte er in einer Amateurband, deren Schlagzeuger plötzlich abhanden kam – und fand sich flugs an Becken und Trommeln wieder. Die Weichen waren damit gestellt: Günter Sommer frönte mehr und mehr seinen musikalischen Vorbildern, die zumeist aus dem Äther und irgendwann auch per Schallplatte sein Interesse erregten. Aktive Stationen dieses Pioniers im europäischen Free Jazz waren die Klaus-Lenz-Band, das Friedhelm-Schönfeld-Trio, die frühe Fusion-Band SOK sowie die später zum legendären Zentralquartett mutierende Gruppe Synopsis.

Aus längst vergangenen Zeiten stammt die Geschichte von Sommers Künstlernamen. Als er seinem Affen am Schlagwerk mal wieder so richtig Zucker gab, wetterte Klaus Lenz auf ihn ein und schalt böse zornend, er würde ja spielen, als ob er wie Baby Dotts alles Neue im Jazz noch einmal neu erfinden wollte. Ein Bandkollege soll eingesprungen und gemeint haben, dies sei nicht Baby Dotts, dies sei Baby Sommer! Unter diesem Namen hat sich „Baby“ ein weltweites Publikum erspielt. Kontinuierlich weitete er auf dem jahrzehntelangen Weg des Improvisierens und Perfektionierens sein Klangspektrum. Wo andere stur auf dem Instrumentarium der Schlagzeugfamilie agieren, mischt Sommer Tröten und Pfeifen, Rasseln und Ketten mit ein, besticht von scat-artigen Ausbrüchen, gern auch mit Lachsalven, die auf sein Publikum überströmen. Denn eins steht fest: Vor dem Fantasiereichtum eines Günter Baby Sommer ist nichts und niemand irgendwo sicher.

Mit wem hat er nicht alles gespielt. Grenzgänger waren ebenso dabei wie Vertreter ganz anderer Genres. Günter Grass etwa, Volker Braun und weitere Literaten von großem Format, selbst die Bildende Kunst zog plötzlich in jazzige Klangwelten mit ein. Es ging dem immer mal wieder zur Schlagzeuglegende, ja zum Nestor erst des ost-, dann des gesamtdeutschen und inzwischen auch des europäischen Jazz erhobenen Dresdner aber kaum je um die Kunst ob der Kunst wegen. Er wollte sich einmischen in gesamtgesellschaftliche Belange. Das hat er getan und das tut er bis heute. Unvergessen bleibt sein Engagement in Griechenland, wo er mit den »Songs for Kommeno« an unmenschliche Verbrechen der deutschen Wehrmacht erinnert (und zum Ehrenbürger ernannt worden ist).

Was schenkt man einem solch umtriebigen Musikmenschen zum 75. Geburtstag? Die ihm gebührende Aufmerksamkeit, na gut. Aber das schönste Geschenk hat er sich diesmal wohl selbst gemacht – mit einer Party, mit der CD »Baby’s Party«, die das Schweizer Label Intakt Records geradezu als Punktlandung zum Jubiläum herausgebracht hat. Mögen mache darin auch einen Fall für die Jazz-Polizei sehen, das wäre ein Trugschluss, denn sowohl Günter Baby Sommer als auch sein trompetender Kompagnon Till Brönner, der für die ruhigen Momente auch gerne zum Flügelhorn greift, loten sowohl die eigenen als auch die Ufer des anderen aus. Was dabei herausgekommen ist, lohnt gründliche Zuwendung.

Hören Sie selbst, entweder aus den Lautsprecherboxen (»Baby’s Party« – Intakt Records CD 303/2018) oder aber am 21. September, wenn die Party im Festspielhaus Hellerau steigt. »Musik in Dresden« freut sich schon auf das Konzert und gratuliert dem Jubilar von ganzem Herzen!

25.08.2018Allgemein