Kulturfinanzierung in der Kulturstadt

Kolumnen

Kulturfinanzierung in der Kulturstadt

In jeder wahren Kulturstadt wird über Kulturförderung regelmäßig gestritten – und oftmals zu spät. Philharmonie-Dirigent Michael Sanderling verkündete letztes Jahr seinen Abschied vom Orchester, weil eine Zuschuss-Erhöhung der Stadt nicht in der erwarteten Höhe kam. Und erst wenige Wochen ist es her, da fanden sich das Tanztheater Derevo sowie die Theaterruine St. Pauli am Ende des finanziellen Regenbogens wieder. Die goldnen Töpfe waren indes schon leer.

Damit es nicht immer zu so einem bösen Erwachen kommt, probieren Kommunalpolitiker nun ein neues Format zu diesem Thema: Mit von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen initiierten Werkstattgesprächen soll über Anspruch, Bedarf und Zuteilung gesprochen werden. Wohlgemerkt, gesprochen – und nicht in erster Linie gestritten. Der Auftakt zum Thema Musik war schon mal vielversprechend. Die Reihe in der Volkshochschule Dresden geht weiter mit Debatten zur Bildenden und Darstellenden Kunst sowie zum Tanz. Mitte März soll dann eine Auswertungswerkstatt folgen.

Natürlich ist das direkte Gespräch miteinander immer eine gute Sache. Dem geht meist eine gehörige Portion Lust voraus – oder Frust. In diesem Fall war es wohl Letzteres, wie Moderatorin Christiane Filius-Jehne bekannte. Sie moderierte das erste Werkstattgespräch der Reihe »Kultur gerecht finanzieren«, in dem es ums Thema Musik gegangen ist. Auch da gibt es ja die vermeintliche Kluft zwischen sogenannter freier Szene und vermeintlicher Hochkultur. Also fanden sich in der sogenannten LernBar der VHS Vertreter von beiden Bereichen. Die Dresdner Philharmonie war durch Intendantin Frauke Roth und Dramaturgin Adelheid Schloemann vertreten, für AuditivVokal Dresden sprachen Berit Kramer und Peter Motzkus.

Von der Philharmonie wurde als ureigener Anspruch formuliert, als Dienstleister in die Kommune zu wirken, wo man mit Bildung und Teilhabe für die gesamte Gesellschaft nützlich sein wolle. Eine These, die freilich rasch im Missverständnis baden ging, dass teuer subventionierte Institutionen als Dienstleister der ungleich spärlicher budgetierten freien Szene tätig sein sollten. Das jedoch komme für beide Seiten nicht in Frage, vielmehr sei dringend zu untersuchen, so Berit Kramer, was man füreinander tun könne. Also nicht einseitig Ansprüche stellen, sondern künstlerisch etwas für ein Miteinander beitragen.

Diplomatisch korrekt befand die Philharmonie-Dramaturgin „Partnerschaft“ als schwieriges Wort und wollte erst einmal die jeweiligen Ränder geöffnet sehen. Diese Idee hätte verdient, gründlicher verfolgt zu werden, doch die Diskussion verzettelte sich rasch in eine Debatte um Probenräume und bürokratische Hürden. Als hätte AuditivVokal Anspruch auf den Konzertsaal im Kulturpalast erhoben. Vielmehr sollten sich beide Seiten als „impulsgebend“ verstehen und hätten jeweils „eine vernünftige und gerechte Finanzierung“, verdient. Aber was ist schon gerecht und vernünftig?

Aus der Kommunalpolitik kam der Hinweis, dass die freie Szene zumeist ein in sich geschlossener Teil des finanziellen Kulturtopfes sei, während in der sogenannten Hochkultur jede Institution für sich kämpfen würde. Aber vielleicht könnten ja beide auf öffentliche Gelder angewiesene Bereiche einander helfen? Mit dieser Fragestellung wurde die Werkstatt fürs Publikum geöffnet, das nicht zuletzt aus zahlreichen Mitgliedern kultureller Einrichtungen sowie des Kulturamtes bestand.

Torsten Tannenberg vom Sächsischen Musikrat betonte zunächst den „enormen kulturellen Reichtum in Deutschland“. Die Selbstausbeutung in der Freien Szene – mitunter zu Stundenlöhnen von etwa drei Euro – sei damit nicht vereinbar. Dafür müssten alle Beteiligten eintreten, denn sie seien aufeinander angewiesen, attestierte ihm Katarina Hinzpeter, Chefdramaturgin der Dresdner Musikfestspiele. Markus Rindt von den Dresdner Sinfonikern meinte, Philharmonie und Musikfestspiele sollten die Kräfte vor Ort fördern: „Sie haben es verdient!“

Inwiefern dies für alle gilt, stellte Kilian Forster geradezu vorsätzlich in Frage, der seinen Redebeitrag als Werbeblock für ein von ihm und seiner Frau ausgerichtetes Festival genutzt hat und prompt heftigen Widerspruch von Frauke Roth erntete, die „im Sinne der künstlerischen Freiheit“ klarstellte, das ein Genre nicht einer einzigen Organisation zuzuordnen sei. Mit öffentlichen Mitteln bezuschusste Kultureinrichtungen seien schließlich verpflichtet, zu einer kulturellen Grundversorgung der Bevölkerung beizutragen.

Auch Kreuzkantor Roderich Kreile würde gern mehr mit der Freien Szene kommunizieren, als Stadt der Kultur und Wissenschaften könne Dresden nur „im reichen Biotop der unterschiedlichen Kulturen“ funktionieren. Denkbar sei sogar eine Patenschaft zwischen Kreuzchors und Ensembles wie AuditivVokal. Er erinnerte freilich auch daran, dass in Dresden schon vor Jahren ein Parlament der Künste gefordert worden sei.

Unterm Strich ließe sich bilanzieren, dass der neue Gesprächsansatz funktioniert und möglicherweise ein regelmäßiges Forum in Gang setzen kann. Dann wären diese Werkstattgespräche schon mal weit mehr als nur ein Auftakt.

Bis Mitte März folgen weitere Debatten zur Bildenden (22.1.) und Darstellenden Kunst (5.2.) sowie zum Tanz (26.2.). In einer Auswertungswerkstatt (12.3.) soll dann Bilanz gezogen werden.

19.01.2018Kolumnen