Sterben müssen, aber wann?

Rezensionen

Sterben müssen, aber wann?

Georg Zeppenfeld (Raimondo Bidebent), Aleksey Isaev (Lord Enrico Ashton), Venera Gimadieva (Lucia di Lammermoor). Fotos (3): Jochen Quast

Noch während der Ouvertüre beginnt der Hund auf der Bühne laut zu bellen. Nach einer kurzen Verwirrung unter den Statisten führt einer von ihnen den sichtlich um die allgemeine Aufmerksamkeit vergnügten, freudig mit dem Schwanz wedelnden Köter hinter die Bühne. Es bleibt der einzige verpatzte Einsatz an diesem unglaublichen Opernabend bei der Premiere von „Lucia di Lammermoor“ in der Semperoper.

Bereits nach der Uraufführung im Jahr 1835 in Neapel war das Stück ein sensationeller Erfolg, der bis heute anhält. Operabase zählt für die laufende Spielzeit über 20 Inszenierungen in Europa, davon alleine drei Neuproduktionen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los: diese Oper wird nicht sehr oft gespielt. Zumindest am Dresdner Haus war sie achtzig (!) Jahre nicht zu sehen.

Das mag vor allem an der etwas schwierigen Geschichte liegen, die hier erzählt wird. Etwa zum Ende des 16. Jahrhunderts tobt ein erbitterter Kampf zwischen schottischen Katholiken und Protestanten. Mittendrin bekriegen sich zwei Familien. Enrico Ashton hat den Vater von Edgardo Ravenswood ermordet und letzteren vom Familiensitz in den Wald vertrieben. Die Ashtons residieren nun auf deren Schloss. Bald darauf stirbt jedoch die Mutter Ashton. Wenig später begegnet Lucia dem vertriebenen Edgardo Ravenswood im Wald und verliebt sich in ihn. Soweit die Vorgeschichte, die dem Besucher bereits bekannt sein sollte. Wenn der Vorhang aufgeht, erfährt Enrico von der Affäre seiner Schwester mit dem Erzfeind. Wenn es nach ihm ginge, müsste Lucia aber lieber den reichen und einflussreichen Arturo Bucklaw heiraten, um so die finanziellen und politischen Einflüsse der Familie zu retten. Was folgt, sind drei Stunden voller Intrigen und der Tod so ziemlich aller noch lebenden Protagonisten.

Zum anderen braucht diese Oper zumindest eine Weltklasse-Sängerin. Die Partie der Lucia ist schwer zu stemmen. Noch schwerer ist sie schön zu singen. Eine umso größere Überraschung ist es, dass dieser Abend musikalisch und stimmlich ein absolutes Highlight ist. Die kleinsten Rollen sind hervorragend besetzt: der für Semperopernfans altbekannte Tom Martinsen als Normanno ist ein brilliant verlogener Bösewicht, dessen Stimme sich in der Höhe erst richtig zu öffnen scheint. Simeon Esper als Arturo hat einen kurzen aber überzeugenden Auftritt. Aleskey Isaev interpretiert Lucias bösen Bruder als einen gebrochenen, verzweifelten Einzelkämpfer. Eine wahre Freude ist die Leistung des Dresdners Georg Zeppenfeld, der in den letzten Spielzeiten immer nur in kurzen, prägnanten Rollen zu sehen war. Als Raimondo zeigt er, dass er die bühnenfüllende Charakterstärke auch über das ganze Stück hinweg tragen und entwickeln kann. Immer wieder erstaunlich, wie klar und textverständlich sein Gesang ist! Die Russin Venera Gimadieva begeistert als Lucia und sorgt bereits nach der Wahnsinnsarie für bravi und standing ovations im Saal.

Aleksey Isaev (Lord Enrico Ashton), Venera Gimadieva (Lucia di Lammermoor), Georg Zeppenfeld (Raimondo Bidebent), Sächsischer Staatopernchor Dresden

Der Überraschungsstar des Abends aber ist der Litauer Edgaras Montvidas. Ein Tenor von erstaunlicher stimmlicher Klarheit, berauschender Höhe und ein hervorragender Schauspieler! Sein Edgardo singt nicht nur von Liebe und Verrat, nein, Edgaras Montvidas selbst liebt, wird verraten und leidet bis zu seinem Selbstmord mit jeder Faser auf der Bühne der Semperoper.

Dem Inszenierungsteam ist es gelungen, diese etwas verwundene Geschichte einfach und stringent wie ein Kammerspiel zu erzählen. Dramaturgisch klug verwandeln sie die Person von Lucias Vertrauter Alisa in den Geist der just verstorbenen Mutter. Ihr Erzieher, Raimondo, wird zu ihrem älteren Bruder. Der so zur Familiengeschichte verdichtete Stoff entwickelt sich schnell zum packenden Drama. Alles geschieht in einer reduzierten, ästhetischen, dunklen Bühne von Johannes Leiacker. Einen funktionalen Klang-Raum hat er geschaffen, so dass die Geschichte in jeder beliebigen Zeit spielen könnte. Leicht plakativ, aber treffend ist dieser Raum mit den Worten »Mors Certa Hora Incerta« wie ein dunkles Gemälde am unteren Rand signiert. In diesen Raum fügen sich die dezenten Kostüme von Gesine Völlm. So fokussiert sich der Blick des Zuschauers unmittelbar auf das Wesentliche: die Personenführung. Regisseur Dietrich Hilsdorf hat sie bis ins kleinste Detail umgesetzt. Von einer unerträglichen Spannung ist allein das vierte Bild, in dem die verzweifelte Lucia wider Willen mit Arturo vermählt wird. Spätestens hier ist der versuchte Schenkelklopfer verziehen: Zwei alte Herren, die im unpassendsten Moment einmal über die Bühne gelaufen sind, als suchten sie noch einen Sitzplatz im Saal.

Die Staatskapelle, die sonst das Italienische Fach gerade in den lauten Passagen mitunter etwas ruppig klingen lässt, blühte unter der Leitung von Giampaolo Bisanti zu wahrer Romantik auf. Pointierte, weiche Blechbläser, eine schaurig schöne Oboen-Einleitung des Duetts zwischen Enrico und Lucia im dritten Bild und ein unter die Haut gehendes Cello kurz vor dem Ende. Jeder Ton aus dem Graben stimmt an diesem Abend. Kulminierend schön die „Wahnsinnsszene“. Raimondo und Lucia jagen voller Verzweiflung wie zwei angeleinte Tiere um einen unsichtbaren Baum. Kurz vor ihrer Kadenz bekommt er sie endlich zu fassen. Wie in einer Zwangsjacke gequetscht steht sie da, der Welt entrückt, sich mit der Glasharmonika (Philipp Magguere) in rauschende Höhen des Es-Dur singend, während der ebenfalls stimmlich und spielerisch brillante Staatsopernchor das Geschehen aus dem Hintergrund beobachtet.

Das Publikum dankt diesen Abend mit stehenden Ovationen, Bravo und da-capo-Rufen. Gerne beim zweiten Mal ganz ohne Hund!

Nächste Vorstellungen.

19.11.2017Rezensionen