Zehn Tage, die die Welt erschütterten

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Zehn Tage, die die Welt erschütterten

In die Stadt hallender Geschützdonner eines Böllerschusses des Kreuzers »Aurora« ist das Signal. Massen bewaffneter Matrosen, Rotgardisten, Arbeiter und Bauern stürmen auf die frühere Zarenresidenz in Petrograd zu. Furchtlos erkämpfen sie im Kugelhagel der Verteidiger die Kontrolle und errichten eine neue, ihre Regierung mit Lenin an der Spitze. So beginnt die 13 Minuten lange eindrucksvolle Filmsequenz der Erstürmung des Winterpalastes als dramatischer Klimax im filmischen Revolutionsmonument »Oktjabr – Zehn Tage, die die Welt erschütterten« von Sergej Eisenstein und Grigorij Alexandrow, UdSSR 1928.

In Art eines kinematografischen Leporellos reihen sich in dem legendären Stummfilmklassiker eine Vielzahl mit stehender Kamera aufgenommener, suggestiver, pathetisch überhöhter Bildarrangements aneinander. Von choreografierten Massen- wie Volkstanzszenen bis zur stehenden Aufnahme einzelner Gesichter – ganz groß im Bild eine Patrone. 116 Minuten lange expressionistische Wucht, avancierte Filmkunst pur. Die Autoren Eisenstein und Alexandrow führten Regie, hinter der Kamera stand Eduard Tissé. Sie nutzten neuartige Montagetechnik, drehten an Originalschauplätzen mit vielen der historischen Protagonisten nachinszenierte Geschehnisse im Oktober und November 1917. Die Filmgeschichte gestalten sie in Sinn und Sicht ihrer Auftraggeber, wie die „Revolution“ anlässlich des zehnten Jahrestages im Produktionsjahr des Filmes 1928 gesehen werden sollte.

Noch bis in die späten sechziger Jahre als Epos der Revolution gefeiert, ist »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« ein dramatisierter Propagandafilm der Bolschewiki über den Akt ihrer Machtübernahme, die in einen Staat mit einer neuen sozialen und ökonomischen Ordnung mündete – der Sowjetunion. Er verzerrt historische Wahrheiten, ergänzt mit nicht Gewesenem, zeichnet ein schiefes Bild der Oktober-„Revolution“. Der Winterpalast musste nicht heroisch von Volksmassen erstürmt werden, denn er war offen! Es reichte ein Trupp roter Garden, ihn zu besetzen. Alexander Kerenski, Chef der provisorischen Regierung mit Sitz im Palast nach dem Sturz und der Vertreibung von Zar Nikolaus II. in der Februarrevolution 1917, war bereits geflohen; das Kabinett harrte hilflos aus. Der Sowjet des Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, putschte sich gegen diese Regierung in einem viertägigen Gerangel mit Rätegruppen an die Macht. Die Übernahme verlief weitgehend kampflos. Selbst die Datierung 25. Oktober ist insoweit irreführend, als dass die Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 nach dem gregorianischen Kalender stattfand – auf den Lenin sehr bald schon den alten Julianischen Kalender Russlands umstellen ließ.

Diesen Ereignissen vor hundert Jahren und ihren Folgen widmete das Dresdner Staatsschauspiel einen Themenabend mit Aufführungen auf allen drei Bühnen und dazu eben noch diese Aufführung des »Oktjabr« mit Live-Musik der Dresdner Sinfoniker im Filmtheater Schauburg in Zusammenarbeit mit dessen Chef Stefan Ostertag. Auf die Leinwand kam die aus einem einzig erhaltenen Fragment einer deutschen Fassung vom Filmmuseum München 2012 restaurierte, neue Digital-Ausgabe des Filmklassikers von 1928.

Über die Genese der livemusikalischen Filmbegleitung erzählt Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker: „Die Ursprungsidee hatte Charlotte Orti von Havranek vom Staatsschauspiel Dresden. Sie fragte mich, ob wir Eisensteins Stummfilm »Oktober« mit der Musik von Edmund Meisel live begleiten könnten. Da mir der originale Soundtrack zu pathetisch erschien, schlug ich vor, eine neue Musik für diesen Abend erstellen zu lassen. Vorzugsweise live improvisiert durch Musiker, die im Jazz sowie in der zeitgenössischen Musik zu Hause sind und seit Jahren bei den Dresdner Sinfonikern spielen.

„Der Keyboarder Rolf Zielke übernahm die musikalische Leitung. Er beschäftigte sich ausgiebig mit dem Film und erstellte Skizzen und Ideen, um die Improvisation zu führen. Ergänzt wurde er durch den E-Cellisten Stephan Braun, den Flötisten und Subkontrabassflötisten Sascha Friedl sowie den Drummer und Perkussionisten Heiko Jung – alles Musiker, die viel Erfahrung mit improvisierter Musik haben. Gemeinsam mit dem umfangreichen Instrumentarium war die kleine Bühne vor der Leinwand in der Schauburg damit gut gefüllt. Das Publikum erlebte an diesem Abend ein musikalisches Unikat, das nur in dieser Besetzung reproduzierbar wäre.“

Jazzig groovend, ’schlagfertig‘ den Einschlägen des Filmgeschehens mitgehend, die Pathetik der Bilder abmildernd vertont, bekam das Publikum den Genuss eines Filmkunstwerks mit einem Filmkonzert live in Uraufführung.

Nochmals Markus Rindt über die Wiederaufführung: „Die vier Musiker noch einmal zusammen bringen zu können, würde mich sehr freuen. Anfragen haben wir aber noch nicht. Es gibt übrigens einen Tonmitschnitt des Filmkonzertes, den wir demnächst auf unserer Homepage veröffentlichen wollen.“

100 Jahre Oktoberrevolution und 90 Jahre Schauburg. Ein Film über die größte gesellschaftliche Umwälzung des 20. Jahrhunderts. Aufgeführt mit Live-Musik im Provisorium des Kinosaals eines Filmtheaters im Umbau. So wird Eisensteins Parteinahme für die Revolution von 1917 mit Sicherheit nur einmal zu sehen und zu hören gewesen sein.

Weiter im Schauspielhaus: »Der Weg ins Leben« nach Zeitzeugenberichten unter Verwendung von Dokumenten, Texten u.a. von Anton Makarenko; nächste Aufführung 30. November, 2017, 19.30 Uhr

DVD Doppelpack „Panzerkreuzer Potemkin“ 1926 und „Oktjabr“ 1928, restaurierte mit Tonfassungen, Klavierauszug und Orchesterpartitur. 21,99 Euro.

11.11.2017Features, Interviews, Rezensionen