Wunderschön und schwer und gut

Neue Aufnahmen ▪ Rezensionen

Wunderschön und schwer und gut

Sie saßen beim Frühstück in einer kleinen Stadt. Es war der Morgen nach ihrem allerersten gemeinsamen Konzert. Ein Programm, das Zeiten, Stile, Perkussion, Sprachen, Klavier, Toy Piano, Cembalo, Repertoire für Mezzosopran, lyrischen Sopran, und Koloratursopran durchgeschüttelt hatte. Dabei auch Werke mit Tape oder Elektronik. Sie waren ernst, heiter bis komisch gewesen, hatten choreografische Einlagen auf dem Flügel vollführt und als Zugabe ein Duett gesungen. Und sie hatten herausgefunden, dass sie es genossen miteinander zu arbeiten.

Philip biss ins Brot: „Unser nächstes Programm sollte noch schwerer sei. Es sollte überhaupt das schwerste Programm aller Zeiten sein. Wir sollten die tollsten Zeitgenössischen Lied-Meisterwerke alle in ein Programm stopfen. Es sollte wunderschön und schwer und vor allem irrsinnig gut sein. Ohne alten Kram“. *

Dieses Programm ihrer „Frühstücksidee“, der Koloratursopranistin und Expertin für Neue Musik Sarah Maria Sun mit ihrem Pianisten Jan Philip Schulze, dessen besonderes Interesse der zeitgenössischen Musik gilt, wuchs und wächst weiter. Sie geben jetzt Einblick in ihr Projekt mit einem Auszug, der nun als Album beim New Yorker Label Mode Records vorliegt.

Foto: Daniel Koch

In der Reihe »Stimmkunst – Hörenswertes aus dem Reich der Stimmbänder« von SEMPER ZWEI hatte das Duo mit einem Liederabend die für die CD ausgesuchten Meisterwerke zeitgenössischer Liedkunst vorgetragen. Sie gaben damit Überblick in Ihre Wahl der besten und schwierigsten Meilensteine Neuer Musik eines gut halben Jahrhunderts Entstehungsgeschichte.

Auch physisch schwer schien es am 3. Juni 2017 abends, in SEMPER ZWEI zu beginnen, denn nebst Noten belegte ein großer Hammer das Pult, doch „nicht zum Zertrümmern des Flügels“, erklärte Jan Schulze, sondern für Betonungen, „deren Laut Sie hören werden“. Lachen lockerte und das „schwerste Programm aller Zeiten“ begann eher schwer-schön mit klavierbegleiteten »Sechs Liedern nach Morgenstern« von Heinz Holliger. Vom 17-Jährigen geschrieben in den frühen 1950-ger Jahren, spielen die Komposition des Zyklus mit sehr weichen Harmonien zwischen Debussy, Berg, Ravel – noch vor seinen avantgardistischeren Perioden – wie der Komponist es selbst einordnet.

Dann folgte Salvatore Sciarrinos »Due Melodie«, ein virtuoses Klavierwerk mit Stimm-Begleitung von rasend atonaler Koloraturornamentik bis herunter zu stillstem Hauchen, Sprechen und verschiedensten Mundgeräuschen, wie sie die Stimmkünstlerin Sarah Sun so brillant hervorbringt. Noch weiter ausschöpfen konnte und musste die Sängerin die außergewöhnliche Bandbreite ihrer Stimm- und darstellerischen Fähigkeiten bei »Got Lost«, ganze 25 Minuten lang. Helmut Lachenmann behandelt musikalisch in dieser Liedserie drei unterschiedlichste Texte von einem Nietzsche-Zitat bis zu einem Anzeigentext. Die artistische Vokalität des Vortrags gab nicht eimal einer Text-Erahnung die Chance – bis auf ein herausgehörtes „Ridiculous“, herrlich rollender R’s wegen.

Der Abend endete mit einem choreografiertem Schauspiel der beiden – der Pianist nicht nur am, sondern auch überm Klavier, mitsingend – Georges Asperghis »Le rire physiologique – Mein Pianist ist unwiderstehlich«, dessen Lachen sich auch aufs Publikum übertrug. Nach mehreren Applausrunden dann noch die angeforderte Zugabe: Sarah Sun hinreißend in Divenpose auf dem Flügel mit Jan Schulze im Duett vereint »Something stupid« (Carson Parks). Der nostalgierende Pop-Hit aus 60-ger Jahren entließ ein vom Liedprogramm begeistertes Publikum heiter in die Nacht. Und einen Rezensenten, der musikalisch frühgeprägt von ‚Musica Viva Konzerten (Carl Amadeus Hartmann)‘ und ‚Donaueschinger Musiktagen‘ sich in Neue Musik wieder mal einfühlen und sie genießen konnte.

_________________________________

Sarah Maria Sun / Jan Philip Schulze: »modern lied«. Kompositionen von Holliger, Sciarrino, Lachenmann, Kurtág, Lang, Label »mode«, erschienen am 5. Juli 2017. Auf Semper Zwei wird Sarah Maria Sun wieder zu sehen und hören sein in »the killer in me is the killer in you my love« ab 9. Januar 2018.
* aus dem 24-seitigem, mehrsprachlichem Booklet der Compact-Disc

17.07.2017Neue Aufnahmen, Rezensionen