Die Legende um Mélisande

Rezensionen

Die Legende um Mélisande

Selten hört man in Konzerten von den beiden Werken, die neben Claude Debussys Oper »Pelléas et Mélisande« entstanden sind und sich der von Maurice Maeterlincks Schauspiel angeregten Geschichte zuwandten. Der Franzose Gabriel Fauré schuf die Musik 1898 zur Londoner Erstaufführung des Schauspiels. Eine Suite stellte er 19o1 daraus zusammen. Die Einleitung »Prélude« erklang unter Christian Thielemann am Beginn des 10. Kapellkonzerts. Wie auch bei der zur gleichen Zeit entstandenen Oper Debussys stand Mélisande, das in den Tiefen des Waldes gefundene Mädchen (ein Naturkind) als „femme fragile“, als zerbrechliches Wesen, im Mittelpunkt, das von einem undurchschaubaren Schicksal getrieben wird. So entdeckt der Ritter Golaud (oder Golo) sie an einem Quell. Diese mythische Szenerie erfasst Fauré in Bildern von fragilen Klängen, die die Kapelle mit diffiziler Klanglichkeit erstehen ließ.

Im Konzert wurde dies Prélude ohne Pause zum Auftakt für das G-Dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel. Der Komponist stand, als er das Konzert Anfang der 1930er Jahre niederschrieb, noch ganz unter den Eindrücken einer Nordamerika-Reise von 1928, besonders der Blues- und Jazz-Musik, die er nun auf eigene Weise in dieser mehr als „Divertissement“ denn als Konzert angelegten Komposition umsetzte. Was hier in meisterhaft frappierender Art von Podium kam, war hin- und mitreißend. Wenn auch das Klavier eigentlich nur Teil des Instrumentariums ist, so vermochte Daniil Trifonow, der scheidende „Capell-Virtuos“, die virtuosen Eskapaden mit Effekt anzubieten. In genialer Einheit von Orchester, Dirigent und Pianist entstand das packende Klangbild en detail und in großer Gestik vor den begeistert lauschenden Zuhörern. Nicht enden wollender Beifall brandete auf. Mit dem »Russischen Tanz« aus Strawinskys »Petruschka« in der virtuosen Fassung des Komponisten zeigte der junge russische Pianist seine bewundernswerten fingerfertigen und gestalterischen Fähigkeiten.

Fotos (2): Matthias Creutziger

Gespannt war ich auf Schönbergs »Pelleas und Melisande«. Was bei Fauré fragil war, das zeigte sich hier deutsch zupackend. Das Werk entstand 1901/02 in Berlin auf Anregung von Richard Strauss, der den mittellosen Wiener Komponisten unterstützte, indem er ihm ein Stipendium, Zugang zu Wolzogens Cabaret »Buntes Brettl« und Einnahmen durch Kopierarbeiten zu seinem Oratorium »Taillefer« verschaffte. Etwas von dem Strauss’schen Werk, was die riesige Orchesterbesetzung betrifft und auch die eigene Anwendung des Wagnerschen Orchestersatzes, wirkte nach. So entstand ein Werk mit einem System von Leitthemen, die die Struktur bestimmen. Die vom Schönberg-Schüler Alban Berg 1920 veröffentlichte Analyse weist darin neben Aspekten der Legende auf die Form einer viersätzigen Sinfonie hin. Das war in der Dresdner Interpretation gut ablesbar und machte es leichter, dem Ablauf zu folgen. Am Anfang werden  die Themen vorgestellt, die der Natur, des Golo, des Pelleas oder der Melisande, die thematisch mit einer Siebentonreihe gezeichnet wird. Sie steht gleichsam außerhalb der ansonsten spätromantischen Klangwelt. Christian Thielemann, als Bayreuth-Dirigent erfahren, ließ samt wunderbar mitgestaltender Kapelle die Aufführung zu einem großartigen Erlebnis werden.

14.05.2017Rezensionen