Mut zur Musik

Kolumnen

Mut zur Musik

Direkt von der Leipziger Buchmesse ist Nahid Shahalimi nach Dresden gekommen, um ihr Buch „Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan“ vorzustellen. Die Autorin stammt selbst aus dem Land am Hindukusch, ist dort recht privilegiert aufgewachsen, musst dann aber als junges Mädchen gemeinsam mit ihren drei Schwestern und der Mutter das Vaterland fliehen – weil der Schutz bietende Vater gestorben war.

Via Pakistan und Kanada kam die heute als Aktivistin und Künstlerin lebende Nahid Schahalimi nach Deutschland. Von hier aus hat sie ihr einstiges Heimatland mehrfach besucht. In den vergangenen drei Jahren ist sie immer wieder dort gewesen, um für dieses Buch zu recherchieren. Dafür hat sie große Risiken auf sich genommen, denn eine Flugreise nach Kabul oder gar nach Kandahar unterscheidet sich von ziemlich allem, was der gemeine Globetrotter so kennen dürfte.

Und auch die Einblicke in den afghanischen Alltag von heute unterscheiden sich krass von all dem, was wir aus den Medien zu wissen glauben. Nahid Shahalimi hat eine ganze Reihe bemerkenswerter Menschen besucht und beschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, wie problemreich und gefährdet das Leben von Frauen heute dort generell ist. In besonderer Weise aber dann, wenn Frauen und Mädchen sich nicht von religiösen Eiferern bevormunden lassen und ihr Leben statt dessen selbst in die Hand nehmen wollen.

Die europäische Leserschaft dürfte höchst verblüfft sein von dem, was dieses Buch offenbart. Es gibt Dirigentinnen in Afghanistan! Nahid Shahalimi hat die ersten zwei von ihnen porträtiert. Es gibt eine afghanische Musikkultur, die wieder gepflegt und zum Bedürfnis wird, die sogar auf Gastspielreisen in den Metropolen der Welt zu erleben ist. Für hiesige Musikfestspiele sollte dies ein wichtiger Tipp sein!

In Afghanistan allerdings, wo dieser Wille zu friedlichem und kulturvollem Austausch mit der Welt wieder sprießt, da sind solch zarte Pflänzchen gefährdet. Shahalimi berichtet von Anschlägen auf Musiker und Unterstützer, einmal ist sie auch selbst nur durch Zufall solch einem Attentat entkommen. Mit einer beeindruckenden Energie vermittelt diese Frau, welche Überraschungen das traumatisierte Land bereithält. Dank sozialer Netzwerke (die dort wirklich sozial funktionieren und gebraucht werden) greift dieser Mut um sich, können Künstlerinnen ihr Publikum mitreißen und mit ihrer Kunst faszinieren.

»Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan« stellt freilich auch andere Beispiele vor, Street Art und Scating, Afghanistans erste Pilotin etwa, eine Politikerin und sogar eine Generalin. Nahid Shahalimi führt damit der internationalen Öffentlichkeit vor Augen, wie wenig selbstverständlich es in diesem einst so weltoffenen Land heute ist, als Frau entscheiden und gestalten zu wollen. Widersinnige Stammesfehden, religiöser Dogmatismus, gepaart mit kriminellen Waffen- und Drogengeschäften, vor allem aber auch Stellvertreterkriege, die von einstigen ‚Weltmächten‘ dort ausgetragen worden sind, haben Afghanistan in ein geschundenes und von anhaltender Gewalt bedrohtes Land verwandelt. Eine fatale Entwicklung, wie sie derzeit auch in Syrien und anderen Ländern stattfindet.

Denken wir öfter man darüber nach, wenn Nachbarn, Kollegen oder pöbelndes Straßenvolk – es sind ja immer „die anderen“, stimmt’s? – mit kruden Bemerkungen über jene Menschen aufwartet, die aus purer Not und Verzweiflung auf der Flucht sind. Die Gründe dafür liegen auch in europäischer Mitschuld und europäischem Vasallentum.

Nahid Shahalimi: Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan. Elisabeth Sandmann Verlag, 160 S., 24,95 Euro

29.03.2017Kolumnen