Mein Lobgesang

Rezensionen

Mein Lobgesang

Mario Schröder war von 1983 bis 1999 erster Solist beim Leipziger Ballett, ab 1991 unter der Leitung von Uwe Scholz, dem er viel zu verdanken hat, dessen Ästhetik er aber in seinen choreografischen Arbeiten – selbst in denen, die man als Hommage auf den früh verstorbenen Choreografen ansehen kann – niemals kopiert. Schröder, der sich bald selbst einen Namen als Choreograf machte, war dann Chefchoreograf und Ballettdirektor in Würzburg und Kiel. Mit der Spielzeit 2010/2011 übernahm er diese Funktion in Leipzig.

Fotos: Ida ZennaFotos: Ida Zenna

Von Beginn an war klar, wie wichtig für seine Arbeiten die Musik ist, noch wichtiger, dass diese nicht aus Lautsprechern, sondern aus dem Orchestergraben kommt und somit besonders in Leipzig die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit dem Gewandhausorchester immer intensiver genutzt wurden. Immer stärker lässt er sich von großen chorsinfonischen Werken zu seinen Choreografien anregen, zuletzt erfolgreich, mit seiner Kreation »Mozart Requiem«.

Die neueste Arbeit heißt »Lobgesang« und bringt zwei Kompositionen zueinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. »Lobgesang«, eine Sinfonie für Soli, Chor und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy, uraufgeführt 1840 in der Leipziger Thomaskirche zur 400-Jahrfeier der Erfindung des Buchdrucks, und der Kantate für Doppelchor a capella »Figure humaine« – Das menschliche Antlitz – von Francois Poulenc, aus dem Jahre 1943. Da habe ich mich schon gefragt, wie denn so unterschiedliche Werke zusammen kommen können, was sie gemeinsam haben, was sie trennt. Würde es der Tanz schaffen, sie miteinander in Beziehung zu setzen?

In der Premiere war ich erstaunt, wie gut das gelingt. Die Werke erklingen auch so, dass sie miteinander verbunden sind. Mendelssohns Lobgesang ist nicht nur hymnisch, auch wenn das bekannte Eingangsthema immer wieder vorkommt. Es gibt sehr nachdenkliche Momente, die Auswahl der Texte aus der biblischen Sammlung der Psalmen und der Choral »Nun danket alle Gott« umfasst nicht nur Jubeltexte, sondern auch Themen wie Einsamkeit und Todesangst. Die Kantate von Francis Poulenc »Menschliches Antlitz« mit den Texten des Dichters Paul Éluard ist ein Zeugnis der Résistance, des Widerstandes im von den Nazis besetzten Frankreich, komponiert in der Hoffnung, nach der Befreiung aufgeführt zu werden. Beide Werke sind der Freiheit des Menschen, der Freiheit des Geistes gewidmet. In der Verbindung beider Werke, sowohl musikalisch, als auch tänzerisch, eröffnen sich vor allem emotional bedingte Situationen, die dann auch unsere Erfahrungen, unsere Ängste und vor allem unsere Hoffnungen in der Gegenwart berühren.

Ida-ZennaIn seiner Choreografie ist spürbar, wie stark sich Mario Schröder von der Musik hat berühren und inspirieren lassen. Zum Glück hat er  keine Scheu vor Emotionen, so gelingt es ihm immer wieder mit seinen Choreografien auch das Publikum zu berühren. Es ist ja nicht so, dass er illustrierende Geschichten erzählte. Er schafft Bilder, die eben wiederum Bilder und Geschichten im Kopf der Zuschauer entstehen lassen. Und so bringt er etwas zusammen, was eigentlich unvereinbar scheint. Mendelssohn jubelt: »Alles was Odem hat Lobe den Herrn…« Dazu die Leipziger Tänzer in opulenter Man-Power. Dann ein Solo von Laura Costa Chaud mit den Tänzerinnen, darauf nach kurzer Stille der Chor allein, die menschlichen Stimmen, Klänge des 20. Jahrhunderts, es geht um Schweigen, Tod und Finsternis, einsam die Solistin in Weiß mit den Tänzern in Schwarz. Schwarz und Weiß spielen eine wichtige Rolle, aber das hat nichts mit Klischees oder Schwarz-Weiß-Malerei zu tun, eher mit der Reduktion und Konzentration auf die Dynamik zwischen diesen Gegensätzen.

Tanztechnisch kann Mario Schröder seinen Tänzerinnen und Tänzern jede Mende zumuten. Es wird zwar nicht auf der Spitze getanzt, aber mitunter sind die Anforderungen bei manchen Passagen und Kombinationen, Hebe- oder Sprungfiguren, schon auf die Spitze getrieben. Und die Leipziger Tänzer sind Spitze und dazu von individueller Präsenz.  Beide musikalischen Werke sind bei aller Widersprüchlichkeit, bei allem Innehalten, je eine Hommage auf die Freiheit, auf das Licht, der Aufklärung bei Mendelssohn, der Hoffnung bei Poulenc. Mario Schröder nimmt sich die Freiheit etliche Stile und Formen einzubeziehen, nicht nur der musikalischen Dynamik zu folgen, eher, Stimmungen aufzunehmen. Das kann schon mal zu sehr deutlichen Bildern führen, aber vor allem zu sehr poetischen, wenn etwa zu Beginn und am Ende die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne stehen, jeder für sich, und hoch über ihnen schweben so wunderbare Gewänder, da müssten sie noch hineinwachsen, aber dazu müssten fliegen lernen.

Für die Bühne und die Entwürfe der Kostüme konnte wieder Paul Zoller gewonnen werden. Seine Größe liegt in der Zurücknahme. Im Hintergrund gibt es einen Raum für den Chor, darin wechseln die Lichtstimmungen, beeindruckend ist die Stimmung, die von den kleinen Lichtern der Sänger an ihren Noten ausgeht. Mit den Tänzern davor gelingen Bilder von suggestiver Kraft, meditative Momente, die dem spirituellen Anspruch der Werke geschuldet sind. Verunsicherung gibt es allerdings, wenn nur sporadisch Sätze aus der Kantate von Poulenc projiziert werden, man fragt sich ob das so gewollt ist, oder ob dies auf einen technischen Defekt zurückzuführen ist.

Vor diesem Raum für den Chor gehört die Bühne im wechselnden Licht den Tänzerinnen und Tänzern, die am Ende gebührend gefeiert werden, besonders aber, völlig zurecht, der Tänzer Yan Leiva als einsame Kreatur, in der kraftvollen Sensibilität seiner Bewegungen. So beeindruckt er „mutterseelennackt“ im Solo zu Mendelssohns Vertonung der Worte von den Stricken der Finsternis, von Angst und Hölle, und wenn sein sich aufbäumender Körper am Boden zum bildhaften Echo auf die gesungene Frage wird, „Hüter, ist die Nacht bald hin?“, das ist großartig.

Das Gewandhausorchester spielt unter der Leitung von Christoph Gedschold, Chor und Jugendchor der Oper Leipzig überzeugen in der Einstudierung von Alessandro Zuppardo, beim Trio der Gesangssolisten bleibt neben den Sopranistinnen Olena Tokar und Magdalena Hinterdobler aber nur der Tenor Martin Petzold in guter Erinnerung.

Nächste Aufführungen: 27. Februar, 8. April, 17. Juni

26.02.2016Rezensionen