Freiluft im Februar

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Freiluft im Februar

ImagePräludium

Bei allen Unterschieden, mit denen die Sächsische Staatskapelle zum Auftakt ihrer aktuellen Tournee im Mittleren Osten konfrontiert worden ist, eine Gemeinsamkeit zum kalten Dresden gab es auch im angenehm badewettrig temperierten Abu Dhabi: keine Konzerthalle.

Zwar spielte die „Kapelle for Kids“ ihr neues Programm vor Schülerinnen und Schülern in einem veritablen Theaterbau, und auch das erste Konzert der Kapelle erklang in einem voluminösen und bestens besuchten Saal. Doch der befindet sich im Emirates Palace, einem grandios dekandenten Hoteltempel wie aus Tausendundeiner Nacht. Man könnte beinahe vergessen, dass Abu Dhabi, die Hauptstadt des gleichnamigen Emirats, erst vor wenigen Jahrzehnten auf einer Wüsteninsel im Persischen Golf gegründet wurde und seitdem über sich selbst hinauswächst. So grün sind um diese Jahreszeit die bewässerten Parkanlagen rings um den Palast. Nicht weniger als sechs Hubschrauberlandeplätze sind hinter Palmenwäldchen verborgen.

Tags drauf folgte das zweite Konzert im rund 160 Kilometer entfernten Al Ain. Auch diese Oasenstadt an der Grenze zum Oman hat zwar Hotels, aber ebenfalls keine Konzerthalle. Allerdings steht hier noch ein Stück aus der Historie des Emirats, das Al-Jahili-Fort aus dem späten 19. Jahrhundert. Ein einzigartiges Ambiente, gewiss. Darin hat das 1548 gegründete Orchester sein vermutlich erstes Open-air-Konzert im Februar gegeben!

Interludium

Bei allen fremden Gesichtern, vor denen die Sächsische Staatskapelle aufgespielt hat, eine vertraute Person saß ganz in Grau inmitten des farbenprächtig gekleideten Publikums: Herr Tillich aus Panschwitz-Kuckau. Dem sind gesprächsweise 250 Millionen Euro Investitionszusagen für ein Dresdener Unternehmen zugesagt worden, das die Emirater besitzen.

Gehört das Geld aus dem Morgenland wirklich nach Sachsen? Diese Frage hat der sorbische Minipräsident nicht gestellt. Einem geschenkten Kamel schaut man bekanntlich nicht auf die Arbeitsbedingungen. Sklavenmarkt? Geschenkt, ist doch alles schön sauber hier. Alle Ecken wird einem die Tür aufgehalten, auch das ist Multikulti: Inder fahren Taxi, Pakistaner kehren den Dreck weg und die Philippiner servieren den echt arabischen Kaffee.
Kaum war der Politiker der Christenpartei aus der Vielfalt des Islam wieder in der sächsischen Einfalt zurück, ist mit den guten Nachrichten auch schon Schluss gewesen. Er gratulierte seinem Amtsvorgänger mit einer Falschmeldung zu dessen 70. und attestierte dem Parteikollegen Milbradt: „Dass ein solider Haushalt im Freistaat Sachsen zur DNA der Politik gehört, ist sein Verdienst.“ Vermutlich ein Hitzeschock aus der Arabischen Wüste, dieser Satz – schließlich ist es just Milbradt gewesen, der den sächsischen Steuerzahlern mit seinem absolut fragwürdigen Abenteuer der Sachsen LB rund 2,75 Milliarden Euro aufgehalst hat! Und niemand macht den schuldigen Verzocker von Volksvermögen für seine Untaten haftbar.

Postludium

Bei allem Stillstand in Sachsen, inzwischen sind die Karawanen weitergezogen. Die Scheichs werden den Gast namens Tillich vergessen haben, die Staatskapelle konzertiert nun in vertrauten Sälen wie der Suntory Hall in Tokyo sowie der Minato Mirai Hall in Yokohama. Spitzensäle sind das! Darin sitzt das vielleicht kritischste Publikum der Welt.

In Dresden aber bleibt alles, wie es in Dresden immer schon war: Kein Konzertsaal, keine Konzerthalle. Residenzstadt halt. Devotionaliengeputze. Neu ist nur, dass sich ausgerechnet die Residenzstadt München daran ein Vorbild zu nehmen scheint. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter attestierte den bayrischen Landesvater Seehofer eklatanten Wortbruch, da er statt eines Neubaus nun für eine Sanierung der Philharmonie im Gasteig plädiert. Sie hat jedoch gleich die gute Nachricht parat: „Politiker seines Schlages kommen und gehen. Die Musik aber bleibt.“

Was fällt uns bei der Rückkehr aus dem Morgenland dazu ein? Es gibt doch auch hier an der Elbe einen gescheiterten Orchesterintendanten, der den Umbau des Kulturpalastes als „Taube auf dem Dach“ empfand und nicht als Spatz in der Hand. Könnte der Mann nach seinem Sabbatical nicht an der Isar anheuern?

Merke: Die Milbradts, Tillichs und Roses kommen und gehen. Die Musik aber bleibt. Die Sonne geht im Westen unter und das Licht kommt aus dem Orient.

Bis nächsten Freitag,
Michael Ernst

24.02.2015Kolumnen