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Jedem leuchtet ein Stern

wulff-woesten
Fotos: Matthias Creutziger

In dem hellsichtigen, 1936 erstmals veröffentlichten Bestseller „Das stillvergnügte Streichquartett“ geben die Autoren Aulich und Heimeran einen Ratschlag, wie mit Musikern umzugehen sei, die nebenbei selbst Werke schreiben: „Es empfiehlt sich, solche Komponisten mit freundlicher Nachsicht zu behandeln, dann vergeht es eines Tages von selbst.“ Ob das allerdings bei Johannes Wulff-Woesten, der hauptberuflich seit 1991 als Solorepetitor und seit 2000 als Studienleiter und Dirigent an der Semperoper angestellt ist, fruchten würde? Vermutlich ist der Krankheitsverlauf längst unumkehrbar. Wulff-Woesten trägt das Kompositions-Virus seit seiner Jugend in sich, seine ersten Werke gelangten zur Aufführung, als er achtzehn Jahre alt wurde. Seitdem hat er Lieder, Kammermusik, ein Klavierkonzert, eine Sinfonie, mehrere Kammeropern geschrieben. Das Komponieren zum Hauptberuf zu machen – davon halten ihn wahrscheinlich nur ungläubig mit den Augen klappernde Familienangehörige mit dem Verweis auf seine „feste Stelle“ ab. Und das Dirigieren und Musizieren, gerade in Bayreuth, wo Wulff-Woesten seit 1996 als musikalischer Assistent und Solorepetitor arbeitet, hat ja auch – manchmal – schöne Seiten.

So müssen denn seine Kompositionen quasi nebenbei entstehen, wie auch sein neuestes Werk. „Dresden, Rippien, Bayreuth – November 2013 bis August 2014“ ist es unterschrieben. Es ist deshalb nicht weniger ernsthaft empfunden und mit weniger Herzblut gestaltet, sagt der Komponist. Für das Auftragswerk des Sächsischen Vocalensembles und seinem Leiter Matthias Jung hat er die musikalischen Ideen im vorigen Advent gesammelt und dann im sommerlichen Festspieltrubel auskomponiert. Die Werkidee an sich ist jedoch viel älter: „Als Pfarrerssohn, der gern Orgel spielt, wollte ich eigentlich schon immer ein Weihnachtsoratorium schreiben“, bekennt der Komponist. Indes galt es, dafür einen geeigneten Texter zu finden: „Passionen, Leiden und Schmerz, das kann jeder, aber wenn es um etwas Schönes gehen soll, um die Botschaft der Liebe, da ist sofort die Gefahr des Banalen oder Pathetischen, das Gefühlsduselige…“ Wulff-Woesten ging in Buchläden, googelte, schließlich stieß er auf die Autorin Christa Spilling-Noeker. Die evangelische Pastorin a.D. schreibe in einer „sehr authentischen, einfachen, ehrlichen und farbenreichen Art, und immer emotional.“ Wulff-Woesten griff zum Telefon; sein Ansinnen wurde nicht nur mit freundlicher Nachsicht behandelt, sondern begeistert aufgenommen.

Bei der Suche nach dem eigenen, individuellen Stil, der auf deutsche, französische und nahöstliche Musiktraditionen gleichermaßen abheben sollte, stellte sich irgendwann ein Problem heraus: „‚Es begab sich aber zu der Zeit‘, das kann man doch eigentlich nach Bach gar nicht mehr komponieren! Und rezitieren, das wäre auch nichts…“ Die Librettistin musste also neue Worte, neue Verse, neue Formen finden. Das Ergebnis heißt nun „Jedem leuchtet ein Stern“. Zwölf Instrumente sind in der Partitur gesetzt, die – soviel Anlehnung an das Vorbild durfte sein – aus sechs Teilen besteht. Auch von den Gattungsbegriffen ist Wulff-Woesten einen klassischen Weg gegangen: Chöre, Rezitative, Arien und Choräle wechseln sich ab. „Ich wollte musikalisch etwas finden, das einen Wiedererkennungswert hat, charakteristisch ist, ohne in plakativen Weihnachtsjubel abzugleiten. Immerhin, wenn es um Freude geht, darf der Chor auch mal swingen! Und“, sagt der Komponist und wird ernst, „ich habe versucht, eine Weihnachtsarie zu schreiben, die ’schön‘ sein will. Richtig moderne Komponisten werden da bestimmt Fragen haben. Aber ich möchte hier probieren, ehrlich zu sein, eine neue Empfindsamkeit zu entdecken. Ich empfinde einen Dur-Akkord auch einfach mal schön, und möchte dabei nicht gleich ein schlechtes Gewissen haben.“

Vielleicht ist das ja ein wesentlicher Aspekt, der manche Komponisten im Positiven von der Speerspitze der musikalischen Avantgarde unterscheidet: man versucht, nahbar zu bleiben und fasslich. Wulff-Woesten ist sich der Tatsache bewusst, dass er sich durch seine populären Kompositionen unter ernsthaften Kollegen auch angreifbar macht, und dass die Grenze zum Rührseligen eine grüne Grenze ist. Aber, fragt er, „warum können wir Deutschen nicht mal einfach sein? Von Engeln, von einem guten Wort, von einer liebevollen Geste schreiben?“ Das neue Weihnachtsoratorium ist dennoch ganz bewusst kein Rührstück geworden. Es beginnt – wiederum in Anlehnung an das große Vorbild – mit einem zweitönigen Paukenmotiv, bei dem es hörbar um einen Bombeneinschlag geht. Blockflöte und Klarinette stimmen ihre Klagen an, Konflikte durchziehen das Werk. Ganz allmählich deutet sich dann ein Ausweg, eine frohe Botschaft an. Gar zu einfach macht es uns der Tonschöpfer indes an keiner Stelle, in keinem Takt. Wer musikalisch genauere Vorstellungen braucht, der sei gewarnt: der Name des Komponisten reimt sich immer noch auf toasten, nicht auf trösten!

13. Dezember, 19 Uhr, Dreikönigskirche, Uraufführung „Jedem leuchtet ein Stern“. Sächsisches Vocalensemble, Dresdner Kapellsolisten, Julia Sophie Wagner (Sopran), Annekathrin Laabs (Alt), Henryk Böhm (Bass), Matthias Jung (Leitung). Kartentel. 0351 2683543

Eine Textfassung des Artikels ist am 10. Dezember in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.