Der alte Mann und ein Fuchs

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Der alte Mann und ein Fuchs

Foto: Matthias CreutzigerFoto: Matthias Creutziger

Was Bizet seine »Carmen«, ist bei Janáček »Das schlaue Füchslein«. Die Sehnsucht nach dem Fremden, Wilden. Neugier auf Erfüllung ungeahnter Träume. Und auch der grundsätzliche Fehler ist in beiden Opern derselbe: Kaum wird das ungezähmte Wesen greifbar, soll es gefügig gemacht werden, sich anpassen. Unvorstellbar, dass eine Carmen zur biederen Hausfrau verkommt, dass ein schlaues Füchslein den försterlichen Hühnerhof ohne Federlesens bewacht. Beide Opern bedienen (oder entspringen) Männerfantasien. Beide brauchen Kinderchöre. Und sowohl Carmen als auch das Füchslein, das natürlich eine Füchsin ist, sind am Ende tot. Genug der Gemeinsamkeiten? Tiere auf der Bühne können nur stören. Oder überflüssig sein. In »Carmen« braucht Escamillo keinen Stier, um dennoch siegreich zu sein. Braucht »Das schlaue Füchslein« einen Fuchs?

Die jüngste Neuproduktion an der Dresdner Semperoper, inszeniert von Frank Hilbrich, hatte tatsächlich einen echten Reinecke aufzubieten. Der hat nicht gestört, war vielleicht auch nicht zwingend vonnöten, ist aber ein Hingucker gewesen und sorgte vor allem beim Schlussapplaus, als er in den Armen seines Besitzers ganz vorn mit auf der Bühne war, für mancherlei Ah und Oh gesorgt. Ansonsten war das Findeltier, das von klein auf den Umgang mit Menschen gewohnt war, in einem separaten Gehäuse und wurde vom alten Förster angestarrt, als hätte der in diesem Tierchen seinen neuen Lebensquell gefunden.
Aber der Förster trägt einen schneeweißen Anzug, mitten im Wald! Und dieser Wald ist zudem ein Kastengefüge mit schraffierten Wänden und mobilen Öffnungen. Gefangen in seinem Selbst, mag das ausdrücken (Bühnenbild: Volker Thiele). Und der schicke Anzug (Kostüme: Gabriele Rupprecht) geht auf eine Anekdote zurück. Denn Leoš Janáček soll sich in der Vorbereitung auf diese Oper für Füchse in der freien Natur interessiert haben und wollte gemeinsam mit Wildhütern einen Ausflug dahin unternehmen. Die wiesen den Meister aus Mähren jedoch erst einmal zurück: er solle sich passendere Kleider besorgen als just so ein weißes Gewand!

Üppig klingende Traumwelten

Die Inszenierung greift also biografische Bezüge auf und spiegelt die Handlung durch das Erleben des Komponisten. Der hatte sich als fast Siebzigjähriger in eine knapp vierzig Jahre jüngere Frau verliebt. Ein Sehnsuchtsdrama, denn beide waren verheiratet.
»Das schlaue Füchslein« ist natürlich mehr als nur die Metapher auf ein ungelebtes Glück. Es ist einerseits eine beinahe niedliche Kinderoper. Andererseits geht es um nichts weniger als um die Angst vorm nahen Tod, um das Aufbegehren von Sehnsüchten und Wünschen, um Liebe und Lust.
Das haben Hilbrich und sein Team geschickt ineinander verschränkt, keine Nuance vernachlässigt, aber auch keine unbotmäßig überbetont. Denn für das Erfassen von zweiter und dritter Ebene sorgt schon die Musik. Und die hatte in Tomáš Netopil einen kundigen Sachwalter, der mit der Staatskapelle nicht nur den bunten Wald, sondern auch das heiße Blut zum Rauschen brachte. Schwelgerische Streicher, sattes Gebläse brachten die Kunde herüber, die nicht in Worte zu fassen ist. Dass dabei die Poesie nicht zu kurz kam, gehört ebenfalls auf die Haben-Seite dieser Premiere.
Fein geführt auch die Chorstimmen des Staatsopernchores sowie von Kindern der Singeklassen des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Sie wuseln, mit sichtlicher Freude füchselnd, als Nachwuchs der schlauen Füchsin über die Bühne, die sich nach ihrer Flucht aus der Menschenwelt einen passenden Partner nahm. Diesen Fuchs hat Barbara Senator mit schneidiger Schärfe gesungen. Er bzw. sie war um die Füchsin Bystrouška nur zu beneiden. Vanessa Goikoetxea hat das wilde Wesen alles andere als handzahm gegeben und sich in stimmlich unangreifbarer Präsenz bewiesen.

Aus der Fülle der Partien stachen Birgit Fandrey als toller Herr Hahn hervor, Roxana Incontrera als Frau Schopf-Henne, Tichina Vaughn als Försterin sowie Matthias Henneberg als gealterter Wilderer Harašta. Aber im Grunde gehörte der Abend dem Förster von Sergej Leiferkus, der als vorsichtiges Alter Ego Janáčeks den alten Mann gab, der seinen Fuchs nicht bekam. In Dauerpräsenz auf der Bühne beobachtete er das Treiben, das auch ohne ihn stattfand. Bitter wurde er nicht, er fügte sich drein. Verzweifelt, eine Spur auch gebrochen. Dieses psychologische Spiel im Spagat gelang dem russischen Bariton ebenso wie sein charaktervoller Gesang mit samtenem Timbre.
Üppig klingende Traumwelten in gelungener Interpretation. Und der Fuchs, also der echte? Der war zum Schlussszene nochmals zu sehen – tierisch unbekümmert, wie könnte es anders auch sein.

Termine: 21., 27.10., 1., 21., 26.11., 9.12.2014

20.10.2014Rezensionen