Und dann schlägt Andrew Lloyd Webber zu

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Und dann schlägt Andrew Lloyd Webber zu

Es war Sonntagnachmittag, um drei Uhr. Kein Platz blieb leer zur dritten Aufführung. Am Ende starker Beifall, Jubel und begeistere Zuschauer, die es von den Sitzen riss. Etliche von ihnen könnten damals dabei gewesen sein, 1987, als die Staatsoperette sich die Erstaufführungsrechte für die DDR gesichert hatte und mit Bettina Weichert in der Titelpartie, in der Inszenierung von Walter Niklaus einen ihrer legendären Erfolge feiern konnte. Inzwischen gab es einen Film mit Madonna, ein Gastspiel einer vielgelobten Tourneeinszenierung in Dresden. Jetzt ist „Evita“ wieder da.

Wolfgang Schallers Idee: diese Produktion soll ins neue Operettentheater im Zentrum der Stadt mitwandern. Das im Stile einer Rock-Oper durchkomponierte Musical von Andrew Lloyd Webber mit den Texten von Tim Rice beginnt am 26. Juli 1952. An diesem Tag stirbt Eva Perón, die „Evita“, im Original des Stückes wird eine Kinoverstellung unterbrochen und die Nachricht des Rundfunks eingespielt. Jetzt, in der neuen Inszenierung von Winfried Schneider auf der so praktikablen, zumeist so gut wie leeren, doch stationengerechten Bühne von Roy Spahn, ist es ein Tangolokal. Die Stimme aus dem Lautsprecher, die die Todesnachricht bringt, erklang schon 1987 an gleicher Stelle. Eine schöne Hommage an den damaligen Regisseur Walter Niklaus, dessen markante Stimme ja vor allem durch seine vielen Arbeiten als Synchronsprecher oder aus Hörspielproduktionen bekannt ist. Und dann schlägt Andrew Lloyd Webber zu: Erschütterung pur, ein Requiem für Evita, da ist nichts heilig, eine solche Musik zwingt, innerlich zumindest, auf die Knie, auch wenn man sich dabei nicht so gänzlich wohl fühlen mag.

Und dann beginnt die nach vorn drängende Rückblende in 14 Stationen – man darf da gerne an die Traditionen katholischer Kreuzwege denken – und das Leben, das Leiden, das Sterben und die Auferstehung der wie Jesus nur 33 Jahre alt gewordenen Evita, ziehen gesungen und getanzt nach der Art eines Stationendramas wie ein Mysterienspiel an uns vorbei. Evita Aufbruch, ihr Aufstieg, für den sie Haarfarbe und Betten wechselt, ihre Begegnung mit dem späteren Diktator Perón, die Ablehnung, auf die sie bei der Oberschicht und dem mächtigen Militär trifft und endlich ihr Sieg als Gattin an der Seite des mit überwältigender Mehrheit gewählten Präsidenten Argentiniens: jetzt ist sie als rechtmäßige Eva Perón die „Evita“. Sie beherrscht das politische Alphabet der Verführung, der Manipulation und wird schon zu Lebzeiten zur „Santa Evita“. Sie verteilt Spende an die Armen und nimmt die immer reicher fließenden Zuwendungen der Aristokratie an. Ihre Propagandatour durch Europa ist ein Desaster; hier ist man misstrauisch nach den noch frischen Erfahrungen mit Diktaturen. Aber Evita fordert des Schicksal heraus, missachtet die gefährlichen Signale ihres geschwächten Körpers, will unbedingt Vizepräsidentin werden und muss aufgeben. Jetzt noch einmal, der Hit des Stückes, mit tränenerstickter Stimme, „Wein nicht um mich, Argentinien“. Noch einmal die geschickte Meisterin der Manipulation, denn Argentinien wird weinen und noch immer fließen die Tränen, im Stück nicht zuletzt wegen der weniger auf Ohr denn auf die entsprechenden Drüsen zielenden Musik. Wer aber dennoch die Ohren nicht verschließt, die Tränen zurück halten kann und sich den klaren Blick bewahrt, der mag sich nach gut zwei Stunden Musiktheater in der Staatsoperette schon fragen, wie es immer wieder klappt, der falschen Heiligen den entsprechenden Schein zu verleihen?

Winfried Schneider und sein Bühnenbildner setzten noch eins drauf. Evita als Schatten ihrer selbst, geschwächt und zerbrechlich, unheilbar an Krebs erkrankt, ganze 33 Jahre alt, wie Jesus am Karfreitag, schwebt im Gewirr aus Schläuchen und Medizintechnik engelsgleich als Märtyrermadonna in die Ewigkeit der Heiligenverehrung. Da kann der Widersacher Che mit seinen bissigen Kommentaren und Situationsanlysen nichts ausrichten, die Vernunft bleibt auf verlorenem Posten. Die Kunst der Unterhaltung hingegen hat in dieser neuen Produktion der Staatsoperette eine Vielzahl großer Momente, die Choreografie der Verführung funktioniert. Beindruckende Bilder immer wieder für den Chor, den Kinderchor und Mitglieder des MusicalChoresDresden, vor allem des Balletts, seien es die geschmeidigen Tangoszenen oder vor allem die ironischen Hüpfer der Herren des Militärs. Die sind so genau in die Absurdität geführt, dass man eigentlich fast täglich, bei den TV-Nachrichten über entsprechende Paraden zu ganz unterschiedlichen Anlässen, nicht nur in heutigen Diktaturen, daran erinnert wird.

Olivia Delauré in der Titelrolle (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)Olivia Delauré in der Titelrolle (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

Olivia Delauré in der Titelpartie kann singen, tanzen und spielen, sie bricht auf voller Lebenshunger, steigt auf im vollen Bewusstsein ihres Manipulationstalentes und stirbt im ebenso sicheren Gespür ihrer nicht aufzuhaltenden Unsterblichkeit. Eigentlich eine Opernheldin wie sie im Buche steht, nur betrat sie die Bühne ihrer Selbstinszenierung leider erst mehr als 30 Jahre nach Verdis Tod. Also müssen wir uns mit Andrew Lloyd Webbers weniger genialer, dafür aber eingänglicher und rasch vorüberklingender Musik zufrieden geben. Eher rezitativisch, kommentierend und vielleicht sogar interessanter als der übliche Dampf des Stückes ist die Partie des Gegenspielers Che, und das weiß Marcus Günzel gut für seine Präsenz zu nutzen. Peter Christian Feigel als Dirigent und unbedingt zu erwähnen Andreas Balaskas als Sound-Designer rollen der unheiligen Heiligen den Klangteppich aus; dazu ein so sehens- wie hörenswertes Ensemble in kleineren und kleinsten Rollen.

Nächste Aufführungen: 17., 18., 19. Oktober

13.10.2014Allgemein, Rezensionen