Ein Weiberfeind aus Glasgow

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Ein Weiberfeind aus Glasgow

D’Albert mit Frau Numero zwo (Alle Fotos: Peter Bäumler, Reproduktionen: PR)

Einen eigenen Kompositionspavillion musste er sich schaffen, im ruhigsten Eck des kleinen Parks um seine Villa, die er in Kötitz bei Coswig 1891 erworben hatte, denn es dürfte oft laut zugegangen sein. Zwei Neugeborene in seiner zweiten Ehe mit einer heißblütigen Lateinamerikanerin, die selbst in ihre damit dritte Ehe schon zwei Töchter mitgebracht hatte. Teresa Carreño die strahlende, feurig-temperamentvolle Venzolanerin aus Caracas, war eine weitgereiste und weltgefeierte große Pianistin, Komponistin und Künstlerin die auch dirigierte und sang – mit dem Ruf als Solistin die „Walküre des Klaviers“ zu sein. Anstelle von Küssen schallten bald auch Kräche des ungleichen Paares – er elf Jahre jünger als sie, einen Kopf kleiner und von anderem Temperament – durch die Räume und von der Terrasse des Landhauses, das den Namen »Villa Teresa« nach der Hausherrin bekam. Was als glühende Liebesaffäre nur vier Jahre zuvor begonnen hatte, beendete 1895 d’ Alberts Scheidungsantrag.

Der Pianist und Komponist, der sich zu seiner Dresdner Zeit vor allem mit dem Schreiben von Opern befasste, hatte seinen Wohnsitz Coswig strategisch gewählt, um in die Nähe des in Radebeul ansässigen Generalmusikdirektors der Dresdner Hofoper Ernst von Schuch zu kommen, der gerne ‚Novitäten‘ förderte. Antichambrieren half, und Schuch brachte d’ Alberts neue »Ghismonda« schon 1895 zur Uraufführung. Sie erzielte beachtliche Resonanz, auch am königlichen Hof. Solche hatte auch die Uraufführung 1916 der Oper »Die Toten Augen«‚ was dem dritten in Dresden, 1932 bereits posthum uraufgeführten Opernwerk »Mister Wu« nicht mehr gelang. Neben der Erstaufführung in Dresden seines Welterfolgs »Tiefland« – uraufgeführt 1903 in Prag – gab es noch sechs weitere Erstaufführungen am ‚Königlich Sächsischen Hoftheater‘ aus d’ Alberts beachtlichen Schaffen von 21 Werken der Gattung Oper: »Kain«, »Die Abreise«, »Flauto Solo«, »Tiefland«, »Liebesketten« und »Revolutionshochzeit«. Nachhaltig blieben sie nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Bis eben auf das effektvoll komponierte, spannende Bauerndrama »Tiefland«, dessen Popularität durch Leni Riefenstahls Verfilmung als Produzentin und Hauptdarstellerin, fertiggestellt 1944, noch einen Schub erhielt.

Der am 10. April vor 150 Jahren in Glasgow geborene Eugène Francis Charles d‘ Albert wurde früh an Musik herangeführt. Von der Mutter ans Klavierspiel. Der Vater war Tanzkomponist und -dirigent und wurde als ‚britischer Johann Strauß‘ bekannt. Schon mit 10 Jahren wurde d‘Albert mit einem Musikpreis ausgezeichnet, der ihm ein Stipendium für das Studium an der Neuen Musikschule in London einbrachte. Das hinterlassene kompositorische Gesamtwerk d‘ Alberts umfasst eine Vielzahl kammermusikalischer Instrumentalkompositionen und Lieder, zwei Klavierkonzerte und eine Sinfonie – die Opernwerke dazu.

Berühmt geworden ist d‘Albert als Pianist, seinen Ruhm als Komponist übersteigend. Mit 15 Jahren durfte er Anton Rubinstein vorspielen. Mit 18 bereits in Weimar zum Hofpianisten ernannt, gehörte er zu den letzten Schülern Franz Lists in dessen sommerlichen Klavierstunden. Der Altmeister attestierte ihm: „Ihr seltenes Talent ist offenkundig: es näher kennen zu lernen, wird mir sehr angenehm sein.“ Zahlreiche Konzertreisen schlossen sich an seine Ausbildung an. Berühmt wurde er mit seiner, noch in der Virtuosentradition des 19. Jahrhunderts stehenden, Interpretation der Klavierwerke von Ludwig van Beethoven und Johann Sebastian Bach. Er galt als „Universalerbe der pianistischen Kunst Listzs und Bülows“. Obwohl schon möglich, gibt es keine Grammophon-Aufnahmen seines Spiels. Doch Einspielungen mit dem pneumo-mechanischen Welte-Klavier auf Lochpapier sind konserviert und mit modernen Flügeln reproduziert auf CD bei TACET zu erhalten.

Christine Matthé an der Hörstation der neuen Ausstellung.

Mit Engelbert Humperdinck, Richard Strauß, Gerhardt Hauptmann war d‘ Albert freundschaftlich verbunden, Richard Wagner war sein Idol. Carl Bechstein, der Gründer der gleichnamigen Klavierfabrik in Berlin, war Hausfreund in Coswiger Zeit der d‘ Alberts. Deren erstgeborene Tochter Eugenia erhielt von ihm einen Flügel geschenkt. Als nahezu das einzige Objekt jener Zeit und heute wohl auch das wertvollste, ist er zentraler Augenfang des ‚Eugen d‘ Albert & Teresa Carreño-Museums‘ in Räumen auf der Beletage von Villa Teresa. Aus Anlass des 150 Geburtsjubiläums d‘ Alberts jetzt im Juli neu gestaltet und erweitert, erinnern viele Bildoriginale, Autographen, Schriftwechsel, eine Tafel der Lebenswege, eine Hörstation an Werk und Leben des zu ihrer Zeit bedeutenden Virtuosen-Paares. Kompositionen d‘ Alberts sind selten zu hören, von den Opern nur noch »Tiefland«.

Der ‚Villa‘ mit Ihrem Park wiederfuhr nach Trennung und Auszug der d‘ Alberts ein wechselvolles Schicksal. Bis am Ende der DDR-Zeit – im ‚Volkseigentum‘ der Stadt Coswig seit 1961 – der Park verwildert und das Haus völlig ausgeräumt und heruntergekommen war. Mit einem einzigen Rückblick der Erinnerung, als der Botschafter Venezuelas 1987 eine Erinnerungstafel an Teresa Carreño anbringen ließ. Seit Mitte der 90iger Jahre pflegt, hervorgehend aus einem Kulturverein, die ‚Teresa Carreño & Eugen d‘ Albert Gesellschaft zu Coswig e.V.‘ das musikalische Erbe der beiden Künstler und fördert die Ausgestaltung der Villa Teresa Coswig zu einer lebendigen Gedenk- und Forschungsstätte. Mit Kraft der Stadt Coswig ist die Villa in etwa auf ihren Urzustand restauriert, die Komponierlaube wieder errichtet, der Park gepflegt zu einem Gesamtkleinod, das den Charme der Bel Epoche ausstrahlt.
Die Villa Teresa Coswig lebt. Rund 70 Konzert- und Kulturveranstaltungen im Jahr zählt die Leiterin Christiane Matthé inzwischen und freut sich, dass der Ort auch für Hochzeiten genutzt wird. 5000 Besucher im Jahr bringt das ins Haus mit steigender Tendenz. Die Ausstellung ist zugänglich zu den Veranstaltungszeiten und auf Verabredung.

D‘ Alberts Schicksal mit den Frauen blieb wechselhaft. Nach der sechsten Ehe erklärte er sich zum „Weiberfeind“, hatte aber danach noch weitere Beziehungen, als letzte Lebensgefährtin eine viel Jüngere, die Kinderpflegerin gewesen war. Er starb 68jährig in Riga, wohin er sich abgesetzt hatte, um seine Scheidung von letzter Ehe zu erwirken…

04.07.2014Features