Fulminante Eröffnung des Strauss-Jahres 2014: »Elektra« an der Semperoper Dresden

Rezensionen

Fulminante Eröffnung des Strauss-Jahres 2014: »Elektra« an der Semperoper Dresden

Evelyn Herlitzius (Elektra) und René Pape (Orest), Foto: Matthias Creutziger

"Sie ist ein Ungeheuer!", flüstert Herodes leise zu seiner Gattin und meint natürlich Salome damit. Der Satz dürfte 1909 auch einigen Musikern entfahren sein, als sie das erste Mal die Partitur der "Elektra" in der Hand hielten. In keinem anderen Werk hat Richard Strauss den spätromantischen Tonsatz so weit getrieben, und er hat es auch nie wieder getan, denn mit diesem Werk, das sich in der Thematik der "dunklen Seite" der Menschheit konsequent an die Salome anschließt, war für den Komponisten eine Grenze erreicht.

105 Jahre nach der Uraufführung, im Jahr von Strauss' 150. Geburtstag und fünf Jahre nach dem letzten Vorhang der Inszenierung von Ruth Berghaus hat Dresden seit heute eine neue »Elektra«. Selbstverständlich lag die musikalische Leitung in den Händen von Chefdirigent Christian Thielemann, dazu gesellte sich ein "Luxus-Starsängerensemble". Spätestens hier stutzt man das erste Mal, denn sollte dies für dieses wunderbare Opernhaus, für die Staatskapelle und natürlich für den Hauskomponisten Richard Strauss, der neun seiner Opern in Dresden uraufführen ließ, nicht selbstverständlich sein? Der neue Intendant Serge Dorny steht in den Startlöchern, und Thielemann passt mit seinem Können und Repertoire an das Haus wie kein zweiter, insofern stehen die Zeichen auf Aufbruch. Dass zudem mit Evelyn Herlitzius und René Pape zwei Weltklasse-Sänger verpflichtet werden konnten, deren Bande lange mit Dresden verknüpft ist, sollte hoffnungsfroh machen.

Ein Sängerfest also, ein musikalisches Fest ohnehin; alles, was "nett" und angenehm erscheint angesichts eines Opernbesuches, muss bei dieser Tragödie ohnehin ausgeblendet werden. Mit den ersten d-Moll-Fanfaren befindet man sich mitten auf der Szene des darbenden und sich selbst vernichtenden Tantalidengeschlechtes. Die Intendantin des Zürcher Schauspielhauses Barbara Frey gab mit der »Elektra« ihr Regiedebüt an der Semperoper. Muriel Gerstner, ebenfalls eine Schweizerin, gestaltete das Bühnenbild. So bühnenwirksam und dramaturgisch brillant Hofmannsthal und Strauss ihr Meisterwerk entwickeln, so problematisch erscheint es auf den ersten Blick für die Regie: Szene? Fehlanzeige. Jedenfalls im konventionellen Sinn, denn was wirklich in diesen 110 Minuten im musikalischen Feuerofen an Handlung passiert, läßt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen.

Frey konzentriert sich also auf die Psyche der Personen und agiert in der Regie derart minimalistisch, dass man den Eindruck hat, es ist gar kein Spiel mehr auf der Bühne, sondern "es muss so sein". Das hat natürlich einen Kniefall vor Richard Strauss zur Folge, denn die wenigen Schritte, Gesten und Körperhaltungen auf der Bühne lenken unabdingbar die Aufmerksamkeit auf Sprache und Musik. Freys plausible Zurückhaltung bekommt dann einen irritierenden Beigeschmack, wenn wenige klar inszenierte Ideen (Elektras und Orests Spiegelungen als Kinder oder Chrysothemis' Kleiderwandel am Ende) plötzlich wie eine schüchterne Entschuldigung aufscheinen: "der Meister Richard sagt ja eigentlich alles, aber wir hätten da eventuell noch was." Was allerdings in manch anderer Oper ein visuelles Desaster wäre, ist für die »Elektra« bereichernd: Gerstners "Holzpalast", der nicht nur aufgrund fehlender Fliesen im Hof brüchig wirkt, sondern auch in seiner Gesamtanlage merkwürdig geschmacklos erscheint, ist ein statisches Symbol für eine explosive Familienkonstellation, in der sich keines der Mitglieder mehr wirklich wohlfühlen kann und darf.

Zu einem wahren Triumph gerät Evelyn Herlitzius in allen Facetten gelebte Titelpartie. Was da aus ihr an Emotionen strömt und sich körperlich auch aus allen Poren mitteilt, ist eine Ausnahmeleistung. Was Herlitzius, aber auch die anderen Sänger in dieser Inszenierung vor allem vermitteln können und was einen auch lange nach der Aufführung noch bewegt, ist die Frage nach dem Menschlichen in dieser Tragödie. Es geht nicht um Identifikation oder Verstehen in der »Elektra«. Es geht eher um die leisen Zeichen eines Restes von Seele (die Strauss natürlich kongenial mit der Musik zu verbinden weiß), die in diesem Blutdrama so erschüttert. Zudem weiß Herlitzius den Charakter auch noch auf der Bühne grandios zu entwickeln – wilde Entschlossenheit weicht der am Anfang auch vom Orchester in aller Ruhe gezeichneten Wehklage über den toten Vater.

Überhaupt: das Orchester! Im ersten Drittel möchte man da gar einen weiteren Kniefall vermelden – da streichelt Thielemann seinen Strauss gar so sehr, dass man die Partitur fast noch zu Hause neben die Gedichtbände stellen möchte. Doch das Konzept geht natürlich auf: Thielemann sorgt dauerhaft für Glanz im Orchester, läßt die Sänger sanft auf dem Takt schweben und hebt sich das allmähliche Aufgeben der Contenance für das letzte Drittel auf, da wo ohnehin auch musikalisch kein Stein mehr auf dem anderen steht. Da allerdings hätten andere Dirigenten das Werk längst brutal zerschlagen. Was die Staatskapelle hier gemeinsam mit den Sängern veranstaltet, ist nicht mehr und nicht weniger als großes Kino. Will man schon Chrysothemis (Anne Schwanewilms mit filigraner Unschuld bereits in der Stimmführung) am liebsten aus der Traumahölle entführen, so harrt man bei Orests (René Pape) Auftritt gebannt: insistierend und klar erklärt dieser seinen Auftrag, gibt sich zu erkennen und regelt drinnen, im Schwarzdunkel des Palastes die unausweichlichen "Geschäfte". Waltraud Meier kann sich ebenso exzellent in ihrer Rolle der Klytämnestra entfalten; auch hier sind es vor allem die leisen Regungen ihrer Traum-Erzählung, die als wichtiger Baustein dieses Psycho-Dramas wirken. Souverän und sich gleichrangig in den guten Gesamteindruck einfügend sangen weitere Mitglieder aus dem Ensemble der Semperoper sowie der Chor mit den gewaltigen "Orest"-Rufen vom Rang. Nach zwanzig Minuten starken Ovationen für alle Beteiligten – vor allem aber für die überragende Evelyn Herlitzius – bleibt nur ein Fazit: besser, bewegender und auch authentischer geht's wohl kaum.

Weitere Aufführungen: 22./25./31. Januar, 22. und 29. Juni

18.01.2014Rezensionen