Das waren Zeiten!

Kolumnen

Das waren Zeiten!

Annette Jahns

Beim "I" wird es knapp. Dass die Dresdner Sopranistin Roxana Incontrera in Theo Adams Inszenierung des »Parsifal« zu den Blumenmädchen gehörte, macht sie nicht zur Wagnersängerin. Ihre Verdienste hatte sie in anderen Gefilden der Oper. Anders ist es mit dem deutschen Bariton Heinz Imdahl, der aber, soweit ich ermitteln konnte, in Dresden nicht gesungen hat. Auch an der Berliner Staatsoper war er nur sehr selten zu erleben, so in der Wiederaufnahme vom »Rheingold« aus dem Jahre 1957; dann in einigen Aufführungen ab 1962, als Wotan, alternierend mit Theo Adam. Ansonsten war der Sänger mit seinen Fachpartien, zu denen auch der Hans Sachs gehörte, weltweit unterwegs. Imdahl starb letztes Jahr in München. 1999 brachte Melodram in Milano eine Gesamtaufnahme von Wagners früher Oper »Das Liebesverbot« mit Imdahl in der Partie des Friedrich aus dem Jahre 1962 unter der Leitung von Robert Heger heraus, bei den Zugaben ist Heinz Imdahl in Wagnerpartien zwischen 1967 und 1969 zu erleben, als Telramund und Hans Sachs unter Joseph Keilberth, Holländer unter Hans Gierster, Wanderer aus »Siegfried« unter Rudolf Kempe und als Amfortas unter George Sebastian.

Beim "J" sieht es besser aus. Zunächst geht es weit zurück: mit Maria Jeritza und Hermann Jadlowker! Historische Tondokumente aus den Jahren 1914 und 1922 machen den Tenor und die Sopranistin, die zumindest dem Namen nach nicht so ganz unbekannt sein dürfte, für uns hörbar. Als kapriziöser Star soll die Jeritza mitunter anstrengend gewesen sein; als Sängerin und Bühnenerscheinung lagen ihr Puccini und Strauss zu Füßen. Im Wagnerfach überzeugte sie als Elsa, wagte sich dann sogar an die Partie der Brünnhilde, merkte aber, dass diese ihre Möglichkeiten überreizte. Lieber sang sie die Partie der Sieglinde und feierte damit international Triumphe. Man höre nur, wie flirrend und sinnlich sie "Du bist der Lenz" aus der »Walküre« oder wie zart und zerbrechlich sie "Euch Lüften, die mein Klagen" aus »Lohengrin« singt.

Dass der Tenor Hermann Jadlkower kein großes Stimmvolumen hatte, hört man. Dennoch muss er seine Zeitgenossen als Rienzi oder Lohengrin beeindruckt haben. Die historischen Aufnahmen lassen aber auch keinen Zweifel daran, dass man seinen angestrengt klingenden Gesang gerne in Kauf nahm. Jürgen Kesting spricht in seinem Buch »Die großen Sänger« von schmerzlich-expressivem Ausdruck, der durch das Überschreiten der Mittel erkämpft wird und "kein musikalischer, sondern ein sympathischer, ein vom Hörer erlittener Ausdruck" sei.

Nun ja, da wüssten wir heute auch manches Lied zu singen vom erlittenen Ausdruck, vom Überschreiten der Mittel. Für mich ein Phänomen: die Beliebtheit und der Erfolg einer Sängerin wie Dame Gwyneth Jones. Zugegeben, als sie in Dresden zu erleben war, in einem Liederabend mit den »Wesendonck-Liedern«, da hatte sie ihren Zenit bereits überschritten. Das Leiden war größer als der Genuss. Vollends tragisch klang es, als sie danach in Dresden ihr Rollendebüt als Ariadne in der Oper von Richard Strauss gab. Immerhin, es gibt Aufnahmen, die mehr überzeugen; auch im Videomitschnitt der legendären Ring-Produktion von Patrice Chéreau aus dem Jahre 1976 macht sie eine gute Figur als Brünnhilde. In Bayreuth war sie außer als Isolde und Ortrud in allen Partien ihres dramatischen und hochdramatischen Soprans zu hören. Dass sie als Mezzosopran begonnen hatte, gab ihr eine sichere Tiefe. In den Höhen konnte es, so belegen es Aufnahmen, nach meinem Empfinden mitunter recht schrill werden. Wahrscheinlich war auch die von den Zeitzeugen beschriebene Art der kompromisslosen Darstellungsweise dieser Sängerin Grund für die Beliebtheit. Da nahm man wahrscheinlich das mitunter ausufernde Vibrato der Sängerin in Kauf, worauf auch in Jens Malte Fischers Buch »Große Stimmen« kritisch hingewiesen wird.

Ebenso streitbar die zu ihrer Zeit unwahrscheinlich beliebte Sopranistin Gundula Janowitz, deren Aufstieg atemberaubend war und deren Abschied von der Bühne mit Anfang Fünfzig völlig überraschend kam. Immerhin hatte sie kurz zuvor noch zweimal in Dresden gastiert; nicht als Wagnersängerin, sondern in großen Partien von Richard Strauss. Ostern 1985 gastierte die Wiener Staatsoper mit »Ariadne auf Naxos«, Janowitz in der Titelpartie, wenig später gratulierte die Hamburgische Staatsoper zur Wiedereröffnung des Dresdner Prachtbaus mit »Arabella«, wieder die Janowitz in der Titelpartie. Ich fand das damals wunderbar, dieses mitunter sogar etwas herbe, aber sehr individuelle Timbre… Da war so ein Klang wie Silber, so fein, nicht ohne Gefahren, besonders bei sehr hohen Lagen oder Spitzentönen, aber von der Schönheit des Klanges her prädestiniert für Partien von Richard Wagner wie die der Elsa in »Lohengrin« oder Siglinde in »Die Walküre«. Letztere hat sie unter Karajan aufgenommen, Elsa unter Kubelik. Komisch: immer steht, anders als bei Strauss oder Weber, der zu vorsichtige, immer auf Wohlklang bedachte Ansatz einer restlos überzeugenden Gestaltung im Wege. Ihrer Agathe der Dresdner »Freischütz« – Aufnahme unter der Leitung von Carlos Kleiber vom Februar vor 40 Jahren bescheinigt Kesting die betörende Schönheit einer Somnambulen. Das dürfte ein ästhetisches Missverständnis auf höchstem Niveau sein!

Siegfried Jerusalem sang über 20 Jahre in Bayreuth. 1977 begann er als junger Seemann und Froh in »Tristan und Isolde« und in »Das Rheingold«, 1999 nahm er Abschied als Tristan. Er war Siegmund, Siegfried, Parsifal, Lohengrin und Stolzing. Der Sänger war von athletischen Fähigkeiten, bewältigte Harry Kupfers Anforderungen in dessen Ring-Inszenierung scheinbar mühelos und sang dazu kraftvoll, denn nur so konnte er mit dem eigentlich lyrischen Material seiner Tenorstimme hier punkten. Jerusalem mag zu jenen Sängern gehören, für die eine Neubewertung der Szene, eine höhere Erwartung an das Spiel, an die Arbeit der Regisseure recht kam. So passt er mit seiner körperlichen Präsenz auch gut als Siegfried in jene schon mehrmals erwähnte Dokumentation des sogenannten Jahrhundertringes von Patrice Chéreau.

Ob er in strengem Sinne zu den Wagnersängern zu zählen ist, weiß ich nicht; er war unter Otmar Suitner im Apollosaal der Berliner Staatsoper ein hinreißender Don Alfonso in »Cosi fan tutte«, wurde als Rodrigo in Verdis »Don Carlo« gefeiert und war für mich in den 60er Jahren in Berlin immer wieder ein überzeugender Sängerdarsteller in der Partie des Wolfram in Wagners »Tannhäuser« an der Berliner Staatsoper. Es geht um den tschechischen Bariton Rudolf Jedlicka, der damals zum Ensemble des Berliner Opernhauses gehörte, wo er das Fach teilte mit Sängern wie Robert Lauhöfer, Günther Leib oder Wolfgang Anheisser. Mensch, das waren Zeiten! Ob er in Dresden gastiert hat, konnte ich nicht ermitteln.

Auch sie ist keine Wagnersängerin im eigentlichen Sinne, aber wer die Dresdner Mezzosopranistin Annette Jahns als dunkel timbrierte Rheintochter im »Rheingold« erlebt hat, etwa bei der konzertanten Aufführung letzten Sommer im Teatro la Fenice in Venedig, oder besser noch als Interpretin der Wesendonck-Lieder, diesen Sommer wieder in Bayreuth, der dürfte diese glücklichen Eindrücke so rasch nicht vergessen. Am Teatro Massimo in Palermo hat sie in der neuen Ring-Produktion eine der Walküren gesungen, in der »Götterdämmerung«, die für November geplant war eine der Nornen, aber in Palermo ist das Geld alle, der Ring endet mit »Die Walküre«.

Immerhin, in Dresden gibt´s im Wagnerjahr gar keinen Ring. Dafür geht es kommenden Montag weiter mit dem persönlichen Wagner ABC, dann mit »K« und die Entscheidung für die Auswahl der Erinnerungen wird nicht leicht fallen… Bis dahin! Herzlich, Boris Gruhl

20.06.2013Kolumnen