„Ich mag die unfertigen Dinge“

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„Ich mag die unfertigen Dinge“

Als wir Sven Helbig das letzte Mal trafen, sprach er davon, sich von den "Dresdner Sinfonikern", die er mit seinem Studienkollegen Markus Rindt gegründet hatte, eine Zeit lang beurlauben zu lassen. Dieser "Urlaub" dauert jetzt schon fünf Jahre – Zeit, die Sven Helbig auch nutzte, um mehr und mehr selbst zu komponieren. Die "Pocket Symphonies" sind das letzte und bisher ambitionierteste Ergebnis. Und: ein Zurück zu den Sinfonikern wird es nicht geben, das wird während unseres Gesprächs klar.

Sven Helbig, wie sind die "Pocket Symphonies" entstanden?

Ich habe immer gern Songs gehört. Da gibt es zwei Themen, manchmal eine Modulation, A-B-C-Teil und nach dreieinhalb Minuten landet das Stück ganz organisch wieder und lässt den Zuhörern mit seinen Gedanken in Ruhe. Diese Form hat mich geprägt und ich wende sie hier auf orchestrale Musik an. Ein Musikwissenschaftler würde unter dem Mikroskop erkennen, dass es eine genetische Verwandtschaft von Songs und Sinfonien gibt.

Ein Sonatenhauptsatz besteht aus einem Kopfthema, einem zweiten Thema, einer Durchführung, Reprise, Modulation… Alles ist im Song auch enthalten, viel stärker komprimiert und zusammengefasst, leider manchmal auch bis zur Trivialität. Anspruchsvolle Songs von Peter Gabriel, Ben Folds Five oder Elliot Smith werden dem sinfonischen Vergleich aber gerecht. 

Ein Musikwissenschaftler würde auch hören: da bedient sich einer bekannter harmonischer Kadenzen, ist aber in der Anwendung strenger Regeln von Stimmführung etc. manchmal etwas nachlässig.

Ich mag die unfertigen Dinge, die nicht mit sonorem Meisternimbus durch die Welt gehen. Das Scheitern und das Gebrochene sind Bestandteile unserer heutigen Musik. Dagegen sollte der Kontrapunkt die Vollkommenheit Gottes und den christlichen Glauben abbilden. Die "Pocket Symphonies" sind keine Kontrapunkt-Musik. Das entspräche nicht meinen Hörgewohnheiten. Ich gehe nicht zur Beichte, wenn ich eine Quintparallele hören – denn ich lebe 2013, liebe populäre Musik und mag mich dem nicht widersetzen, nur weil ich jetzt für Orchesterinstrumente schreibe.

In der Welt der Klassik werden viele sofort misstrauisch, wenn eine Idee simpel klingt und gar noch ein populäres Echo findet. Man mag ja dieses – im positiven Sinne – elitäre Glasperlenspiel: man erkennt, welche Regeln sich der Komponist aufgestellt hat, und schöpft Genuss und Freude daraus, im Laufe des Stücks immer wieder überrascht und doch bestätigt zu werden. Ich könnte mir vorstellen, dass manchen Klassikhörern die "Pocket Symphonies" da schlicht zu banal daherkommen, vielleicht würde man vermuten, sie seien auf "populär" gebürstet.

Zum Anfüttern… (http://youtu.be/mXx3aR3mmfI)

Wenn der „Klassikhörer“ das so empfindet, muss er sich komplexere Musik anhören. Davon gibt’s reichlich und ich liebe auch diese. Die „Pocket Symphonies“ sind für eine Welt geschrieben, in der ich mich zu Hause fühle. Dort gibt es neben Mahler auch einen James Brown, Eminem oder Frank Ocean. Aus dieser Welt komme ich und für diese Welt stehe ich. Da gibt es nichts auf populär zu „bürsten“.

In einem Vortrag sprachst du kürzlich von Dresden als "heiligem Platz zum Komponieren“. Wieviel Stadt steckt in den Pocket Symphonies?

Dresden – das ist ein Ort, in dem die Tradition vor allem versteckt in den Mauerritzen lebt. Wenn man die Geschichte der Stadt kennt, ahnt man die starke künstlerische Kraft, die einmal von hier ausging. Dresden, Leipzig, der sächsische Raum war prägend für die Musikgeschichte, Sachsen dominierte die Sinfonik der ganzen Welt. Dresden gehört zu meinem Leben. Aber es kommt in den Pocket Symphonien nicht buchstäblich vor. Solche Kompositionen haben zwar immer eine persönliche Note, aber ich will den Menschen nicht meine persönlichen Geschichten aufdrängen.

Immerhin gibst du ihnen anspielungsreiche Werktitel mit auf den Weg.

Der Titel jedes Stücks bezieht sich auf die Situation, in der die Musik sich entfalten konnte. Es war schwierig, den Sachen Namen zu geben. Mir persönlich fällt es leichter, mich einer Kunst zu nähern, die sich letztlich vom Autor löst. Mit einem Titel bringt man sich da zu leicht wieder selbst ins Spiel.

Das kulturelle Dresden und seine immerwährende, leidenschaftliche Nabelschau.

Dresden und Tradition – das ist ein weites Feld. Die Dresdner Philharmonie zum Beispiel sieht sich als traditionelles Orchester, ihre Marke ist der "Dresdner Klang". Aber Dresdner Tradition bedeutete auch: das Orchester setzte sich für Werke von Komponisten ein, die noch lebten. Damals war das zufällig Bruckner. Wenn man "Tradition" fortsetzen möchte, muss man heute wieder nach einem Bruckner suchen. Wo sind da die Aufführungen etwa des Dresdners Torsten Rasch? Die Geisteshaltung und das eigene Tun bestimmen, in wessen Tradition man steht, nicht nur das Feiern früherer Leistungen.

Warum werden die "Pocket Symphonies" nicht von den »Dresdner Sinfonikern« aufgeführt, sondern vom Leipziger MDR Sinfonieorchester?

Ein einfacher Grund: das Geld. Ich hätte das Projekt gern mit den Dresdner Sinfonikern gemacht, weil es natürlich eine starke emotionale Bindung gibt, aber es wäre einfach zu teuer geworden. Der MDR nimmt die Aufgabe, nach neuen, interessanten Projekten zu suchen, sehr ernst, und versucht diese zu ermöglichen. Außerdem ist der neue Chefdirigent des MDR, Kristjan Järvi, ein perfekter Partner für neue Orchestermusik. Wir haben uns sofort sehr gut verstanden. Ich war begeistert von ihm.

Du selbst bist bei dem gelben Label nun unter Vertrag. Was bedeutet das für deine Arbeit, auch finanziell?

Ich habe einen Vertrag für drei Alben unterschrieben. Für das Finanzielle hat das keinen Belang, weil heute nicht mehr so viele CDs verkauft werden, dass man überhaupt in den Bereich des Verdienens kommt. So denkt man beim Label auch nicht. Dort war das Erste, das ich gehört habe: ich solle überhaupt nicht daran denken, was wem gefallen könnte; sie wollten, dass ich mit meiner Arbeit glücklich bin. Klar geht es dem Label auch ums Verkaufen; man sieht ja, dass die Pianistinnen immer jünger und hübscher werden. Aber wenn es um neues Repertoire geht, reden sie einem nicht rein. Nein, es gibt etwas wichtigeres: Die Wahrnehmung meiner Arbeit wird sich verändern. Die Künstlerfamilie der Deutschen Grammophon ist ein exklusiver Kreis, der einem viel ermöglicht.

Wie sehen deine Pläne für die nächste Zeit aus?

Das Komponieren wird in Zukunft in den Vordergrund rücken… (Foto: Harald Hoffmann)

Es gibt ein neues, schönes Projekt mit den Pet Shop Boys über den Mathematiker Alan Turing, der den Enigma-Code geknackt hat. Im Januar schließe ich ein Chorwerk ab für ein Theaterstück von Sybille Berg ab. Zum 200. Wagner-Geburtstag orchestriere ich etwas für "Apokalyptica". Das Arrangieren und Orchestrieren sind allerdings Überhänge aus den letzten fünf, sechs Jahren meiner Arbeit. In Zukunft wird das Komponieren in den Vordergrund rücken.

Vielen Dank für das Gespräch.

25. Februar 2013: "Pocket Symphonies" (UA). Albertinum. Weitere Infos hier.

21.02.2013Interviews